Moldawien : Schatten unterm Lindenbaum

Einst galt Moldawien als Garten der Sowjetunion. Seit 1991 sucht das Land seinen Weg in Europa - und hofft auf Besucher.

Franz Lerchenmüller
Moldawien
Das Grau der Sowjetzeit ist längst Geschichte. -Foto: Franz Lerchenmüller

Reich ist sie, die arme Hauptstadt. Reich an Grün und Blumen. Die weitläufigen Parks von Chisinau mit ihren Springbrunnen werden zu kühlen Fluchtorten vor der lastenden Hitze. Das Schattenspiel auf den Blättern der Ahorn- und Lindenalleen sorgen für flirrende Leichtigkeit. Die erstaunlich vielen Restaurants haben Tische ins Freie gestellt. „Mexx“, „Boss“ und „Ecco“ zeigen Logo, McDonald’s bietet „cartofi prajiti“. Doch dem urbanen Leben mangelt es noch an Vielfalt und Farbigkeit, an Schaufenstern, an entspannten Flaneuren und an ein bisschen Glanz und Pracht.

Die 500 Kilometer lange, zwischen Rumänien und der Ukraine eingeklemmte Republik Moldau, gemeinhin Moldawien genannt, ist nicht nur das wohl ärmste Land Europas, sondern auch so gut wie unbekannt auf der touristischen Landkarte. Und so erwarten die Teilnehmer dieser Reise auch kein glamouröses Nachtleben oder große Kunst, sondern ein möglichst vielschichtiges Bild der Region.

Und das Programm der nächsten Tage wird diesem Wunsch gerecht: mit Dichterlesung, der Plauderei mit Marktfrauen ebenso wie dem reich gedeckten Tisch eines Landgasthofs, mit dem Rundgang auf jüdischen Spuren und dem Ausflug in die autonome Region Gagausien im Süden.

Was in Chisinau als Sehenswürdigkeiten gehandelt wird, ist schnell abgehakt: Da ist die Oper von 1980 mit breiter Treppe und viereckigen Säulen – ein gediegenes Stück Sowjetarchitektur. Das Vorbild zum pompösen Gebäude der Nationalversammlung, 1964 erbaut, steht in Alma Ata. In der Kathedrale von 1836 im russischen Stil geben sich sonnabends die Brautpaare die Klinke in die Hand. Nach der Trauung legen die prächtig herausgeputzten Traumprinzessinnen und Vorzeigegatten am Denkmal Eternitate im Schatten überdimensionaler Bajonette ihren Blumenstrauß nieder.

Aufregender ist das Leben auf den Straßen. Auf dem Boulevard Stefan cel Mare trinken blondierte Stöckelschuhträgerinnen in kürzest denkbaren Goldlameekleidchen neben Muskelpaketen – Bürstenhaarschnitt, verschlossene Mienen – Carlsberg-Bier. Landfrauen in großgeblümten Kleidern schlecken Eis. An vielen Wänden prangen Handzettel für Schönheitsstudios. Und solche für Sprachschulen.

Männer in Lederjacken zählen mit gefurchter Stirn eine Handvoll Scheine nach. In den zahllosen Wechselstuben wird Geld getauscht, das Moldawier aus dem Ausland nach Hause schicken. Rund 4,3 Millionen Einwohner hat das kleine Land. Ein Viertel davon arbeiten auf Dauer in Italien, Griechenland, Frankreich, Israel und wohin sonst irgendein Schlepper oder das Schicksal sie meist als die billigsten aller Arbeitskräfte verbracht haben.

Wenn das Wort von der „Stadt der Gegensätze“ irgendwo seine Berechtigung hat, dann in Chisinau mit seinen 750 000 Einwohnern. Mitten in dem schachbrettartig angelegten Konglomerat stößt das Dorfsträßchen mit grauen Holzhäusern an die Glasfassade einer Bank, die malerische Jugendstilvilla verrottet neben dem aufschießenden Hochhaus, der Prachtboulevard geht abrupt in die Schlucht vielstöckiger Wohnblocks über.

In der Markthalle haben die Metzger vom Rind übers Huhn bis zum Schwein alles vorrätig – nur Kunden sind rar. An den Ständen der wohl zweihundert Meter langen Blumenstraße dagegen kauft fast immer irgendjemand ein. „Wir erwarten von einem Kerl keine großen Geschenke“, sagt die junge Reiseleiterin Corina. „Wenn er aber keine Blumen mehr bringt, kommen wir ins Grübeln.“ Sie sind ein einziges „trotzdem“, all die Gladiolen, Nelken und Rosen. Wer Blumen kauft, zeigt, dass er sich nicht unterkriegen lässt, von einem Alltag, der alles andere als rosig ist.

Was aber hat Moldawien, das Land, dem Besucher „zu bieten“, wie die Kardinalfrage aller Touristiker lautet. Flach, manchmal leicht hügelig liegt der einstige „Garten der Sowjetunion“ mit seinen Maisäckern, Sonnenblumenfeldern und Weinbergen unter der Sonne. Tausende von Walnussbäumen wechseln mit Apfelplantagen und versteppten Feldern. Hinter blauen Staketenzäunen oder hohen Mauern verbirgt jedes Häuschen seinen Innenhof, ein Kirschbaum oder eine Kastanie überwölbt den Ziehbrunnen.

Und es gibt Sehenswürdigkeiten, bedeutende wie kuriose. Da ist jener ominöse Parkplatz in Orhei, auf dem Autos ganz ohne Antrieb bergan fahren: Eine optische Täuschung, die für fröhliche Aufregung sorgt. Da findet sich die „größte Weinsammlung der Welt“ in der Kellerei von Milesti Micii, mit, wie das aufgeschlagene Guinnessbuch der Rekorde 2007 meldet, mehr als 1,5 Millionen Flaschen. Im Kleinbus fahren die Besucher einige der 55 Kilometer Tunnel ab, in denen Wein wie in Waben lagert. Weniger weltmeisterlich fällt die 22 Euro teure Weinprobe aus: „Weißer, Roter und Süßer“ schwappt in drei kleinen Fässern, aus denen jeder sein Quantum in einen Tonbecher abzapft.

Und dann sind da natürlich die berühmten Klöster. In Orheiul Vecchi etwa haben die Mönche vom 15. bis zum 17. Jahrhundert Kammern und Tunnel in die Muschelkalkwände am Ufer des Raut gegraben. Der Priester in dem von Kerzen erleuchteten Kirchenraum unter Tage lässt sich nicht stören in seinem Gespräch mit einer alten Frau – fast ist es, als sei man versehentlich in das Wohnzimmer eines frommen, geduldigen Nachbarn eingedrungen.

Noch in keinem Reiseführer verzeichnet ist das Kloster in Curchi. War es ein Soldat, der zwei Kinder im Stich ließ und büßen musste, oder der Räuber, der die eigenen Eltern getötet hatte – wie es denn nun genau zuging, als das Kloster gegründet wurde, lässt sich nicht mehr sagen. Mönch Stefan lächelt fein: „Leider hat ein Feuer 1959 alle Archive zerstört.“

Die unglaublichste Geschichte jedoch ereignet sich ohnehin derzeit vor aller Augen: Auf dem ganzen Gelände wird gesägt, gehämmert, geschliffen und poliert. Die Zwiebeltürme des Doms von 1872 haben bereits neue Kupferdächer bekommen, die der Bezirk bezahlt. Die Ausstattung mit Malerei, rund eine Million Lei teuer, übernimmt Herr Strati, der zweitreichste Mann Moldawiens, der sein Geld mit Bier und kasachischem Öl machte.

Da konnten und wollten andere Firmen nicht zurückbleiben, und also erstehen Mönchswohnungen, Bibliothek und das ehemalige Gästehaus, in dem Zar und König nächtigten, in ganz neuem Glanz. Staat, Gläubige und Wirtschaft Hand in Hand – warum, fragt sich da der durchgerüttelte Besucher, nimmt sich eine ähnlich konzertierte Aktion nicht der maroden Straßen des Landes an? Als Willkommensgruß gewissermaßen, für die Besucher von morgen.

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