Reise : Liaison Lyonnaise

Wo Rhône und Saône zusammenfließen, vereinigen sich auch Geschichte und Moderne der zweitgrößten Stadt Frankreichs

Dagny Lüdemann

MUSIK & NACHTLEBEN

Als französische Metropole der elektronischen Musik richtet Lyon seit fünf Jahren das Festival Nuits Sonores (Foto) aus, bei dem internationale DJs auf Booten, Freilichtbühnen, Dächern und in Parks auflegen. Von Juni bis August werden in den Nuits Fourvière im antiken römischen Theater unterhalb der Basilika Stücke und Konzerte gegeben (Patti Smith: 29.6., Lou Reed: 3.7, Joan Baez: 24.7.). Clubs und Bars finden sich in der Altstadt und entlang der Saône. Vom 6. bis zum 9. Dezember erstrahlt die Stadt zum Lichterfest Fête des Lumières.

VERKEHR & FREIZEIT

Fahrräder an fast 300 Leihstationen stehen überall bereit. Noch muss man an den Automaten Französisch verstehen. Eine englische Version ist in Arbeit und soll im September fertig sein. Und man braucht eine Kreditkarte mit Pin-Nummer (keine EC-Karte), um ein Rad zu leihen. Die Rückgabe ist an jeder Station möglich. Die erste halbe Stunde ist kostenlos, für die Folgestunde werden 50 Cent fällig, für jede weitere Stunde ein Euro. Entlang von Saône und Rhône führen neue Radwege vorbei an Bootscafés bis in wildere Ufergebiete.(www.velov.grandlyon.com)

KUNST & DESIGN

Moderne Kunst wird im Musée d’Art Contemporain (www.moca-lyon.org) gezeigt. Bis zum 5. August sind in einer Sonderausstellung auch Werke des Österreichers Erwin Wurm zu sehen – wie das „Fat Car“ (Foto) aus dem Jahr 2001. Auch für Kinder spannend ist das Miniaturenmuseum in der Rue Saint-Jean in der Altstadt. Hier sind originalgetreue Miniaturen und berühmte Filmkulissen, wie aus „Das Parfum“ von Regisseur Tom Tykwer, zu sehen – und es werden Spezialeffekte erklärt. Kinder zahlen 3,50 Euro, Erwachsene 5,50 Euro Eintritt.

GESCHICHTE & ARCHITEKTUR

Die Basilique Notre-Dame de Fourvière (Foto) thront auf dem Hügel oberhalb der Saône, wo früher nur eine Kapelle stand. Als zu Mariä Empfängnis (8. Dezember) im Jahr 1830 eine goldene Marienstatue auf den Glockenturm der Kapelle gesetzt werden sollte, regnete es so stark, dass das geplante Feuerwerk nicht stattfinden konnte. Spontan stellten die Lyoner Lampions in ihre Fenster, um die Prozession der Statue zu erleuchten. Seither findet am 8. Dezember die „Fête des Lumières“ statt. Unterhalb der Basilika liegt die Cathedrale Saint-Jean – der Bischofssitz.

KULTUR & SPORT

Im Amphitheater des Kongresszentrums (Foto) finden Konzerte und Theateraufführungen statt. Es ist Teil der „Cité Internationale“, die neben der Zentrale von Interpol am Rhône-Ufer liegt. Im großen Kino „UGC Ciné Cité“ werden Filme auch in Originalversion gezeigt. Baulich interessant ist auch das Stade de Gerland, Heimarena des französischen Erstligisten Olympique Lyon. Das Fußballstadion liegt im Süden der Stadt, Tickets für die Spiele gibt es vor Ort oder im Fanshop OL Planet an der Ecke Rue Grolée/Rue Jussieu beim Place de la République.

Wie aus dem Nichts tauchen sie auf. Hohe Schornsteine, leuchtende Röhren und Turbinen, so weit das Auge reicht. Kurvig zieht sich die Autoroute A 6 durch die hügelige Landschaft an der Saône entlang, in deren Dunst Raffinerien und Fabriken liegen. Hier abfahren? Eine Pause machen? Kaum ein Autofahrer auf dem Weg in den Süden Frankreichs, in Vorfreude auf pittoreske Cafés in der Provence oder Jachthafen-Promenaden an der Côte d’Azur, käme wohl bei diesem Anblick auf die Idee, einen Zwischenstopp in Frankreichs zweitgrößter Stadt einzulegen. Auffällig wurde diese bisher vor allem durch ihre chemische Industrie, ihren Fußballverein – und randalierende Jugendliche. Lyon.

Doch wer hier am Autobahnkreuz abzweigt, vorbei an prunkvollen Gebäuden dem Saône-Ufer folgt und schließlich die in warmes Licht getauchte Basilique Notre-Dame de Fourvière sieht – der ist schon gefangen. Und beschließt, etwas zu bleiben.

Lyon ist die Stadt der Verbindungen. In der Hauptstadt der Region Rhône-Alpes laufen nicht nur mehr Autobahnen zusammen als bei Paris – hier mündet auch die Saône in die Rhône. 30 Brücken scheinen die Halbinsel, auf der die Altstadt liegt, wie eine Plane zu beiden Seiten am Festland festzuzurren. Manche werden von Stahlseilen gehalten, die nicht dicker sind als Gartenschläuche – andere sind Stein auf Stein ins Flussbett gebaut, wie zur Zeit, als die Römer im letzten Jahrhundert vor Christus hier auf dem heutigen Hügel Fourvière das Verwaltungszentrum Galliens einrichteten – die Stadt Lugdunum. Ob Lugdunum „Stadt des Lichts“ bedeutet, oder ob der Ort von den ersten keltischen Siedlern nach ihrem Gott Lug benannt wurde, darum streiten Wissenschaftler bis heute.

Wie ein Mondkrater dellt das zum Teil erhaltene römische Theater den Fourvière-Hügel ein. An den Rändern ausgefranst, ziehen sich die steinernen Sitzreihen im Halbkreis um die Bühne, auf der heute noch Stücke gegeben werden. Von den Rängen aus sieht man kleine gläserne Luken, aus denen Menschen heraufschauen. Es sind die Besucher des Musée Gallo-Romain, das 1775 eröffnet wurde. Der französische Architekt Bernard Zehrfuss baute das Historische Museum so in den Berg hinein, dass es von außen fast unsichtbar ist – und schuf so eine unzertrennliche Liaison zwischen moderner und antiker Architektur.

Diese Mischung aus Antike und Moderne zieht sich wie ein roter Faden durch die Universitätsstadt. Vom Rathausplatz Place des Terreaux gehen die großen Einkaufsstraßen ab. Hektisch durchstöbern vor allem Touristinnen die Haute-Couture- Boutiquen. In den Seitengassen überraschen kleine Geschäfte, wie etwa der Blumenladen Flowerbox in der Rue Gaspard André, der Pflanzen in Kästen verkauft, die senkrecht an der Wand hängen.

In der Altstadt, die 1998 zum Unesco–Weltkulturerbe gekürt wurde, stehen die ältesten erhaltenen Häuser aus dem Mittelalter, in deren Türmen die Bewohnern bei Feuer Zuflucht fanden. Auf den gepflasterten Plätzen zwischen der Rue du Boeuf und dem Place Saint-Jean nippen Männer an ihrem Pastis oder einem Beaujolais. Und in den Buochons, den kleinen Lyoner Restaurants, bestellen Französinnen statt Stopfleber oder Salade aux Chèvre Chaud von der Karte auch mal einen Teller Pommes, ohne vom Kellner schief angesehen zu werden. In der Heimatstadt des Sternekochs Paul Bocuse gibt es aber auch viele Haute-Cuisine-Restaurants, in denen berüchtigte Klassiker wie Froschschenkel oder Blutwürste serviert werden.

Zwischen organischen, rostfarbenen Altbauten mischen moderne Gebäude das Stadtbild auf, die wie stählerne Ufos mit gläsernen Bullaugen aus den erdigen Häuserreihen ragen. Die Cité Internationale zwischen der Interpol-Zentrale und dem Kongresszentrum wurde von Renzo Piano entworfen, dem Architekten des Centre Pompidou in Paris und mehrerer Bauten am Potsdamer Platz in Berlin. Am Flughafen Saint-Exupéry spreizt ein Bahnhof in Form eines Krebses seine Scheren – erbaut von Santiago Calatrava Valls.

Altes mit Neuem zu verbinden, hat in Lyon Tradition. Früh stellte sich die Infrastruktur der Altstadt als unpraktisch heraus, denn die schmalen Gassen verlaufen alle von Rhône zu Saône. Wollte man in eine Parallelgasse, musste man um den Häuserblock gehen. Schließlich wurde ein Gesetz erlassen, das die Bürger verpflichtete, ihre Innenhöfe zugänglich zu machen. So entstanden die Traboules – kleine Gänge durch Privathäuser.

Boote schippern flussabwärts, weg von der Altstadt, vorbei an verwunschenen, bewachsenen Häusern. Rauch steigt auf von den Hausbooten, auf denen gegrillt wird, zwischen Eisenbahnwaggons und Kränen. Zurück in der Stadt kann man abends am kühlenden Ufer sitzen, auf Booten Cocktails trinken oder vom Hügel Fourvière die leuchtenden Brücken, die angestrahlte Kathedrale und die glitzernden Lichter der Schiffe bestaunen.

Jetzt auf die Autobahn? Weiter nach Süden? Kaum jemand würde sich nach zwei Tagen Lyon wohl noch darüber ärgern, dass er am verwirrendsten Autobahnkreuz Frankreichs falsch abgefahren ist.

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