Mallorca : Das Wunder von Cap Ferrutx

So hat Mallorca ausgesehen, bevor die ganze Entwicklung des Tourismus losging: Das Naturschutzgebiet der Halbinsel Llevant ist weitgehend unentdeckt – und die Küste unverbaut.

Daniel Sprenger
Wilde Ostküste. Auf Mallorca gibt es seit Jahren den Naturpark de Llevant. So reges Treiben wie in der Serra de Tramuntana bei Soller herrscht hier nicht.
Wilde Ostküste. Auf Mallorca gibt es seit Jahren den Naturpark de Llevant. So reges Treiben wie in der Serra de Tramuntana bei...Foto: Dirk Kruell/laif

„Nur Essen und Getränke!“ Die Ansage der Angestellten in der Finca S’Alqueria Vella klingt etwas kurz angebunden, ist jedoch unmissverständlich. Im Besucherzentrum des Parc Natural de la Península de Llevant blickt die Frau in olivgrüner Uniform kopfschüttelnd auf die Rucksäcke einer Gruppe deutscher Wanderer. „Das Gepäck müsst ihr schon selber tragen.“ Der Transportservice, der in dem Naturpark weit in Mallorcas Nordosten angeboten wird, beziehe sich ausschließlich auf die Verpflegung.

Also lädt ihr Kollege nur die drei Fünf-Liter-Wasserkanister und den Karton mit den festen Lebensmitteln auf seinen Kleinlaster. Einmal am Tag bringt er den Proviant der maximal 22 Übernachtungsgäste zum etwa elf Kilometer entfernten Refugi S’Arenalet. Die öffentliche Herberge in völliger Alleinlage dürfte auf der Insel einzigartig sein und bietet einen Panoramablick über den gleichnamigen breiten Sandstrand und die felsige Küste.

„Wenn wir in der Hauptsaison vollständig ausgebucht sind und dann noch das Gepäck transportieren würden, müssten wir viel zu oft hin und her fahren“, erklärt Eulàlia Caballé, die im Park für Umweltbelange zuständig ist. Mit der vielen Fahrerei würde man das angestrebte Ziel, die karge Landschaft frei von störenden Einflüssen zu halten, unterlaufen. „Wir sind in einem Naturpark, und da geht man zu Fuß.“

Die wenigen Menschen haben ihre Höfe längt verlassen

Im Jahr 2000 hat die balearische Landesregierung das gut 1600 Hektar große Gebiet der drei aufgegebenen Fincas S’Alqueria Vella, Albarca und Es Verger in der Gemeinde Artà gekauft. Die wenigen Menschen, die früher in dieser abgelegenen Gegend der Serra de Llevant lebten, hatten ihre Höfe damals längst für Arbeitsplätze in Palma oder in den Touristenhochburgen verlassen, sagt Caballé.

Sie schwärmt von der Energie, die dieser Ort für sie ausstrahlt. „Das Land ist wenig ertragreich. Hier können Sie die Anstrengung, die in dieser kargen Gegend nötig waren, den Boden zu bestellen und davon zu leben, noch immer förmlich spüren.“

Und zwar unmittelbar nach dem Start der Wanderung, bei der es zunächst einige Kilometer bergauf geht. Die meisten der auf Terrassen gepflanzten Mandelbäume sind ohne die notwendige Pflege verdorrt. Ihre hölzernen Gerippe ragen knorrig wie um Wasser flehend in die Höhe.

Auf den wenigen ebenen und daher zum Ackerbau geeigneten Flächen im Tal zwischen den hier bis zu 560 Meter aufragenden Gipfeln des Massivs von Artà wuchern Gras, Ginster und Zwergpalmen. Die Höfe sind teilweise verfallen, in der Finca Es Verger wachsen inzwischen Bäume im einstigen Wohnzimmer.

Kümmerlicher Hafer wächst auf steindurchsetztem Lehm

Ursprünglich sei der Park etwa zehn Mal so groß gewesen, sagt Caballé. Er habe einst tatsächlich die gesamte Nordost-Halbinsel umfasst. Doch die Einbeziehung von privatem Land sei nach Protesten der Eigentümer 2003 zurückgenommen worden. Seither konzentriere man sich auf die öffentlichen Fincas.

Einige Gebäude wie das Herrenhaus S’Alzina inmitten weitläufiger Olivenhaine oder das zu diesem Landgut gehörende ehemalige Badehaus am S’Arenalet-Strand sind restauriert und in Refugis, Unterkünfte für Wanderer, umgewandelt worden.

Auch der Boden werde zum Teil wieder bestellt, kümmerlicher Hafer etwa wächst auf dem steindurchsetzten Lehm. „Wir erhalten die Kulturlandschaft so, wie sie seit Jahrhunderten war. Das heißt, wir nutzen keinen chemischen Dünger und keine schweren Maschinen“, sagt Caballé.

Insgesamt 13 kombinierbare Wanderwege zwischen einem und sieben Kilometer Länge sind im Park vorbildlich ausgeschildert. Sie führen zu historischen Schöpfrädern und Ölmühlen, auf Aussichtsgipfel oder zur Küste.

Der meistbegangene Weg ist wohl der Camí dels Presos, der „Weg der Gefangenen“. Ranger Josep Rullan fährt mit seinem Kleinlaster über die an einigen Stellen unterbrochene Straße, die republikanische Kriegsgefangene nach dem spanischen Bürgerkrieg von 1941 auf Befehl von Faschistenführer Franco bauen mussten. „Die sollte zu einer Militärbatterie auf dem höchsten Berg führen.“ Diese Artilleriestellung sei jedoch nie gebaut worden.

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