Madrid : Ein lila Sofa für die Avantgarde

Madrid baut der Kunst immer neue Hüllen. Die Stadt denkt jetzt sogar grün – und will die Autos unter die Erde verbannen.

Marlies Gilsa
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Bullen machen müde. Es gibt viel spannendere Ziele in Madrid als die blutgetränkte Stierkampfarena. Foto: Mauritius Imagesimagebroker

Nichts kann sie aus der Ruhe bringen. Ringsum wimmelt es von nervösen Menschen, die ein- und auschecken, mit Handys herumfuchteln und Trolleys hin- und herschieben. Aber an ihren überdimensionalen Köpfen mit den großen Knopfaugen und stilisierten Nasen prallt jede Hektik ab. Schließlich haben sie eine weitaus längere Reise hinter sich als die meisten Hotelgäste des „Urban“: Bevor die archaischen Holzfiguren in der Halle der Madrider Nobelherberge landeten, dienten sie im 19. Jahrhundert am Chambi-See von Papua-Neuguinea als Gebetsstühle.

Jetzt sind sie schöner Blickfang im schicken Foyer des Fünf-Sterne-Hotels. Nicht zufällig: Vielmehr ist Jordi Clos, Besitzer mehrerer Hotels in Madrid und Barcelona, nicht nur guter Geschäftsmann, der weiß, womit man Kulturtouristen locken kann. Als passionierter Kunstsammler hat er auch selber an mancher Ausgrabungsexpedition teilgenommen und mit seiner Privatsammlung unter anderem das Ägyptische Museum von Barcelona begründet. Ein kleiner Ableger davon ist auch im Untergeschoss des „Urban“ zu sehen: filigraner, jahrtausendealter Halsschmuck, der heute erstaunlich modern wirkt.

So fügt er sich auch bestens in seine neue Umgebung ein. Über mehrere Etagen verteilt sich schnörkelloses Design um einen gläsernen Lichtschacht herum, auf dem Dach mit begrünter Terrasse und Pool versetzt das Restaurant „Cielo“ Feinschmecker mit Kreationen wie Dreierlei vom Thunfisch, Wolfsbarsch in Algenbrühe oder Pfeffereis mit roten Beeren buchstäblich in den siebten Himmel.

Das „Urban“ ist typisch für das neue Madrid, das mit einer geballten Ladung von Kunst, Design und Architektur auftrumpft. Kunstzentren und Galerien sind wie Pilze aus dem Boden geschossen, gleichzeitig haben Stararchitekten aus aller Welt ihre Spuren hinterlassen. „Madrid ist zum Mekka der Avantgarde-Architektur geworden“, behauptet Stadtführerin Isabel Campo – und führt zum Beweis Beispiele wie diese an: Neben dem neuen Flughafen-Terminal T4 von Richard Rogers gehen im Madrider Manhatten die spektakulären KIO-Türme des gleichnamigen kuwaitischen Investors in eine spektakuläre Schräglage, rundum haben Banken und Firmen in Wolkenkratzern wie der Torre Picasso ihren Sitz bezogen.

Bei dem futuristischen Hotel Puerta América durften sich gleich mehrere renommierte Kreative austoben, von Zaha Hadid über Jean Nouvel und Arata Isozaki bis David Chipperfield. Toppen lässt sich das nur noch durch die vier Türme, die auf den ehemaligen Sportstätten des Fußballclubs Real Madrid wie Raketen in den Himmel schießen. Von den New Yorker Architekten Pei Cobb und Reid Fenwick, dem Argentinier César Peli, den Spaniern Rubio und Álvarez-Sala sowie Sir Norman Foster erbaut, sind die bis zu 236 Meter hohen Wolkenkratzer noch vor ihrer Fertigstellung zum neuen Wahrzeichen Madrids avanciert.

Weniger aufsehenerregend, aber für Stadtbesucher mindestens ebenso interessant ist, dass auch das schon legendäre goldene Museumsdreieck Zuwachs bekommen hat. Während Rafael Moneo den Prado um den Kreuzgang San Jerónimo el Real erweiterte, hat das Schweizer Architektenduo Herzog & de Meuron schräg gegenüber aus einem ehemaligen Elektrizitätswerk das Kulturzentrum CaixaForum gemacht. Mag sein, dass der Bau mit seiner rostigen Hülle nicht ihr gelungenstes Werk ist, aber was sich drinnen abspielt ist erstaunlich – und meist kostenlos. Die kultursüchtigen Madrider stürzen sich mit Inbrunst darauf. Man muss ihnen nur mal zusehen, wenn sie sonntags mit Kindern und Enkelkindern hierher strömen. „Schau mal, wie groß das hier ist“, staunt eine ältere Dame und lässt sich mit ihrer Bekannten auf einem der poppigen lila Sofas im Foyer nieder, um das dicke Heft zum Ausstellungsprogramm zu studieren.

Ach ja, es hätte ihnen schon gut gefallen, hätte sich ihre Stadt 2016 bei den Olympischen Spielen in ihrer ganzen, runderneuerten Schönheit der Weltöffentlichkeit präsentieren können. Nun hat es nicht geklappt. „Aber die Kandidatur war trotzdem nicht umsonst“, sind sie überzeugt und hoffen, dass die Aufbruchstimmung nicht so schnell verpufft.

Schließlich wird in Madrid nicht nur in die Höhe gebaut. Bürgermeister Alberto Ruiz-Gallardón hat der Stadt auch das ambitionierte Programm M-30 verordnet, das endlich mit dem täglichen Verkehrskollaps aufräumen und der Stadt mehr Lebensqualität bescheren soll. „Weite Teile des Stadtrings werden untertunnelt, die verwahrloste Umgebung des Manzanares-Flusses mit Grünzonen, Fahrrad- und Spazierwegen aufgewertet“, erklärt Isabel Campo das Projekt. Und wenn man zurzeit im Stadtzentrum überall über Baustellen stolpere, dann liege das daran, dass Bürgersteige verbreitert, Fußgängerzonen angelegt und viele Plätze verkehrsberuhigt würden.

Diese Maßnahmen sind sicher zu begrüßen. Aber ob so viel Bauwut nicht auch in Gigantomanie ausarten kann? Jedoch hat die Investitionsfreude schon vor der gescheiterten Olympia-Kandidatur durch die schwere Wirtschaftskrise einen Dämpfer bekommen.

Das Verblüffende trotz des Modernisierungswahns: Die spanische Hauptstadt ist durch und durch bodenständig, ja teilweise sogar dörflich-provinziell geblieben. Zumindest in der Altstadt rund um die Plaza Mayor. Da tauchen die Hauptstädter in der liebenswerten, 1894 eröffneten „Chocolatería San Ginés“ noch immer die in heißem Fett gebackenen Churros in dickflüssige Schokolade, in der „Posada de la Vila“ wärmen sie wie ehedem Magen und Herz am Cocido, dem typischen Madrider Eintopf. „Mittags und abends verarbeiten wir jeweils sechzig Lämmer“, erklärt der Chef des jahrhundertealten Lokals. Und tatsächlich: In der Küche liegen Berge von abgezogenen Tierleibern mit zusammengebunden Pfötchen, um bald darauf in den uralten Steinofen geschoben zu werden.

Auch in vielen kleinen Läden scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Hier gibt es wunderschöne Fächer, dort originelle Hüte oder Espadrilles – dabei sind die handgefertigten, in allen Farben schimmernden Schuhe aus Hanf in der Calle Toledo immer noch so billig, dass sich vor dem Geschäft mitunter lange Schlangen bilden.

Ein Stück weiter, an der Plaza Santa Ana, geben derweil ein paar junge Musiker und eine Tänzerin eine Gratis-Flamenco-Show für die Passanten. Wer richtig guten Flamenco sehen will, kann ihn im benachbarten „Casa Patas“ erleben, wo es auch nach Jahrzehnten des Erfolgs noch relativ authentisch zugeht. Ähnlich wie in vielen Tapaslokalen. Selbst wenn sich das eine oder andere eine Modernisierungskur verschrieben hat, die Innenarchitekten – wie im Fall des „Estado puro“ – mit spanischen Klischees spielen und die Küchenchefs die Häppchen in Form von Mini-Hamburgern servieren – der ursprüngliche Geschmack ist dem Bellota-Schinken, den eingelegten Sardellen und gegrillten Gambas nicht abhanden gekommen.

Die gelungenste Synthese aus Alt und Neu stellt übrigens die Markthalle San Miguel dar: Nach der Renovierung ist aus der hundertjährigen Eisenkonstruktion mit schmiedeeisernen Säulen und gläserner Front ein überaus ansehnlicher Gourmettempel entstanden, wo sich die Madrider keinesfalls aufs Einkaufen beschränken, sondern sich bis spät in die Nacht bei frischen Austern, Knoblauchkartoffeln und Stockfischkroketten vergnügen.

Zwischendurch kann es passieren, dass sich zwei junge Männer mit einem guten Ribera del Duero zuprosten und ausrufen: „Madrid 2016 ist gestorben, es lebe Madrid 2020!“

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