Reise : Lifestyle auf der Schiene

Die Züge werden immer schneller – und schöner. Eine Huldigung in „Monocle“

Bernhard Schulz

Frankreichs Industriepolitik ist berühmt – und berüchtigt. So geriet die Vorstellung des neuen Hochgeschwindigkeitszuges AGV (Automotrice à Grande Vitesse) am vergangenen Dienstag zu einer Demonstration politischer Stärke. Hochgeschwindigkeitszüge sind mit einem Mal ein interessantes Produkt. Die Schienennetze enden nicht länger an den Staatsgrenzen, wie insbesondere die deutsch-französische Kooperation beim grenzüberschreitenden Verkehr zeigt. Nach dem „Thalys“, der Köln mit Brüssel und Paris verbindet, sind es seit vergangenem Sommer die Strecken Paris – Frankfurt und Paris – Stuttgart, die à grande vitesse bedient werden.

Dass Bahnreisen ein Angebot mit eigener Ausstrahlung sind, macht das in London erscheinende, für einen (englischsprachigen) Weltmarkt bestimmte Lifestyle-Magazin „Monocle“ in seiner aktuellen Februar-Ausgabe deutlich (12 Euro). „Ahead by a nose“, „um Nasenlänge voraus“ heißt die Titelgeschichte, die den japanischen Erfolgszug Shinkansen (in dessen schnellster Variante, dem seit 1. Juli eingesetzten N700 der Japan Railways) samt stilbewusst gekleidetem Passagier im Tokioter Hauptbahnhof zeigt. Immerhin werden 29 japanische Schnellzüge unter dem Namen „Javelin“ das Rückgrat des englischen Olympia-Verkehrs im Jahr 2012 bilden. „Monocle“ versucht, den rapide wachsenden Hochgeschwindigkeitsverkehr ohne nationale Scheuklappen zu betrachten – und bringt dabei zu einen Beitrag über die renovierten Nachtzüge der Deutschen Bahn, den man sich in derem betulichen Hausblatt nur wünschen könnte.

„Monocle“ geht es um Design, Business, Kultur – nur den Begriff Lifestyle findet man im Heft vergeblich, weil ohnehin alles im Blatt auf die Beantwortung der unausgesprochenen Frage zielt, wie sich der Gentleman in der Welt von heute zurechtfindet. Dass das Heft vom Erfinder des legendären, stilprägenden Magazins „Wallpaper“, Tyler Brûlé, ersonnen wurde und geleitet wird, sagt alles: Unaufdringliches Design, makellose Fotos, anspruchsvolle Texte. Wenn man als Deutscher lernen will, was der vertrackte Begriff sophisticated meint: Hier ist die Antwort. Bernhard Schulz

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