Low Budget Tourismus : So weit, so billig

Wer jung ist, hat meist wenig Geld. Urlaub ist trotzdem drin. Nicht nur auf dem Balkon der Eltern. Den Möglichkeiten sind kaum Grenzen gesetzt.

Gerd W. Seidemann

BerlinAlle Kurse im ablaufenden Semester doch noch gut über die Bühne gebracht? Das Abi mit Bravour bestanden oder just noch hingebogen? Dann muss eine Auszeit her. Wenigstens für ein, zwei, drei Wochen. Solange, wie es der Geldbeutel eben hergibt. Finanzen gesichtet, Ernüchterung weggesteckt, Mama und/oder Papa becirct, Oma besucht, ins Internet geschaut, Depression abgewendet: höchste Zeit für eine Entscheidung.

VERANSTALTER

Beim Gang ins Reisebüro scheiden sich in der Regel die Geister bei allen um die 20. Wie die Alten? Ah nöö!, sagen die einen. Bei anderen wiederum überwiegen dann doch der Sicherheitsgedanke – und die Bequemlichkeit. Schließlich bieten Last-Minute-Veranstalter auch etwas für kleine Geldbeutel. Beispielsweise „5vor Flug“. Wer drauf steht beziehungsweise sich nicht abschrecken lässt, bekommt Ende Juni zwei Wochen Hotel (ein Stern) mit Frühstück in S’Arenal auf Mallorca inklusive Flug ab Berlin für 335 Euro. Angebote dieser Art findet man vor allem bei Onlinereisebüros wie Expedia, Opodo, L’tur, Bucher und anderen.

Etwas anderes sind „Abireisen“. Spezialveranstalter bieten ausgesprochene Partytouren in diverse Zielgebiete an, sei es an die Costa Brava, nach Istrien, in die Türkei oder an die Schwarzmeerküste Bulgariens. Wer hier noch nicht dabei ist, weil das Abi bis zuletzt am seidenen Faden hing oder Oma erst in letzter Minute an den Sparstrumpf gegangen ist, kann noch aufspringen. Technisch gesehen unterscheiden sich diese Reisen keineswegs von den üblichen Pauschalpaketen. Der Unterschied liegt nur darin, dass die Touren (in Deutschland jährlich etwa 70 000 Teilnehmer) als Gruppenreise mit Gleichgesinnten aufgelegt werden. Da ist man sowohl im Flieger oder Bus als auch im Hotel weitgehend unter sich, muss sich auch keinen Kopf machen über Transfers und ähnlich lästige Dinge. Bis Ende Juli sind diese meist einwöchigen Reisen noch buchbar, zum Beispiel bei Jam Reisen ab 419 Euro nach Lloret de Mar in Spanien, inklusive Vollpension im Drei-Sterne-Hotel.

Gleichwohl, auch so eine Pauschalreise kommt für die meisten Twens ohne eigenes Einkommen aus Kostengründen nicht infrage.

AUTO

Wem ein fahrbarer Untersatz für eine Reise zur Verfügung steht, wird wissen: Je mehr mitfahren, desto kostengünstiger wird es. Bei einem Trip Berlin– Rimini und zurück beispielsweise legt man glatt 2600 Kilometer zurück. Kalkuliert man einen Spritpreis von 1,37 Euro pro Liter und einen Verbrauch von acht Liter auf 100 Kilometer, kommen rund 285 Euro zusammen. Von den zwölf Stunden Fahrzeit für die einfache Strecke einmal abgesehen, erscheint das machbar für zwei, drei oder gar vier mit magerem Geldbeutel. Doch aufgepasst: Mit kostspieligen Pannen und eventuellen Zwischenübernachtungen muss man immer rechnen. Auch Mautgebühren als Kostenfaktor sind nicht zu vernachlässigen.

BAHN

Für Reisen in Deutschland oder im europäischen Ausland empfiehlt Almut Gaude vom Verkehrsclub Deutschland (VCD) in Berlin die Bahn. „Da gibt es für Jugendliche und junge Erwachsene günstige Tarife.“ Zu diesen zählen die verschiedenen Interrail-Pässe. Der Interrail- Global-Pass etwa ermöglicht Reisen in ganz Europa. Die günstigste Ausführung gilt zehn Tage lang, lässt sich in diesem Zeitraum an fünf Tagen nutzen und kostet für Jugendliche 159 Euro. Wer kürzere Strecken fahren will, kann sich den Ein-Land-Pass zulegen. Zum Beispiel kosten damit sechs Tage Bahnfahrt in Frankreich binnen eines Monats 175 Euro.

Mit der Bahn unterwegs zu sein, hat nicht nur den Vorteil, dass diese Art des Reisens eher stressfrei ist. In Zügen ergeben sich auch Möglichkeiten, Gleichaltrige – vor allem auch aus Übersee – zu treffen.

FAHRRAD

Was in den 50er und 60er Jahren (zwangsläufig) üblich war, kommt erst allmählich auch bei Jüngeren wieder in Mode. Ein Fahrrad hat (fast) jeder. Ob es tourentauglich ist, steht auf einem anderen Blatt. Eine Neuanschaffung geht durchaus ins Geld, muss jedoch auch als Investition in die Zukunft gesehen werden. Entsprechendes Zubehör, das für eine stressfreie Fahrt ohne wackeligen Gepäcktransport sorgt, ist ebenfalls nicht unbedingt zu Schnäppchenpreisen zu haben, kann jedoch gegebenenfalls im Freundes- oder Bekanntenkreis ausgeliehen werden. Mehr als bei anderen Arten des Reisens gilt: Der Weg ist das Ziel. Und die Kosten pro zurückgelegtem Kilometer sind mit dem Rad unschlagbar günstig, auch wenn die ein oder andere Wurststulle oder Banane mehr gegessen werden muss.

TRAMPEN

Fast ist diese Art der kostengünstigen Fortbewegung in Vergessenheit geraten. Wer erinnert sich noch an die Heerscharen von Anhaltern, die besonders an Sommertagen am Berliner Kontrollpunkt Dreilinden den Daumen ausstreckten oder mit selbst gemalten Schildern gleich ihr Wunschziel kundtaten? In jüngster Zeit kommt einem ein Tramper jedoch schon fast exotisch vor. Dabei ist der Autostopp auch heute keineswegs verboten, wenn man nicht eben auf der Autobahn winkt. Eher sind es Sicherheitsaspekte, die viele davon abhalten, zu Wildfremden ins Auto zu steigen. „Gezielt auf Rastplätzen Autofahrer ansprechen, die einem vertrauenswürdig vorkommen“, rät Veit Kühne, der schon die ganze Welt als Tramper bereist hat. Und dabei einen möglichst guten Eindruck machen: Sauber und gepflegt sollte man aussehen, das Gepäck muss sich in engen Grenzen halten. Alternativ zum Trampen: Mitfahrgelegenheiten gegen Benzinkostenbeteiligung.

ÜBERNACHTEN

Quartiere bei Freunden und Verwandten scheiden bei Reisen aus mehreren Gründen oft aus. Erstens ist es selten ganz stressfrei, irgendwo länger als zwei, drei Tage Unterschlupf zu finden. Zweitens sind diese Quartiere selten dort zu finden, wo man wirklich gern Urlaub machen möchte. Was bleibt?

Jugendherbergen, obwohl längst nicht mehr mit dem berüchtigten „Licht aus um zehn“ verbunden, scheiden im Sommer für Kurzentschlossene oft aus, weil in attraktiven Städten oder gar auf Inseln wie Usedom bereits langfristig ausgebucht. Hotels und Pensionen sind meist zu teuer. Bleibt eigentlich nur das eigene Zelt, wobei sich auch Campingplatzgebühren in den vergangenen Jahren durchaus rasant nach oben entwickelt haben.

Eine spannende Alternative bietet der „Hospitality Club“. Ziel dieser Einrichtung ist es, Menschen zusammenzubringen – Gastgeber und Gäste, Reisende und „Einheimische“. Mitglieder des Hospitality Clubs rund um die Welt helfen sich gegenseitig, wenn sie verreisen – sei es mit einem Dach für die Nacht oder auch nur einer Tour durch die Stadt. Mitglied zu werden ist kostenlos und jeder ist willkommen. Nach der Registrierung und Aufnahme kann man als Mitglied die Profile aller anderen Mitglieder im Internet ansehen – und sich für eine Übernachtung verabreden.

Der Club wird von Freiwilligen getragen, die eine Idee vereint: Kontakt zwischen Reisenden und „Einheimischen“ zu knüpfen. In nahezu jeder Ecke der Welt kann man also eine kostenlose Unterkunft finden. Es gibt keine Verpflichtungen (man muss auch niemanden bei sich daheim übernachten lassen), die Mitgliedschaft ist kostenlos. Der Club wurde 2000 von dem deutschen Studenten Veit Kühne gegründet und zählt heute mehr als 50 000 Mitglieder in etwa 185 Ländern.

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