Reise : Mit Wollmütze am Kamin

Die Rainerova Chata ist die älteste Schutzhütte in der Hohen Tatra. Wer dort einkehrt, trifft Peter Petras, Wirt und Philosoph.

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Innen summt das Wasser im Kessel: die Rainerova Chata Foto: promo
Innen summt das Wasser im Kessel: die Rainerova Chata Foto: promo

Im harschigen Schnee der Hohen Tatra, mitten in einer furchterregenden Felswand, steht ein Hexenhäuschen: sechs Schritte lang und fünf Schritte breit. Die Wände sind aus Naturstein gemauert. Eine dicke Schneeschicht liegt auf dem hölzernen Dach, wie Buttercreme auf einer slowakischen Festtagstorte.

Drinnen, in der heimeligen Kammer, flackern Petroleumlampen. Drei Holztische, eine Eckbank, ein paar Stühle. Ein Kachelofen spendet Wärme. Peter Petras, der Hüttenwirt der Rainerova Chata, greift getrocknete Kräuter und Beeren aus einer knittrigen Papiertüte: Holunder, Minze, schwarze Johannisbeeren. Die weiteren Zutaten seines Bergtees verrät er nicht. „Wärmt die Seele und gibt Kraft“, sagt er mit rauer Stimme. Der Hüttenwirt ist 65 Jahre alt, sein Schnurrbart und seine Koteletten sind silbergrau. Auch in der Chata setzt er die Wollmütze nie ab. Petras ist ein geheimnisvoller Mann mit vielen Talenten: Er hat im Tal unten am Gymnasium unterrichtet, ist Doktor der Philosophie – und hat als Lastenträger Tausende Touren durchs Hochgebirge bewältigt.

„Ich bin ein Sherpa“, brummt er und kocht in einem Blechkessel Wasser auf. Sherpas, so werden Menschen, die gewaltige Lasten die Felswände hochschleppen, in der Tatra genannt. Die Bezeichnung kommt daher, dass Extrembergsteiger im Himalaya häufig Männer aus dem Volk der Sherpa als Träger engagierten. Als etwa der Neuseeländer Sir Edmund Hillary im Jahr 1953 als erster Bergsteiger den Mount Everest bezwang, begleitete ihn ein Sherpa. Sir Hillary wurde weltberühmt, seinen Träger, Tenzing Norgay, kennt kaum jemand. „Bei uns in der Slowakei aber schon“, sagt Petras stolz, „denn bei uns sind Sherpas Helden.“

Obwohl der Hauptkamm der Hohen Tatra lediglich 24 Kilometer lang ist, ragen mehr als zwei Dutzend ihrer Gipfel über 2500 Meter hoch in den Himmel: Sie gilt als das kleinste Hochgebirge der Welt. Zu den Schutzhütten führen ausschließlich Saumpfade. Mit Geländewagen ist kein Durchkommen, und Vorräte mit Hubschraubern einzufliegen, wäre zu teuer. Sherpas hingegen verdienen bei jeder Witterung und selbst bei knochenharten Touren über Hunderte Höhenmeter nur etwa 25 Cent pro Kilogramm. Dafür werden sie von den Menschen im Tal für ihre Kraft, ihren Mut und ihre Geschicklichkeit bewundert.

Die Rainerova Chata ist die älteste Schutzhütte der Hohen Tatra. Schwere Kuhglocken und der Schädel eines Bergschafs baumeln von der Decke. Historische Skier schmücken die Wände, vergilbte Schwarz-Weiß-Fotos, rostige Steigeisen, Wanderstäbe. Im Jahr 1863 hat ein Hotelier aus dem Kurort Smokovec die Hütte als Unterschlupf für Bergsteiger erbaut. Seit 1997 bewirtschaftet sie Peter Petras.

An diesem Nachmittag wärmen sich ein paar slowakische Wanderer in der Chata auf. Abgekämpft kauern sie auf der Eckbank, die Gesichter vom eisigen Wind gerötet. Petras gießt Bergtee in schlichte Tassen aus Ton. Die Gäste nippen an der dampfenden Flüssigkeit – und Gesichter und Haltung verändern sich: als hätte der geheimnisvolle Trank Frost und Erschöpfung aus ihrem Körper geschwemmt. Petras lächelt. Der Veteran unter den mehreren Dutzend Sherpas der Hohen Tatra ist für seinen Zaubertee im ganzen Gebirge bekannt.

In einer Ecke der Chata lehnt seine Holzkraxe an der Wand: Drei Meter hoch ist das Gestell: Brennholz, Bierkisten, Petroleumflaschen, Wasserkanister, Zementsäcke, Brotlaibe, Schnapsflaschen schnallt man einfach darauf. An den Seiten sind Trageriemen befestigt. „Aus alten Feuerwehrschläuchen“, brummt Petras. Die sind schön breit und schneiden weniger ein als die Gurte gewöhnlicher Rucksäcke.

Für Petras war die Schufterei als Sherpa immer nur ein Nebenjob. Er unterrichtete im Tal Geschichte, am Gymnasium. Doch sein Gehalt reichte kaum zum Leben. Nach Schulschluss hievte er sich daher die Kraxe auf den Rücken. Etwa um 23 Uhr kam er nach Hause – und am nächsten Morgen stand er wieder pünktlich im Klassenzimmer.

Besonders freut Peter Petras sich immer, wenn Urlauber aus Deutschland in seiner Hütte einkehren. Mitte der 70er Jahre organisierte er als Klassenlehrer eine Schulreise in die DDR. Seither liebt er Dresden: den Zwinger, die Frauenkirche, die Semperoper. Vor allem aber kam er bei der Stadtbesichtigung mit einem Lehrer aus Dresden ins Gespräch und freundete sich mit ihm an. Bald darauf besuchte dessen Klasse diejenige von Petras in der Tatra.

Mehr als 30 Jahre sind seither vergangen. Die DDR und die Tschechoslowakei existieren nicht mehr. Und auch die Freundschaften, die Petras damals geknüpft hatte, schienen nur noch Geschichte. Bis eines Tages ... – aber greifen wir nicht vor.

Was sich nicht verändert hat seit den 70er Jahren ist die Bewunderung der Slowaken für ihre Sherpas: Im Herbst werden mittlerweile sogar Sherpa-Wettkämpfe veranstaltet: Mit 60 Kilogramm Gewicht auf dem Rücken müssen die Athleten mehr als 800 Höhenmeter zurücklegen. „Rührend“, sagt Petras und verzieht sein Gesicht zu einem Grinsen. Sein persönlicher Rekord liegt bei 132 Kilogramm. Er deutet auf den massiven Kachelofen der Chata. Peter Petras hat ihn höchstpersönlich aus dem Tal hochgeschleppt.

Die Kuriositäten aus der Bergwelt, die die Wände der Hütte schmücken, stammen aus seiner Privatsammlung: Primitive Skier aus Naturholz sind darunter, manche über hundert Jahre alt, aber auch Originalaufzeichungen von Alfred Grosz, einem der berühmtesten Männer aus der Hohen Tatra: Grosz, der im Jahr 1971 starb, ist das große Vorbild von Peter Petras.

Der Intellektuelle aus der mittelalterlichen Stadt Kezmarok, knapp 20 Kilometer östlich der Chata Rainerova, war ebenfalls Lehrer und ein Held der Berge. Mehr als 130 Tatra-Gipfel hat Grosz als erster bezwungen. Noch mit 80 Jahren engagierte er sich bei der freiwilligen Feuerwehr. Nebenbei sammelte Alfred Grosz Sagen aus der Hohen Tatra. „Wo jetzt ihr mächtiger Steinwall in die Lüfte starrt, war einst die Landschaft flach wie überall“, heißt es in einer der Legenden: Eines Tages aber sei „das Tiefland dieser anspruchslosen Lage überdrüssig“ geworden: „Es wollte sich bis zu den Sternenscharen emporbäumen, damit seine Felsen dem lieben Herrgott als Rastplatz dienten.“

Peter Petras hat die Naherholungsgebiete Gottes alle erklommen: Den rund 2500 Meter hohen Krivan etwa, das „Matterhorn der Hohen Tatra“. Einen Berg mit schräg vorspringendem Gipfel, dessen tief verschneite Hänge an klaren Wintertagen so unvergesslich in der Abendsonne leuchten und glitzern, dass ihn viele Slowaken als heilig betrachten.

Doch bei aller Idylle: Die Hohe Tatra kann gefährlich sein: Unzählige Schneestürme überraschten Petras auf seinen Touren. Oft musste er sich flach auf den Boden legen, um nicht mitgerissen zu werden. Mitte November 2004 etwa raste ein Orkan übers Gebirge und entwurzelte unzählige Bäume: 50 Kilometer lang und drei Kilometer breit war die Schneise der Verwüstung. Und in den gerade vergangenen Jahren töteten Lawinen zwei seiner Sherpa-Kollegen. „Der Berg schenkt dir Freunde, der Berg nimmt dir Freunde“, sagt Petras.

Der Teekrug ist leer. Draußen dunkelt es langsam. Mit neuer Kraft raffen sich die Wanderer auf, um in die eisige Kälte hinauszutreten. Da kommt der Hüttenwirt noch einmal auf Dresden zu sprechen: Unlängst wärmte sich ein Pärchen aus Deutschland in der Chata auf, erzählt er. Und als er ihnen seinen Namen nannte, berichteten die Urlauber, dass sie in ihrer Schulzeit schon einmal in der Tatra gewesen seien, vor mehr als 30 Jahren. Nun wollten sie diese raue, archaische Landschaft noch einmal erleben.

Zum ersten Besuch habe sie ein beeindruckender Mann aus der Tschechoslowakei eingeladen, sagten die Feriengäste aus Dresden, ein Philosoph und Geschichtslehrer: „Und, so ein Zufall: Der Mann hieß auch Peter Petras.“

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