Mecklenburg-Vorpommern : Schlafen beim Grafen

Schlossurlaub in Mecklenburg-Vorpommern – in Herrenhäusern des alten preußischen Adels.

Axel Pinck

Die Tür zur Küche öffnet sich und Chefkoch Thomas Köpke persönlich bringt den Moritzanerbraten in die gemütliche Gaststube. Das deftig, kräftige Nationalgericht der mecklenburgischen Küche, eine mit Backpflaumen, Zwiebeln, Rosinen, Zucker, Zimt und zerbröseltem Weizenbrot gefüllte dicke Rippe vom Schwein wird mit dampfendem Rotkohl serviert und mit Handklößen. Genau das Richtige an einem kalten Wintertag. Die Gegensätze von rustikal und fein, von süß und sauer verbinden sich beim Moritzanerbraten in einem einzigen Gericht. Und bilden ein kulinarisches Spiegelbild der Landschaft zwischen Elbe und Ostsee, die sich mal rau, mal lieblich, hier schlicht und dort elegant präsentiert.

Das elegante Landrestaurant gehört zum Schlosshotel Gutshaus Ludorf, einem am Westufer der Müritz gelegenen Gebäudeensemble. Zu dem 1698 im Stil dänischer Klinkerrenaissance errichteten und ohne äußere Umbauten erhaltenen Herrenhaus gehört noch ein Wirtschafthaus mit Museum aus dem 19. Jahrhundert und eine gepflegte Parkanlage, die bis zum Seeanleger reicht. Heute beherbergt das Gutshaus ein stilvolles Hotel mit zwei Dutzend unterschiedlich eingerichteten Zimmern. Der heutige Gutsherr Manfred Achtenhagen, ein echter Mecklenburger, hatte schon als junger Mann der DDR den Rücken gekehrt und in Hamburg eine Karriere als Kaufmann gemacht. Vor zehn Jahren entdeckte er den heruntergekommenen Landsitz, kaufte ihn und begann mit der aufwendigen Restaurierung. Im Dorf erinnern Reste eines frühmittelalterlichen Burgwalls aus dem 12. Jahrhundert und die achteckige Dorfkirche an längst vergangene Zeiten, als Heinrich der Löwe verdiente Ritter der Slawenkriege mit Landschenkungen belohnte. Das war die Geburtsstunde des mecklenburgischen Ritteradels der Blüchers, Bülows, Maltzahns, der Plessen und Oertzens, die bis in die jüngste Vergangenheit die Geschicke der Region mitbestimmten.

Weite Felder und Viehweiden, unterbrochen von Buchen-, Misch- und Nadelwäldern ziehen sich über grüne sanfte Hügel. „Vorsicht Wild“, warnen Hinweisschilder die Autofahrer an den Landstraßen. Wer nur die Küste Mecklenburg- Vorpommerns kennt, hat nicht einmal die Hälfte der Naturschönheiten und Attraktionen dieses norddeutschen Bundeslandes gesehen. Immer wieder tauchen kleine und große Gewässer auf. Das ist das „Land der 1000 Seen“, die Mecklenburger Seenplatte, mit der Müritz als dem größten Binnensee Deutschlands. Schließlich grenzen an den noch ausgedehnteren Bodensee auch die Nachbarländer Schweiz und Österreich. Morce, kleines Meer, nannten einst slawische Siedler die weitverzweigte Seenlandschaft, ein reizvolles Erbe der letzen Eiszeit vor rund 20 000 Jahren. Und dazwischen, einmalig in Europa, weit mehr als 200 Schlösschen und Gutshäuser auf engem Raum.

„Auferstanden aus Ruinen…“, die Zeile aus der Nationalhymne der untergegangenen DDR hat für viele der heute herausgeputzten Schlösschen und Herrenhäuser eine besondere Bedeutung. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebten die vom preußischen Landadel bewohnten herrschaftlichen Gemäuer ihren Niedergang. Die meisten waren zu Zeiten der Wende ein Sanierungsfall, viele wurden jedoch inzwischen mit oft großem persönlichen Engagement und hohen öffentlichen Zuschüssen restauriert. Das klassizistische Gut Teschow östlich von Güstrow und Teterow ist so ein Fall. Einst im Besitz derer von Blücher gehört es heute dem früheren Bauingenieur Alfred Rüßel. Der Seiteneinsteiger, dem mit dem Schlosshotel Schorssow und der Bauruine des Schlosses Lübzin noch weitere Immobilien in der Region gehören, hat das Haupthaus mit Anbauten erweitert und mit mehreren Restaurants, eigenem See und zwei Parcours zu einer beliebten Adresse für Golfer ausbauen lassen. Im Hotelrestaurant Chez Liza bekommt das Zanderfilet aus der Gourmetküche mit einem Löffelchen Maränenkaviar den besonderen Kick. Die exklusive, gold-orangene Delikatesse, feinkörnig und von festem Biss, wird von den Müritz-Fischern im Dezember gewonnen, wenn die Maräne ihre Laichzeit hat. Bisher werden nur geringe Mengen aus der Region „exportiert“, das meiste landet auf heimischen Tellern.

Herbst und Winter sind im nicht weit entfernten Schlosshotel Burg Schlitz eine besondere Zeit. Mit dem klassizistischen Prachtbau, seinen mächtigen Säulen und einer großen Freitreppe ließ der preußische Diplomat Hans Graf von Schlitz Anfang des 19. Jahrhundert seine Träume von einem standesgemäßen Stammhaus Wirklichkeit werden. Auf dem Parkplatz stehen oft Pferdetransporter aufgereiht. Pferdefreunde aus ganz Deutschland treffen sich zum Ausritt durch die herrlich romantischen Wälder der Umgebung oder zu besonderen Ereignissen, wie einer traditionellen herbstlichen Schleppjagd. Danach mundet ein klassischer „British High Tea“ mit englischen Scones aus der hauseigenen Patisserie. Abends wird dann fürstlich im neogotischen Rittersaal gespeist, natürlich mecklenburgisch, aber leicht und modern. In munterer Gesellschaft, in der nicht mehr nur der preußische Adel, sondern jedermann willkommen ist.

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