Reise : Luftholen im Alltag

Die kleine Japanerin juchzt vor Vergnügen, hüpft auf dem Sofa auf und ab. Sie kann es nicht fassen, so ein Küchlein hat sie noch nie gesehen. Es sieht aus wie aus ihrer Puppenstube. Nur feiner natürlich: Es ist von Chanel. Das Original zumindest, dem das Gebäck nachempfunden wurde.

Wie in einem britischen Club sitzen die Gäste aus aller Welt im Berkeley, einem der intimeren Luxushotels am Hyde Park, entspannt auf niedrigen Sesseln an kleinen Tischen und verspeisen die Sommerkollektion: Bikini-Kekse à la Dior, Grapefruit-Mousse nach Art von Victor und Rolf. Die Miniaturen beim „Prêt-à- Portea“ sind alle nach der neuen Mode gestylt, selbst das Geschirr hat ein Fashion-Designer entworfen, Paul Smith. Nur Models können sich den Prêt-à-Portea nicht leisten. Er besteht aus hunderttausend Kalorien.

Denn wer glaubt, dass Tee nur zum Trinken sei, der kennt die Engländer schlecht. Der Afternoon Tea ist die gehobene Form der Völlerei. Auf einer Etagere wird das Menü serviert, langsam isst man sich von unten nach oben durch, das dauert ein paar Stunden, man will ja was haben für sein Geld. Im ersten Stock liegen die Sandwiches, in der Mitte die Scones und die Törtchen als Krönung obenauf. Im Berkeley gibt’s noch mehr: Cremes und Extrabrötchen, selbst ein Klassiker wie das Gurkensandwich hat hier einen modernen Pfiff. Und wem das alles noch nicht reicht, darf sich Nachschlag bestellen. Am Ende, wenn gar nichts mehr geht, kann man um ein doggy bag bitten: ein rosa Handtäschchen aus Pappe.

Man muss kein kleines Mädchen sein, um sich für den Prêt-à-Portea zu begeistern. Das Magazin „Wallpaper“, Stilbibel des modernen Großstadtbewohners, hat ihn 2006 zum Best Afternoon Tea in the World gekürt; die Nachfrage ist so groß, dass er von ein Uhr mittags bis abends um sechs serviert wird. Es ist die extravaganteste, modischste Version einer uralten britischen Institution, die in London gerade eine Renaissance erlebt – nachdem sie schon untergegangen schien.

168 Jahre ist es her, dass Anne, die siebte Herzogin von Bedford, Hunger bekam. Und das am helllichten Nachmittag, Stunden bevor es Dinner gab. Also ließ sie sich Kuchen, Toast und Tee servieren und fand so viel Gefallen daran, dass sie bald ihre Freunde dazu einlud. Der Afternoon Tea als gepflegte Form der Geselligkeit wurde große Mode, die nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend out of fashion war, nur noch eine Erinnerung an die Sommerferien der Kindheit am englischen Strand – wo man doch jetzt immer nach Südfrankreich reiste –, etwas, was außer der Queen und der alten Tante Rose niemand mehr gerne tat. Moderne Briten hatten keine Zeit für solchen Schnickschnack, in rasantem Tempo entwickelten sie sich zu einem Volk von Latte- macchiato-Trinkern. Vor drei Jahren war der Kaffeeverbrauch in Großbritannien erstmals höher als der von Tee.

Inzwischen haben sie allerdings so viele Cappuccinos getrunken und Coffeeshops betreten, dass der Tee wieder etwas Besonderes ist. Und als solches zelebriert werden kann: vor allem in feinen Hotels und Kaufhäusern wie Harvey Nichols oder Fortnum & Mason.

Vom Afternoon Tea haben alle was, die Hotels, die damit die tote Zeit zwischen Lunch und Dinner ausfüllen, und die Touristen, die nach einem „full English Breakfast“ erst am Nachmittag wieder Hunger verspüren. Der Zeitpunkt ist ideal, dann müssen sie ihren wund gelaufenen Füßen eh eine Pause gönnen und können sich abends ganz relaxed, ohne knurrenden Magen kulturellen Genüssen widmen.

Tee hat schon immer der Entspannung gedient, dem Luftholen im Alltag. Denn Tee gibt es nicht to go. „Es versteht sich von selbst, dass Sie sich für eine schöne Tasse Tee hinsetzen müssen“, erklären „Nicey & Wifey“, Autoren der erfolgreichen Website www.nicecupofteandsit down.com. „A nice cuppa“ ist das älteste Allheilmittel der Insel. Ob bei Liebeskummer, Ärger oder Erschöpfung, erst mal wurde der Kessel aufgesetzt. Eine Tasse Tee – heiß, weiß und süß –, und alles ist gut, das ist der Inbegriff von Gastfreundschaft und Wohligsein. Was nicht an der Qualität des Getränks lag: in der Regel ein finsteres Gebräu aus der 100-Teebeutel-Billig-Packung, nur durch viel Milch und Zucker genießbar gemacht. Deutschland hat längst eine viel gepflegtere Kultur als Großbritannien, wo man lange suchen muss, um losen Tee und entsprechendes Zubehör zu bekommen.

Fündig wird man im Tea Palace in Notting Hill, einem sehr modernen, hellen Palast in Lila, der Farbe der Saison, an der Wand eine witzige Tapete aus Tortendeckchen, mit einer schier endlosen Auswahl an Sorten, die man alle auch nach Hause mitnehmen kann. Das Porzellan ist so zart wie der Tee, von dem ein paar Blätter auf einem Extraschälchen serviert werde. Der Laden ist auch im Hochsommer voll, die Kellner sind freundlich und so jung wie die meisten Gäste; auch Stella McCartney soll hier gern hinkommen.

17 Pfund (21 Euro) kostet das Menü im Tea Palace, im Berkeley doppelt so viel. Und es ist jeden Pennny wert. Nicht nur weil ein Hauptgericht in vielen Londoner Restaurants schon so viel kostet. Der Afternoon Tea ist ja keine Mahlzeit, sondern ein Ereignis. Schon wenn man im Grosvenor House am Hyde Park zum Beispiel im Teppich versinkt, weiß man: Man betritt eine andere Welt. Draußen vor dem Fenster rauscht lautlos das Londoner Leben vorbei, schwarze Taxen, rote Busse, drinnen legt die Klavierspielerin einen Klangteppich aus. Hier gibt’s sogar einen extra Tea für Kinder, mit Obstsalat, Eiskrem und Törtchen.

Der Afternoon Tea ist ein Theaterstück, in dem Gäste und Kellner gleichermaßen Akteure sind. Im Ritz, dem klassischsten aller Londoner Tea Places, habe ich mal beim Hinsetzen auf einen der kleinen Louis-VI-Stühlchen mit meiner Tasche eine kostbare Tasse vom Tisch gefegt. „Don’t worry“, besänftigte der Oberkellner, dem ein solches Missgeschick nie passiert. „It happens to us all the time.“ Im Lanesborough, von der Tea Guild zum Top Tea Place 2008 in London gewählt, wirken die Kellner etwas angespannt, sitzt man selber ein bisschen steif am Tisch. Wie fast überall sind die Mädchen (aller Altersgruppen) in der Überzahl. Stundenlang einfach nur dazusitzen, zu gucken, zu reden, zu nippen, das gefällt anscheinend eher Frauen. Man darf sich fein machen wie für den Theaterbesuch. Allerdings traut sich kaum noch ein Hotel, einen Dresscode zu verhängen – aus Angst, die gut zahlenden Gäste zu verlieren. So fläzen sich amerikanische Jungs in Shorts auf dem Sofa rum, die Füße auf dem Polster. Geschäftsleute telefonieren lautstark und stundenlang.

Man muss übrigens nicht unbedingt ein ganzes Menü verspeisen, um in den Genuss der Teestunde zu kommen. Ein Scone („reimt sich auf gone“, wie ein britisches Kochbuch erklärt), ist sich selbst genug. Jahrelang war er in London kaum zu kriegen, wurde von Muffins verdrängt. Aber jetzt wird er selbst in einem jungen Szenecafé in Notting Hill zwischen Prosciutto-Panini und französischen Tartes angeboten, ja angepriesen. „Gibt es etwas Britischeres als einen Scone?“ A match made in heaven, so nennt man die Paare, die der liebe Gott persönlich verkuppelt haben muss: Bacon and Eggs, Fish and Chips – Scones mit clotted Cream: das krümelige, lockere, möglichst noch warme Brötchen mit der kühlen cremigen, fast buttrigen Sahne und einem Klecks süßer, roter Erdbeermarmelade vereint sich aufs köstlichste im Mund.

Es gibt wunderbare Orte, um durchzuatmen beim Sightseeing-Programm. Das kühl-elegante Dachrestaurant der National Portrait Gallery zum Beispiel, mit Blick auf Big Ben, das London Eye und den Hintern von Lord Nelson am Trafalgar Square. Dort wird der Scone auf japanisch anmutendem länglichen Teller mit Schwarzer-Johannisbeer-Marmelade serviert. Im siebten Stock der Tate Modern hat man einen atemberaubenden Blick auf die Ufer der Themse, Norman Fosters Millennium Bridge, die Boote, die vorüberziehen. Die Fenster reichen bis zum Boden, so hat man London in seiner ganzen Schönheit und Scheußlichkeit vor Augen, ein Kuddelmuddel aller Schichten britischer (Architektur-)Geschichte – und jede Menge Himmel.

Aber nirgends fühlt man sich so königlich wie in der Orangerie von Kensington Palace. Am Eingang steht ein großer Tisch, auf dem sich die Köstlichkeiten türmen, Schokoladenkuchen, Riesenbaiser, Erdbeertörtchen und ganze Pyramiden aus Scones (sogar herzhafte mit Käse gibt es hier). Die Orangerie ist so groß, so hoch, so hell, dass man auch bei schlechtem Wetter auf den Gartenstühlen in der Sonne zu sitzen scheint. Innen ist alles weiß, die Fenster, die Säulen, die Tischdecken, draußen ist es grün, die hohen Buchsbaumhecken wie mit der Nagelschere beschnitten. Der Blick fällt über all die amerikanischen und deutschen Touristen hinweg auf das Schlösschen, in dem Lady Di einst wohnte.

Afternoon Tea, so teuer er sein mag, ist eine Investition, die sich lohnt. Denn „ein Ordentlicher Tee“, hat schon Pu der Bär gewusst, „ist sehr viel besser als ein Schon-Fast-Tee, den man gleich wieder vergisst.“

Fortsetzung von Seite R 1

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