Lüneberger Heide : Der Letzte pustet die Kerzen aus

Kinder, Eltern und Großeltern fahren gemeinsam in die Ferien. Ein Experiment in der Lüneburger Heide.

Anna Schütz
Kunst am Stamm. Auf Hof Rose wird Kindern viel geboten. Baumgesichter schnitzen ist besonders beliebt. Fotos: Ingo Wandmacher, promo
Kunst am Stamm. Auf Hof Rose wird Kindern viel geboten. Baumgesichter schnitzen ist besonders beliebt. Fotos: Ingo Wandmacher,...

Auf dem Heimweg flossen erst einmal Tränen. Unser Ältester weinte, weil er schon nach wenigen Metern seine neue Freundin vermisste; der zweite schluchzte ebenfalls: Ihm war klar geworden, dass er in der nächsten Zeit sicher keine „echten Hühnereier“, frisch aus dem Stall, essen würde, sondern wieder die aus dem Kühlschrank; die Tränen der Kleinsten galten dem Abschied von Opa und Oma; ihr Zwillingsbruder trauerte um die Schaukel in der alten Eiche, die eine Woche lang sein Lieblingsplatz gewesen war. Und wir Eltern beklagten uns insgeheim, dass die sorglose Zeit schon vorüber war.

Eine Woche war der Hof Rose unser Zuhause gewesen. Ein komfortabler Fleck am Ostrand der Lüneburger Heide mit idealen Bedingungen für unser ehrgeiziges Experiment, Urlaub mit drei Generationen zu machen: ein bisschen Wellness und Programm für die Großen, ein riesiges Gelände und Kinderbetreuung, regionale Küche und herzliche Gastlichkeit, landschaftliche Idylle sowie eine kurze Anreise für alle. Denn wir, eine sechsköpfige Großfamilie, leben in Hannover, die Großeltern in Berlin. Ob der alte Meierhof in der Nähe von Bad Bevensen hielte, was er versprach?

Schlägt man im Wörterbuch den Begriff „Urlaub“ nach, gibt es Erläuterungen wie „Freizeit“, „Regeneration“, „Erholung“ und „Pause“. Auch Umschreibungen wie „schönste Zeit des Jahres“ kommen einem in den Sinn und bei genauerer Recherche stößt man sogar auf ein Bundesurlaubsgesetz, in dem steht, der Urlaub solle vor allem der „Erhaltung und Wiederherstellung der Arbeitskraft“ dienen. Wer Kinder hat, weiß: Das gilt normalerweise nur für die anderen.

Wir haben vier tolle Kinder – im Alter zwischen zwei und sechs Jahren. Mit ihnen machen wir auch gern Urlaub. Doch der Erhaltung unserer Arbeitskraft diente dieser bisher nicht. Kein Kindergarten, keine Schule, keine Freunde weit und breit, und die Eltern alleine mit vier Nichtschwimmern am Strand oder mit vier Lauffaulen in den Bergen. Auch ein Frühstücksbüfett und ein serviertes Abendmenü im Hotel verlieren schnell ihren Reiz, wenn ein Kind heult, das andere den Kakaobecher umstößt und das dritte von den Herrschaften am Nachbartisch ausgeschimpft wird, weil es mit den Schuhen auf die Bank klettert. Kein Gedanke an einen Cappuccino in Ruhe oder gar ein Buch...

„Aus so einer Erfahrung heraus entstand 1987 Vamos“, sagt Uli Mühlberger, Gründer und einer von zwei Geschäftsführern des Familienreiseunternehmens aus Hannover. „Der Stress wird leider oft genau dann am größten, wenn wir doch eigentlich Erholung suchen“, weiß der 64-Jährige. „Denn das ganze soziale Netzwerk, das uns im Alltag stützt, ist im Urlaub nicht vorhanden.“ Und was vor 25 Jahren als kleiner Verein an einem WG-Tisch entstand, gilt heute als Deutschlands führender Spezialist für anspruchsvolle Familienreisen: 34 500 Reisende, davon rund die Hälfte Kinder, 40 Angestellte, mehr als 200 Kinder- und Gästebetreuer für 118 Reisedomizile in 17 europäischen Ländern.

Und eines dieser Domizile ist unser Hof Rose, eingebettet in Felder, Wälder und Wiesen und hinter blühenden Sträuchern am Ortsrand von Altenmedingen. Nach der Ankunft beziehen wir das alte Backhaus. Auf 120 hellen Quadratmetern finden wir mehr Komfort als erwartet und genießen bald auf der Südterrasse mit Blick auf Wiesen und Eichenwäldchen das erste Stück selbst gebackenen Apfelkuchens. Die Kinder sind schon im riesigen Baumhaus in vier Meter Höhe verschwunden – nicht ohne bereits Bekanntschaft mit Kindern aus Paris, Zürich und Düsseldorf gemacht zu haben.

Die Großeltern packen ihren Koffer in einem der 14 Zimmer im gegenüberliegenden Haupthaus aus – jedes einzelne individuell und erkennbar liebevoll von der Hausherrin eingerichtet, vor allem weit genug entfernt, um unbehelligt von potenziellem Enkellärm ausschlafen zu können und sich bei Bedarf auch am Tage mal zurückzuziehen.

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