Mausefallen-Museum : Schnapp, da war sie drin

Mausefallen gibt es in unzähligen Varianten. Ein Museum in der Eifel würdigt ihre Geschichte.

Walter Schmidt

Kaum ist die Frau im Dorf aufgetaucht, kommen die ersten Kinder gelaufen. Kein Wunder: Sie sieht seltsam aus mit ihrem Schlapphut, dem Stoffrucksack und den Drahtflechtereien, die aufgefädelt an einem weiten Eisenring unterhalb ihrer Schulter baumeln. Die Kleinen schauen sie erwartungsvoll an. Die fahrende Händlerin kennt das schon. Sie lebt davon, Aufsehen zu erregen und die Menschen, ob jung oder alt, mit ihren Geschichten und Anekdoten zu fesseln. Wenn Hausierer nämlich etwas können müssen, dann das: mit den Menschen reden, ganz gleich, in welcher Landesecke. Und das kann weit weg sein von Neroth, dem kleinen Eifel-Dorf bei Gerolstein, wo die Böden wenig abwerfen und die Menschen so arm sind, dass Mitte des 19. Jahrhunderts nach einem Bericht des damaligen Nerother Bürgermeisters Klein „ein Viertel von Almosen“ leben.

Doch Carola Philips lebt nicht im wilhelminischen Kaiserreich, sondern im Hier und Jetzt. Allerdings haben sich auch die Kinder, die sie umringen, tatsächlich auf einer staubigen Dorfstraße in der Eifel versammelt – wenn auch nicht, weil sie seit Tagen keinen Fremden mehr zu Gesicht bekommen hätten, sondern weil ein Schulausflug sie ins Rheinische Freilichtmuseum bei Kommern geführt hat, dessen Mini-Dörfer aus echten, aber von anderswo herbeigeschafften Fachwerkhäusern bestehen. Und dort wollen sie von Carola Philips erzählt bekommen, was es mit den Mausefallen am Drahtring und auf ihrem kleinen Holztisch auf sich hat.

Für Stadtkinder sind die Fallen aus Draht und Holz zum Lebendfangen oder Töten der Nager exotische Utensilien. Da stehen längliche Kastenfallen, „Hinnesje“ genannt, in denen die Mäuse beim Benagen des Köders einen Schnapp-Mechanismus auslösen, der blitzschnell die Eingangsklappe verschließt. Oder halbkugelförmige Korbfallen, in deren Kuppel ein schmales Eingangsloch aus nach innen gebogenen Drähten zwar das Hineinkrabbeln in Richtung Köder ermöglicht, ein Entweichen der Tiere aber verhindert.

Was denn mit den gefangenen Mäusen danach passiere, wollen die Kinder wissen. „Die Leute haben sie natürlich nicht in den Wald getragen“, beginnt Carola Philips vorsichtig eine Erklärung und rückt dann mit der ganzen Wahrheit heraus. „Die Mäuse wurden in die Regentonne geworfen und ersäuft.“ Was grausam klingt, war praktisch: Das Lebendfangen ersparte eine Reinigung oder gar Desinfektion der Falle.

Noch stärkerer Tobak für sensible Kinderseelen sind die „irischen“, weil seinerzeit vorwiegend nach Irland exportierten Lochfallen. Um an den duftenden Köder zu gelangen, muss die vorwitzige Maus ihren Kopf in einen kegelförmige, nach hinten spitz zulaufende Bohrung in einem Holzklotz stecken – doch gelingt dies wegen zweier Fäden nicht, die wie Gitterstäbe von oben nach unten verlaufen und den Zugang zu blockieren.

Nur scheinbar schlau, zerknabbert die Maus nun den ersten der beiden Fäden und findet sich im Bruchteil einer Sekunde stranguliert. Denn die beiden Fäden gehören zu einer Schlinge, die durch den Holzkörper der Falle verläuft und außen von einer Feder unter Spannung gehalten wird – freilich nur, solange der Faden heil ist.

Das Fallenflechten und ihr Wissen über die „Mousfallskramer“ hat sich Carola Philips sozusagen an der Quelle angeeignet – im Nerother Mausefallen-Museum, sicher einem der ungewöhnlicheren in Deutschland. Dort erfährt man alles Wissenswerte über die Menschen, die seit den 1830er Jahren „am Draht geschafft“ haben – bis 1979 die letzte gewerbliche Mausefallen-Werkstatt, jene von Josef Pfeil, die Arbeit einstellte.

Mäuseplagen konnten armen Bauern den Hunger bringen, Mausefallen hingegen ihr täglich Brot. Dies galt im frühen 19. Jahrhundert in der klimatisch rauen Eifel ganz besonders, jenem einst durchaus einträglichen, durch viele Kriege und den Raubbau an Wäldern jedoch verarmten Acker- und Waldland, das zeitweise als „Preußisch-Sibirien“ verspottet und bemitleidet wurde. Wiederholte Missernten seit 1817 bei kräftigem Bevölkerungszuwachs trieben viele Menschen in der Eifel auf die Schiffe nach Amerika.

Auch in Neroth mussten immer mehr Münder gestopft werden. Die durch wiederholte Dorfbrände verschlimmerte Misere war groß. Doch dann brachte der 1802 in Neroth geborene Theodor Kläs „Hilfe in der Not“, heißt es in einer Schrift des Mausefallen-Museums.

Jahre zuvor hatte Kläs eine angebotene Lehrerstelle im Kreis Daun abgelehnt und statt dessen sein Bündel geschnürt. Seine Reisen „zu Industriezwecken“ führten ihn auch nach Böhmen und Ungarn, und vermutlich schaute er sich dort bei Drahtflechtern und Hausierern ab, wie man Mausefallen herstellte und vermarktete.

In der Heimat zurück, begründete Kläs die Drahtgewerbe-Tradition in Neroth. Wann immer es die Feldarbeit zuließ, stellten angelernte Bauern fortan Mausefallen her, aber auch Kleiderhaken, Topfuntersätze, Tortenbodenteller, Fruchtkörbchen und vieles mehr. Jeder, der konnte, musste mit anpacken, selbst kleine Kinder verrichteten einfache, vorbereitende Arbeiten. Dank ihrer beweglichen Finger konnten sie zum Beispiel besonders gut die „Kucker“ flechten – jene immer enger werdenden Eingänge der Korbfallen, durch die keine Maus mehr zurück in die Freiheit findet.

Auch für die Männer war das mühselige Drahtflechten kein Zuckerschlecken. „Es war eine unwahrscheinlich schwere Arbeit, oft dreizehn Stunden am Tag“, sagt Ewald Peters, der Leiter des Mausefallen-Museums.

Doch der Verkauf der immer beliebteren Erzeugnisse brachte erstmals Geld in die Gemeinde. „Es ist keiner reich geworden, aber die Menschen hatten ein Nebeneinkommen“, berichtet Peters. Schon 1840 war die Drahtarbeit in Neroth so verbreitet, „dass weniger Leute von hier nach den USA auswanderten als anderswo in der Eifel“.

Wer möchte, kann heute im Ort nicht nur auf einen Kaffee ins Bistro-Café „Mausefalle“ einkehren, sondern im Restaurant „Zur Neroburg“ einen Hausierertopf verputzen – oder auch eine „Nerother Mausefallenplatte“, serviert auf einer „original Mausefalle“. Glücklicherweise schnappt sie bei Berührung nicht zu.

Das Mausefallen-Museum, untergebracht in der denkmalgeschützten Schule von 1842, ist mittwochs von 14 bis 16 Uhr, freitags von 15 bis 17 Uhr geöffnet, für Gruppen auch nach Absprache. Rückfragen unter der Rufnummer 065 91 / 47 52 , Internet: www.neroth.de/museum/index.htm

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