Mexiko : Im Haus der Leidenschaft

Zerbrechlich, lebenshungrig, genial: Vor 60 Jahren starb Frida Kahlo. In der Casa Azul in Mexiko-Stadt kommt man ihr nah.

Alexander Del Regno
Das Haus "Casa Azul", inzwischen ein Museum, ist eine Touristenattraktion.
Das Haus "Casa Azul", inzwischen ein Museum, ist eine Touristenattraktion.Foto: Peer Grimm picture-alliance/ZB

Kräftige Farben prägen den Stadtteil Coyoacán. Das einstige Provinznest ist zwar längst vom Millionen-Moloch Mexico City geschluckt worden, die Beschaulichkeit zwischen kolonialen Bauten, exotischen Bäumen und Blumen ist jedoch geblieben. Coyoacán hat stets Künstler, Intellektuelle und Bessergestellte angezogen. Man trifft sich damals wie heute in den vielen Straßencafés, Galerien und Theatern. In den schachbrettartig angelegten Sträßchen wechseln gelbe, rosa, pastellblaue, hellgrüne Fassaden einander ab. Ein tintenblaues Gebäude an der Ecke der Straßen Londres und Allende fällt jedoch besonders auf. In der Casa Azul lebte, liebte und litt Frida Kahlo, die heute vor 60 Jahren starb.

Von außen wirkt der flache Bau mit vergitterten Fenstern und grünen, geschlossenen Schlagläden fast trutzig. Umso mehr überrascht das Innere mit seinem paradiesisch anmutenden Patio: Hohe Zedern wachsen darin, Yuccapalmen, Bananenstauden, Farne und Kakteen. Singvögel und Schmetterlinge flattern umher. Umrahmt wird das Grün der subtropischen Pflanzenpracht vom maritimen Blau der Mauern, das dem Haus seinen Namen gab: La Casa Azul, das blaue Haus. Hier wurde eine der bedeutendsten Künstlerinnen des Landes als Magdalena Carmen Frida Kahlo y Calderón am 6. Juli 1907 geboren, hier wuchs sie auf, hier verbrachte sie leidenschaftliche Jahre mit ihrer großen Liebe Diego Riviera, hier starb sie: am 13. Juli 1954.

Das pechschwarze Haar kunstvoll hochgesteckt, wie es die indigenen Frauen Mexikos zu tragen pflegen; dunkle Augen, in denen so viel Geheimnisvolles liegt, die unergründlich scheinen und zugleich doch einen tiefen Blick in eine stolze, aber verletzte Seele freigeben – so stellte sich Frida Kahlo zumeist in ihren Selbstbildnissen dar. Ihre zusammengewachsenen Brauen und der Damenbart – beides in Wirklichkeit weitaus weniger ausgeprägt als in ihren Gemälden – stilisierte sie zu äußerlichen Markenzeichen.

Monatelang ans Bett gefesselt malt sie im Liegen, oder auf Krücken gestützt

Viele dieser Darstellungen sind in den Räumen der Casa Azul zu sehen. Doch sind es nicht die Kunstwerke allein, die dem Haus seine Authentizität verleihen. Vielmehr fügen sich die zahllosen Gegenstände der Künstlerin, die Möbel, Fotos, Bücher, Briefe und bunten Kleider zu einem Mosaik ihrer Persönlichkeit zusammen und lassen die Räume so lebendig erscheinen, als wären nie und nimmer sechs Jahrzehnte seit ihrem Tod vergangen.

Einiges aus dem bewegten Leben Kahlos ist überliefert, beschrieben, verfilmt. Und natürlich spiegelt sich die Tragik ihrer Geschichte im irgendwo zwischen Surrealismus und Neuer Sachlichkeit verortbaren Œuvre wider. Die körperliche und seelische Pein nach dem folgenschweren Busunfall als Teenager, Fehlgeburten, Dutzenden Operationen und der Amputation ihres rechten Fußes spricht unmissverständlich aus ihren Bildern. Unverblümt und bitter verdeutlichen dies aber erst Ausstellungsstücke wie der alte Rollstuhl im Atelier, die Prothese neben dem schmalen Bett oder das beinahe fröhlich bemalte Korsett.

Fotoaufnahmen zeigen eine zerbrechliche, aber lebenshungrige Frau, die Monate ans Bett gefesselt im Liegen malt oder vorsichtig, auf Krücken gestützt, durch den Garten geht nach einer wieder einmal langen, komplizierten Krankheit. An den Wänden hängen Skelette und Totenschädel. Dies mag für Mexikaner und ihren unverkrampften Umgang mit dem Tod zwar nicht ungewöhnlich erscheinen. Hier jedoch hat die Allgegenwart von Vergänglichkeit und Verfall etwas Bedrückendes.

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