Made in Germany : Alles echt

Chinesische Touristen kaufen gern in Deutschland – im Vertrauen auf Qualität.

Christian Ebner
Ein Kuckuck ist mit Sicherheit drin. Auf asiatische Kundschaft ist man auch im Schwarzwald gut vorbereitet.
Ein Kuckuck ist mit Sicherheit drin. Auf asiatische Kundschaft ist man auch im Schwarzwald gut vorbereitet.Foto: Rolf Haid, picture alliance

Die magische Zahl lautet 610 Euro. So viel gibt ein chinesischer Tourist im Durchschnitt pro zollfreiem Einkauf in Deutschland aus und stellt damit arabische Scheichs und russische Powershopper locker in den Schatten. Schmuck, Uhren, Kleidung, Leder und Haushaltswaren stehen hoch im Kurs bei den frisch gekürten Reiseweltmeistern aus der aufstrebenden Wirtschaftsmacht, haben die Deutsche Zentrale für Tourismus (DZT) und der Mehrwertsteuerabwickler Global Blue erneut gemeinsam festgestellt.

„Die Waren sind hier viel billiger als in China – und sie sind vor allem echt. Da lohnen sich auch die Zollgebühren“, sagt die Marketingexpertin Xiaoxing Zhang vom Hamburger Veranstalter Caissa Touristik. Bei den immer noch vorherrschenden Gruppenreisen durch Europa sind die Einkaufsmöglichkeiten streng durchgeplant und werden möglichst ans Ende des Trips gelegt, damit die Kunden nicht zu viele Waren mit sich herumschleppen müssen, berichtet sie.

Das Vertrauen ist dabei groß, hat der Tourismusforscher Wolfgang Georg Arlt im Interview mit hr-online festgestellt: „In Deutschland gehen die Chinesen einfach davon aus, dass es keine Fakes gibt. Das trauen sie den Händlern nicht zu.“ Wichtig für chinesische Touristen ist die Zusicherung ihres Veranstalters, kurz vor Abflug noch alle gewünschten Waren einkaufen zu können. Darauf hat sich die Geschäftswelt am größten deutschen Drehkreuz in Frankfurt am Main in Konkurrenz etwa zu Paris, Amsterdam oder München glänzend eingerichtet: In der schmalen, aber noblen Goethestraße sprechen die Verkäufer der Edelboutiquen fließend Mandarin, eigens für Chinesen eingerichtete Geschäfte rund um die Paulskirche halten ein umfassendes Sortiment gefragter Markenmesser oder Uhren bereit. Und am Flughafen hat der Betreiber Fraport Shoppingassistenten ausgebildet, die Gäste in deren Landessprache durch die Geschäfte in den Terminals geleiten.

Die Zahl chinesischer Touristen in Deutschland steigt seit Jahren, beflügelt durch ein vor Jahren vereinfachtes Visa- Verfahren, das die rein touristische Einreise in die Länder Westeuropas einheitlich regelt. Den Rekordwert von knapp 69 Millionen Übernachtungen ausländischer Gäste hat die deutsche Touristikwirtschaft im vergangenen Jahr bewältigt, Tendenz weiter steigend. Den entstandenen Umsatz schätzt die DZT auf 36,6 Milliarden Euro. Mit 1,6 Millionen Übernachtungen waren die besonders kauffreudigen Chinesen nach den US-Amerikanern die zweitgrößte Besuchergruppe aus Übersee und unter allen Besuchernationen die Nummer 14. Bis 2020 könnten daraus 2,2 Millionen Übernachtungen werden, schätzt die Tourismuszentrale.

Die Gäste aus Ländern außerhalb der EU können hierzulande mehrwertsteuerfrei shoppen, was ihren Konsum mithilfe der entsprechenden Erstattungen sehr transparent macht: Im vergangenen Jahr setzten sie bei ihren Einkäufen 1,5 Milliarden Euro um, ein Plus um fast die Hälfte im Vergleich zu 2011. Ein knappes Drittel (32 Prozent) und damit mehr als eine halbe Milliarde Euro entfiel dabei auf chinesische Gäste, die auf den weitaus höchsten Durchschnittswert pro Einzelbon von 610 Euro kamen. Es folgen die Russen mit 337 Euro pro Einkauf und die Araber mit 308 Euro.

Der Spezialveranstalter Caissa rechnet grundsätzlich weiter mit steigenden Touristenzahlen aus China. Allerdings verteuere eine schärfere Gesetzgebung in China seit Anfang Oktober die Europatrips, sagte Zhang. So sei es beispielsweise künftig nicht mehr erlaubt, den Touristen über die bereits organisierten Veranstaltungen hinaus zusätzliche Ausflugsangebote zu machen. Das war bislang ein lukratives Zusatzgeschäft für die Veranstalter.

Nicht überall in der Stadt am Main sind die chinesischen Gruppen allerdings beliebt. In der pittoresken Kleinmarkthalle gleich neben dem Römer schimpft eine Fleischwurstverkäuferin über die regelmäßigen Besichtigungstouren chinesischer Gruppen: „Die blockieren mir hier alles, und kaufen tun sie sowieso nix.“

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