Reise : Maultaschen für den Dichter

Mit Martin Walsers Werken im Gepäck lassen sich dessen Heimatort Wasserburg und die Bodensee-Region gut erkunden

Bolke Behrens

Es ist eine Landschaft für späte Romantiker und ewige Schwärmer – ein bisschen süßlich zuweilen und im Nebel auch melancholisch stimmend. Es ist eine seltsame Harmonie: „Zwischen wachsamen Heiligen lachen wir laut. Es ist das viele Leben hier, das den Tod anzieht“, heißt es in Martin Walsers Büchlein „Heimatlob“ über die Bodensee-Region, wo der Dichter in Wasserburg geboren ist.

Am besten nähert sich der Reisende dieser Szenerie per Zug von München aus. Schon bei der Fahrt gen Südwesten lassen ein paar zerfaserte Wolken an den Literaten denken: „Der Föhn malt auf Goldgrund die Nähe der Unendlichkeit.“ So beschreibt Walser eine Stimmung seiner Landschaft am Wasser. Davor noch wird das Bilderbuch der buckligen Voralpenwelt aufgeschlagen mit Wiesen und Waldstücken, kleinen Mooren und Seen. Des lieben Gottes Flickenteppich mit eingewebten Kirchlein und Kapellen. In sanften Kurven schwingt die Bahn durch die nahrhafte Landschaft mit ihren Bärenmilchkühen und Gasthausgärten, in denen Krautkrapfen und Kässpätzle serviert werden.

Bei der letzten großen Kurve öffnet sich das Bodensee-Panorama, gekrönt vom mächtigen, schneebedeckten Säntis auf der Schweizer Seite. Der Zug läuft in Lindau ein. Die Seepromenade lockt zum kurzen Bummel am Hafen mit dem Postkartenmotiv von Leuchtturm und steinernem Löwen, der Bayerns Anspruch auf seinen Teil des Bodensees dokumentiert.

Umsteigen in die Bahn nach Friedrichshafen. Ein paar Stationen, dann kommt Wasserburg. Es gilt sich zu beeilen: „Schnell, ewig hält der Zug nicht“, bemerkt der Reisende in Walsers autobiografischem Roman „Der springende Brunnen“.

In Wasserburg amtiert zur Romanzeit Herr Deuerling als Stationsvorsteher. Der Reichsbahnobersekretär betont indes immer wieder voller Stolz, er stamme nicht aus dieser Gegend, sondern vom Lech – und zwar von der rechten Seite. „Und nur darauf kam es an“, erfährt der Leser. Denn die rechte Lech- Seite, das ist die alt-bayerische, die linke jener Teil des weiß-blauen Freistaats, der sich „Regierungsbezirk Schwaben“ nennt und von Augsburg bis kurz hinter Wasserburg reicht.

Wobei der Zipfel am Bodensee nicht einmal schwäbisch ist, sondern in historischer Wahrheit alemannisch – sich aber politisch, wirtschaftlich und sprachlich vereinnehmen ließ. „Wie alles Natürliche stirbt der Dialekt, wenn seine Existenzbedingungen zu ungünstig werden“, schreibt der aufrechte Alemanne Martin W. voller Wehmut. Sein Neffe Josef sieht das lockerer und pragmatisch: ,,Wohin so viele Touristen kommen, von denen wir ja leben, dort spricht man schnell Kauderwelsch.“ Josef führt den „Walserhof“. Das neue Hotel hat sein Vater Karl nahe am See gebaut, da er ahnte, dass die ererbte Wirtschaft gegenüber vom Bahnhof an Attraktivität verlieren würde – weil zu altmodisch und zu laut für viele Gäste.

In der alten „Restauration“ ist jetzt ein kleiner Betrieb für pädagogische Lehrmittel untergebracht. Einheimische können sich indes noch an den ehemaligen Wirtshaussaal erinnern: „Da haben wir unseren ersten Schnaps getrunken. Und im Keller sind die Säu geschlachtet worden.“

In leichtem Rosa ist jetzt das alte Gebäude gestrichen, von dem Johann – das Alter Ego des Martin Walser – erzählt. Ein bisschen umgefärbt hat er das Leben im Dorf, wissen die Einheimischen, manchmal sogar geschwindelt. „Aber es ist halt ein Roman.“ Den kann man auch als detailsicheren Wanderführer lesen. Für Ausflüge durch die Obstwiesen und Felder droben nach Hegnau beispielsweise, wo Johanns Vater geboren ist – keine drei Kilometer weit von Mutters Geburtshaus in Kümmertsweiler. Oder für den Fußweg vom Bahnhof abwärts Richtung See, „wo die rote Mauer scharf abbiegt“ und die zwei Mammutbäume des Professor Seidl stehen.

Hier kommt das schönste Wegstück: Auf dem schmalen Pfad zwischen den Mauern hindurch zum Wasser. Dort lagen und liegen noch immer die Villen der Zugezogenen – mit dem Blick auf Halbinsel und Kirche, die Segelboote und Kursschiffe. Und den See selber mit seinen wechselnden Stimmungen – von der hellblauen Idylle bis zum Gewittersturm, den die orangefarbenen Blitzfeuer ankündigen.

Den Wohnwert der Ufer entdeckten, so notiert Walser, unter anderem „verbitterte Professoren aus Berlin, jugendstilbefallene Frauen, die sich in Worpswede nicht durchsetzen konnten, und melancholische Fabrikanten aus Reutlingen“. Auf die Geheim- und Kommerzienräte ist der selber zu Geld gekommene Autor nie gut zu sprechen gewesen, erst recht nicht auf die Immobilienspekulanten. Die haben ihm das schöne „Schwanenhaus“ seiner Romanfigur Gottlieb Zürn vor der Nase weggeschnappt, abgerissen und dafür eine Apartmentanlage hingesetzt. So ist Walser dann am See nach Westen gezogen, nach Überlingen .

Nicht nur als Zürn kommt der Dichter unterdessen immer wieder virtuell nach Wasserburg, sondern auch als leibhaftiger Genießer heimatlicher Gerichte. Maultaschen mag er gerne, berichtet sein Neffe. Und erst recht den Stockfisch, den es an Aschermittwoch und Karfreitag gibt. Die Prioritäten hat der Onkel ja früh gesetzt: Lorbeer in der Suppe sei besser als auf dem Haupt, hat Martin Walser gemeint, als der Gemeinderat ihm beim ersten Mal die Ehrenbürgerschaft verweigerte.

Da galt er noch als Kommunist. Später, da nach öffentlicher Ansicht geläutert und berühmt ohnehin, bekam er doch die Würde und im Heimatmuseum eine Dauerausstellung dazu. Da kann man viel aus Walsers Schul- und Jugendzeit erfahren, unbekannte Dialektstücke lesen wie über „s-’ Wasserburger Johr wias amol gsi isch“, Heimat- und Weltumspannendes wie „Alle Menschen sind am 24. März 1927 in Wasserburg geboren“ und das Eingeständnis eines Dauerrebellens mit Dickschädel: „Irgendwann verkracht man sich mit jedem.“

Da ist doch der andere, kaum weniger berühmte Wasserburger viel sanfter. Der zugewanderte Sachse Horst Wolfram Geißler schrieb nämlich hier am lieblichen See die zu Herzen gehende Geschichte vom Spieldosenmacher Augustin Sumser. „Der liebe Augustin“ hat in den napoleonischen Kriegen in Lindau ein Techtelmechtel mit der jungen Fürstäbtissin des Damenstiftes, leidet gar schnöde an erzwungener Trennung, macht später diplomatische Karriere und kehrt dann doch zurück an den See, den „hübschesten Erdenfleck unter dem lächelnden Himmelsspiegel“. Wie die Geschichte ausgeht, wird nicht verraten. Nur so viel: Es ist kein Happy-End.

Warum Martin Walser den lieben Augustin aus der Biedermeierzeit wohl nie erwähnt hat? „Ja“, verspricht der Neffe ernsthaft, „danach werde ich den Onkel mal fragen.“ Es gäbe noch mehr Fragen an den Dichter. Warum nur fahren seine Helden von Wasserburg aus nie in die Landeshauptstadt und Kulturmetropole München – sondern immer nur mit der schwäbischen Eisenbahn in das schaffige und geldscheffelnde Stuttgart?

Man kann an dem Problem kauen wie im Stehimbiss am Wasserburger Bahnhof – an einem trockenen Stück einheimischen Backwerk. Ach wäre es schön, wenn es hier noch eine „Restauration“ gäbe.

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