Leuchttürme : Brandung zum Frühstück

Eine Übernachtung im Leuchtturm ist nicht nur in Deutschland begehrt. Wer wellenumspült wohnen will, muss allerdings lange im Voraus buchen

Dietmar Scherf
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Blick in die Wogen. Der Leuchtturm »Roter Sand« in der Bremer Bucht wurde 1964 außer Dienst gestellt. Seit 1999 sind Urlauber in...ddp

Nachts allein mitten im Meer, Wellen klatschen ans Fenster, Wind rüttelt an der Tür. Urlaub im Leuchtturm ist etwas Besonderes, man muss die Nähe zu den Elementen mögen. Seekrank wird man dabei jedoch nicht.

Die Auswahl an touristisch vermarkteten Leuchttürmen ist nicht zuletzt wegen der großen Nachfrage in den vergangenen Jahren gewachsen. Gleichwohl: Die besonders attraktiven Plätze sind oft weit im Voraus ausgebucht. Wer jetzt auf den Sommer spekuliert, sollte sich schnell entschließen, die Buchungen werden jetzt entgegengenommen.

Susac, Kroatien

Allein auf einer kleinen Insel, fern vom Festland, fern von anderen Inseln, fern von allen gängigen Schiffsrouten, schon fühlt man sich wie Robinson Crusoe. Immerhin, ein festes Dach über dem Kopf gibt es für alle Gestrandeten auf Susac – den Leuchtturm. Und zwei, drei Mitbewohner – die Leuchtturmwärter, Ive und Tomi. Sie kennen jeden Stein auf dem schroffen Eiland, das mitten in der Adria zwischen der kroatischen und italienischen Küste liegt. Gern führen die beiden ihre Gäste zu versteckten Buchten auf der Ostseite und zu dem durch eine Grotte mit dem Meer verbundenen See auf der Nordseite der Insel.

Bei Ive und Tomi gibt’s Fische und Wein zu kaufen, sollten die mitgebrachten Lebensmittel mal knapp werden. Der Leuchtturm, ein Steingebäude aus dem Jahr 1878 mit zwei Vierbett-Ferienwohnungen, ist einfach eingerichtet (keine Heizung) und steht atemberaubend auf einem riesigen, extrem steilen Felsen.

Anreise: von Split mit der Fähre nach Vela Luka auf der Insel Korcula, von dort 105-minütiger Transfer mit dem Wassertaxi.

Wicklow Head, Irland

Ferienwohnungen machen fit, wenn die sechs Zimmer übereinander liegen und es 109 Stufen bis zur Küche unterm Dach sind. Koffer ins Schlafzimmer schleppen, 3. Stock, kurz ins Bad, 4. Stock, kochen im 6. Stock, dann die Kinder aus dem 2. Stock abholen und mit allen ins Wohnzimmer noch einmal drei Etagen höher stapfen. Dafür entschädigen die hübsch mit Messingbetten eingerichteten, wenn auch etwas kleinen, achteckigen Räume im Leuchtturm Wicklow Head, südlich von Dublin.

Hinter hohen, schmalen Fenstern glänzen Hügel im irischen Grün, und auf der anderen Seite liegt einem das Meer zu Füßen. Der Turm, 1781 mit einen Meter dicken Mauern aus grauem Stein auf dem Long Hill erbaut, leuchtet nicht mehr, ist aber bis heute ein wichtiger Orientierungspunkt für Segler. Der Irish Landmark Trust ließ das 23 Meter hohe Seezeichen 1996 restaurieren und eine komfortable Ferienwohnung einrichten.

Llandudno, Wales

Tosend branden die Wellen an die walisische Küste. Darüber thront auf einem Kliff der burgähnliche Leuchtturm von Llandudno. Von 1862 bis 1985 war sein Licht eine vielmals rettende Navigationshilfe für Kapitäne in der rauen Irischen See, dann setzte sich GPS durch und das Leuchtfeuer wurde zum Hotel umfunktioniert. Aus dem „Telegraph Room“ ist eine gemütliche Suite mit knisterndem Kamin geworden.

Vom viktorianischen Speisesaal fällt der Blick gewissermaßen die 100 Meter in den Abgrund. Die Fernsicht über die Irische See im verglasten „Lamp Room“ ist schon imponierend. Früher leuchteten hier Laternen hinter wuchtigen Linsen. Zur Ausstattung gehört ein Fernrohr, um das Geschehen auf dem Meer zu beobachten. Sind alle Schiffe gezählt, können die Gäste draußen aktiv werden, surfen, segeln, fischen, reiten, durch den „Great Orme Country Park“ spazieren, oder in Llandudno nach Alice im Wunderland Ausschau halten.

Sie werden spätestens im „Alice in Wonderland Centre“ fündig, wo das blonde Mädchen als Puppe, Porzellanfigur, auf Spielkarten und in Schneekugeln in zig Variationen zu bewundern ist. Die Familie Liddell mit Tochter Alice, die Lewis Carroll zu seinem Kinderbuch inspirierte, besaß ein Ferienhaus in dem Seebad.

Harlingen, Niederlande

Selbst die Duschkabine ist rund im Leuchtturm von Harlingen an der niederländischen Küste. Romantischer Höhepunkt: das Schlafzimmer, rundum verglast mit einem Doppelbett auf 24 Meter Höhe über Land und Watt. Perfekt mit Sonnenuntergang im Capri-Stil, wenn gleichzeitig die Lichterkette der Nachbartürme zu blinken beginnt.

Morgens wird ganz oben im ehemaligen Laternenraum unter der Kupferkuppel gefrühstückt, wo es auch nach draußen geht – auf die gesicherte Galerie. Dort fühlt man sich wie Käpt’n King, muss sich aber gut an der Reling festhalten, sobald es stürmt. Unten nehmen winzige Segelboote Kurs auf den Willemshafen. Ihre Anmeldung für einen Liegeplatz wird live in den Leuchtturm übertragen, der UKW-Schiffsfunk-Empfang hat.

Roter Sand, Deutschland

Wie Piraten entern Urlauber auf einer langen Leiter den Leuchtturm „Roter Sand“. Und das nach drei Stunden schaukelnder Überfahrt mit der „Goliath“, einem betagten Bergungsschlepper. Mitten in der Nordsee, auf Position 53° 51´ 18 N/08° 04´ 54 E, erhebt sich zwischen Bremerhaven und Helgoland das rot-weiß gestreifte Seefeuer mit den charakteristischen Erkern. Sein Licht wies 79 Jahre lang Schiffen den Weg um das gefährliche Riff „Roter Sand“ zur Wesermündung.

Seit 1999 können Urlauber in dem denkmalgeschützten Turm von 1885 übernachten. Und die Nachfrage ist gewaltig, trotz mancher Widrigkeit für die Reisenden und der doch eher spartanischen Ausstattung des Domizils.

So viel vorab: Das Anlegen ist nur bei ruhiger Wetterlage möglich. Das heißt, die Tour kann noch in letzter Minute scheitern. Der Eingang befindet sich sechs Meter über dem Wasser, der einzige Weg hinauf ist eine lange Leiter. Geschlafen wird im Gemeinschaftsraum in Kojen-Etagenbetten. Trinkwasser und Proviant sind im Reisepreis enthalten, es gibt allerdings weder Heizung noch Strom. Im Mietvertrag steht: „Falls die ,Goliath‘ Sie wegen z. B. zu starker See nicht am vorgesehenen Abreisetag abholen kann, werden Sie abgeholt, sobald es wieder möglich ist. Es steht Ihnen ausreichend Notverpflegung zur Verfügung.“

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