Main-Tauber-Gebiet : Barock in Frühlingsgrün

Eine romantischere Landschaft als das Hohenloher Land gibt es wohl in ganz Deutschland nicht: Burgen und Schlösser auf fast jedem Maulwurfshügel, winzige Fachwerkstädtchen und Dörfer, die Wermutshausen und Altkrautheim heißen. Sie entdeckt man am besten per Rad.

Hans Eckart Rübesamen

Ja, gewiss, Vieles hängt hier am Gestrigen. Rothenburg ob der Tauber zum Beispiel, wo wir losgefahren sind: ein perfektes Freiluftmuseum und eine glänzende Perle im deutschen Städtetourismus. Ohne Rothenburg bewegten wir uns jetzt auf sehr unbekanntem Terrain. Denn das Hohenloher Land, durch das wir am Tauberfluss entlangradeln, ist hierzulande so unbekannt wie, sagen wir, Galizien oder Usbekistan; nur nicht so weit weg.

Eine romantischere Landschaft als das Hohenloher Land gibt es wohl in ganz Deutschland nicht: Burgen und Schlösser auf fast jedem Maulwurfshügel, winzige Fachwerkstädtchen und Dörfer, die Wermutshausen, Großbärenweiler und Altkrautheim heißen. Ein Flüsschen hier, ein Flüsschen dort – „o Täler weit, o Höhen, o schöner grüner Wald“. Woher konnte Eichendorff, der nie hier durchgekommen ist, wissen, wie es im Hohenloher Land aussieht?

Umschlossen von dröhnenden Autobahnen träumt das Taubertal seine nostalgischen Träume. Wer tritt schon auf die Bremse, um bei Ilshofen-Wolpertshausen oder Ohrenbach-West die Bundesliga der Fernstraßen zu verlassen und in die Kreisklasse einer gänzlich uncoolen süddeutschen Feld-, Wald- und Wiesenlandschaft abzutauchen? Die ist zwar überzogen mit einem Netz von Burgen, Schlössern und den dazugehörigen Museen, hat aber keine Erlebniscenter, keine Funparks, überhaupt nichts Spektakuläres zu bieten, ohne die sich heute eine touristische Destination, wie die Experten behaupten, nicht mehr „vermarkten“ lässt.

Das Fingerhutmuseum in Creglingen ist insoweit typisch für die Region. Es zeigt eine bezaubernde Sammlung kleinstmöglicher Ausstellungsobjekte; darunter Pretiosen wie den goldenen Fingerhut der Charlotte von Stein aus Weimar oder die silbernen Stücke mit den winzigen Biedermeiermotiven. Die Besucherzahl allerdings hält sich in Grenzen. Wer will das schon sehen heutzutage?

Doch die kleine Stadt Creglingen birgt ja auch eine große Kostbarkeit, den grandiosen Riemenschneider-Altar in der gotischen Herrgottskirche. Die Darstellung von Mariä Himmelfahrt, einem der Hauptwerke des Würzburger Bildschnitzers Tilmann Riemenschneider, repräsentiert in ihrer makellosen Schönheit die glanzvolle Periode deutscher Kunst um 1500, die einzige bis ins 20. Jahrhundert hinein, die uneingeschränkt internationale Geltung gewonnen hat. Deshalb steht er sogar bei japanischen Reisegruppen auf dem Programm. Wer Riemenschneiders Werke ungestörter genießen will, braucht nur das verschlafene Tauber-Dörfchen Detwang zu finden, wo sich im romanischen Kirchlein ein schlichterer, dennoch ergreifend schöner Heilig-Kreuz-Altar des Meisters verbirgt.

Unterhalb von Creglingen macht die Tauber eine entschiedene Wendung nach Westen und erreicht Weikersheim; Tauber-Radler auf der Dreitagetour bleiben hier gern über Nacht.

An dem riesigen Renaissanceschloss von Weikersheim haben Generationen bald zwei Jahrhunderte lang gebaut. Denn Macht und Vermögen waren gering, der Wille, sich prächtig darzustellen, aber gewaltig. Doch da diesem letzten Endes diese eindrucksvolle Schlossanlage zu verdanken ist, rechnen wir nicht kleinlich auf, sondern erfreuen uns an der erlesenen Barock- und Rokokoausstattung der Zimmerfluchten, dem prunkvollen Rittersaal und dem Schlosspark nach französischem Muster. Schön, dass auch die „Jeunesses Musicales“ im Schloss untergebracht sind: Musik dringt aus den Fenstern der Kavaliershäuser.

Radler haben bekanntlich mehr Zeit und Muße zu gelegentlichen Abstechern als Autofahrer. Die 100 Kilometer lange Strecke bis Wertheim am Main schaffen wir leicht in drei Tagen. So folgen wir auch dem Weg nach Bartenstein. Dort erwartet uns auf seinem Schloss Ferdinand Fürst zu Hohenlohe-Bartenstein und plaudert über Freuden und Leiden – diese vor allem – eines Schlossbesitzers. Mit der gepflegten Selbstironie des Herren von uraltem Adel stellt er das Leben seiner Ahnen dar, in dem Anspruch und Realität, Wollen und Vermögen schmerzhaft kontrastierten, weil die Grenzen der fürstlichen Hoheitsgebiete nur wenige Kilometer vor oder hinter den eigenen Residenzen lagen. Durchlaucht ist zwar nicht jederzeit für jedermann buchbar. Doch wer das von ihm eingerichtete Schloss- und Militärmuseum Bartenstein besucht, hat keine schlechten Chancen, mit ihm ins Gespräch zu kommen …

Am Nachmittag des dritten Tages rollen die Radler im Fachwerkstädtchen Wertheim ein. Staunend halten sie am Ufer des Mains, der hier ansehnlich und gelassen vorbeiströmt. Ein wirklich großer Fluss ist der Main ja nicht. Doch wer ein paar Tage im Hohenloher Land gewesen ist, auf den wirkt alles andere draußen in der Welt riesengroß.

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