Reise : Nachrichten

Vielleicht trägt die Band Mano Negra mit ihrem Lied „Guayaquil City“ etwas Schuld am zweifelhaften Ruf von Ecuadors größter Stadt – schließlich wurde ihr Sänger Manu Chao zu einer Ikone indiobemützter Lateinamerikafans. Chao singt von einem Moloch, der vor Hitze kaum zu ertragen sei, wo es Streiks gebe, Mord und Totschlag drohe. Wer nun ins kleine Ecuador reist, will folglich die Hauptstadt Quito sehen, das koloniale Cuenca oder die Dschungelstadt El Coca – Guayaquil steht eher selten auf dem Programm. Gefährlich, dreckig, mäßig interessant, ist in Reiseführern zu lesen. Was für ein Unsinn, findet Joseph Garzozi.

„Aller Wandel, alle Innovation, aller Fortschritt“ stamme doch von hier, von der Küste. Garzozi, ein agiler älterer Mann ist Tourismuschef von Guayaquil und residiert in einem der schönsten Gebäude der Stadt, dem verwinkelten Stadtpalast. Durch dessen neoklassizistische Pracht führt Garzozi den unangemeldeten Besucher persönlich. Kurz darauf dirigiert er ein ecuadorianisches Fernsehteam zum Denkmal „Fragua de Vulcano“. Es erinnert an die Revolutionäre, die Guayaquil 1820 für unabhängig von den Spaniern erklärten – als ersten Ort im späteren Ecuador. Die Plastik der Verschwörer ist eindrucksvoll. Wie die Stadt zu ihrer Zeit ausgesehen haben mag, ist aber kaum vorstellbar. Kolonialarchitektur, wie sie in anderen Städten Ecuadors die Besucher begeistert, wurde in Guayaquil durch viele Brände zur Mangelware.

Und so trumpft Garzozi mit einer anderen Attraktion auf: Weil in seiner Stadt das ganze Jahr die nahezu gleiche Temperatur von 26 Grad herrsche, müssten Touristen besonders wenig Garderobe einpacken. Zudem gebe es in Restaurants und Nachtclubs von Guayaquil fast nie einen Dresscode. „Das hier ist die offizielle Kleidung“, sagt Garzozi und zupft an seinem lässig über der Hose getragenen Hemd. Er hat seine Stadt zur „Light City“ ernannt. Ein Netzwerk will er aufbauen, Guayaquil zum „Welthauptquartier“ der „unbeschwerten Städte“ machen.

Auf 21 gut bewachten Hektar erstreckt sich entlang des Rio Guayas die Uferpromenade „Malecón 2000“, der Stolz des neuen Guayaquil. Die Baukosten von rund 100 Millionen Dollar wurden zu einem großen Teil von Spendern übernommen, am Abend erinnern 31 grünlich beleuchtete Tafeln an ihren Bürgersinn. Halbwegs historisch ist hier nur noch ein maurischer Glockenturm. Doch es gibt schöne Parks, moderne Spielplätze und ab und zu etwas Überambitioniertes wie die Idee, Palmen mit Steinröhren zu ummanteln. Größter Stolz des Malecón ist das Museo Antropológico y de Arte Contemporáneo de Guayaquil, kurz MAAC, in dem die ecuadorianische Zentralbank ihre Schätze präsentiert. Sie reichen von spitznasig-vergnügten Steinfiguren der präkolumbischen Valdivia-Kultur bis zur Installation „Enjoy the ride“: Aus drei an Schnüren kreisenden Lautsprechern dringt Kinderlachen, schön gespenstisch.

Ans nördliche Ende des Malecón grenzt der Hügel Santa Ana mit dem Viertel Las Peñas. „Früher war es unmöglich hierherzukommen“, erzählt die Verkäuferin Susanna Rodriguez. Sie selbst habe sich erst getraut, als die früheren Bruchbuden schon renoviert und bonbonfarben gestrichen waren.

Wie auch der Malecón geht die Instandsetzung des einstigen Armenviertels auf eine Initiative des konservativen Bürgermeisters Jaime Nebot zurück, der sich auf zahlreichen Gedenktafeln feiern lässt. Heute ist Las Peñas das wohl sicherste und sauberste Stadtviertel in ganz Ecuador, das interessanteste ist es nicht. Die 444 Stufen zum neu errichteten Leuchtturm wurden durchnummeriert, an Stufe 220 verkauft Susanna Rodriguez nun aus einem zitronengelben Haus heraus Eis und Softdrinks an Touristen. Las Peñas ist eher Themenpark als Südamerika, und bald wird es mehr davon geben: Am Fuß des Hügels lärmen schon die Bauarbeiten für den Puerto Santa Ana, eine Marina nach US-Vorbild, die den Malecón verlängern soll.

Oft genügt aber ein Seitenblick, um zu sehen, wie viel Arbeit es noch gibt in der Stadt. Auf der zentralen Avenida Nueve de Octubre etwa ist Guayaquil eigentlich ganz so, wie es sich selbst gern sieht: „eine Stadt der Unternehmer“, wie Garzozi betont hatte. Die Passanten sind gut gekleidet, auch jene, die vor der blau-gelben Kirche San Francisco anstehen. Jeder der Wartenden bekommt an einem Fenster zwei Brote zugesteckt. 1500 Laibe gebe man jeden Tag aus, erzählt ein Franziskanermönch, die Versorgung der Armenviertel am Stadtrand nicht mitgezählt.

Mit der Not wächst die Hoffnung auf göttlichen Beistand: Im Fernsehen läuft ein Spot für Wässerchen einer örtlichen Wunderkirche, über den Theken steht „Gott segne mein Geschäft“, ein Mann hat seinen Laden gleich „Der Wille Gottes“ genannt – er verkauft Fernbedienungen.

Früher zog Guayaquil mit seinem florierenden Handel immer wieder Unheil an. Im Stadtmuseum haben sie eine eigene Galerie für Piraten eröffnet, welche die schachbrettartig angelegte Stadt im 17. und 18. Jahrhundert regelmäßig überfielen. Der britische Freibeuter William Dampierre etwa kam 1709 schon zum wiederholten Mal in die Stadt, seine Mannen plünderten tagelang und nahmen Geiseln. Vertrieben wurden sie letztlich vom Gelbfieber, das ebenso wie Attacken der Indigenen und Großbrände zu den regelmäßigen Heimsuchungen der Stadt gehörte.

Umso wichtiger ist Guayaquileños wie der Museumsführerin Monica Márquez de la Plata, dass man sich zumindest von den Kolonialherren selbst befreite. „Por Guayaquil Independiente“ ist bis heute auf dem Stadtwappen zu lesen. Tatsächlich war es mit der Unabhängigkeit schnell wieder vorbei, als am 26. Juli 1822 in Guayaquil die südamerikanischen Befreier Simón Bolívar und José de San Martín zusammentrafen. Martín überließ Bolívar die Macht. Der gemeindete Guayaquil gegen den Willen vieler Revolutionäre in seinen Staat Großkolumbien ein. Als Ecuador acht Jahre später ein souveräner Staat wurde, machte man das konservative Quito anstelle des liberalen Guayaquil zur Hauptstadt.

Der Frust über all dies spricht noch heute aus de la Plata, während sie durch die liebevoll gestalteten Museumsräume führt. Im Gegensatz zu den Bewohnern der Gebirgsregionen, den Serranos, habe man sich hier ja „nie vom Inka erobern lassen“. Letztlich, wagt de la Plata einen kühnen Vergleich, sei Guayaquil sogar „für Ecuador das, was die USA für Südamerika sind“.

Einer US-Metropole nicht unähnlich ist Guayaquil zumindest was die Gegenwart von Gewalt angeht. Morde werden in der Zeitung „El Comercio“ schon mal in einer Rubrik namens „sonstige Delikte“ verzeichnet. Man gerät schon mal mitten auf der Straße in eine Begräbnisprozession. Die Männer tragen Baseballkappen, die Frauen kurze Hosen und knappe Tops, es wird gelacht und gesimst. Ein Begleiter schenkt Schnaps in kleine Becher und verteilt sie an die Träger. Als diese ins Straucheln kommen, klopft er aufmunternd auf den Sarg.

Auf dem monumentalen Generalfriedhof ruhen die Guayaquileños bis zu sechs Stockwerke hoch in weißen, durchnummerierten Gruften. Das Ganze hat etwas beruhigend Einheitliches, eine Art Billy- Regal der Toten. Auf fast alle Gräber wurden mit schwarzer Farbe Name, Lebensdaten sowie ein leicht grimmiger Jesus gemalt, für den offenbar nur drei verschiedene Schablonen in Umlauf sind. Die reichen Familien im Osten des Friedhofs mögen Grabstätten mit Marmorstatuen besitzen, die armen haben ihre Kreativität: An vielen der Schubfächer hängen Blumenketten aus Plastik, Carlos Mauricio Chalurama Veliz haben sie ein Wappen seines Fußballvereins aufs Grab gepinselt.

An die Endlichkeit könnte man sich in Guayaquil fast gewöhnen, die Hitze bleibt eine Herausforderung. Am besten machen es Besucher deshalb den Leguanen nach, die im Zentrum zu Hunderten den Parque del Centenario bevölkern: wenig bewegen und regelmäßig füttern lassen. Sei es im bescheidenen „Restaurante Joe“, wo eine alte Dame mit dem schönen Namen Celeste Camelia Cevallos Centeno die Fischsuppe Ceviche serviert. In der geschäftigen Cafeteria „La Palma“, wo man sich zwischen angestoßenen Marmortischen und vergilbten Schwarzweißfotos wie in Südeuropa fühlt. Oder in einer der vielen Bars, wo aus Mangos, Papayas oder Himbeeren in großen Glasbehältern köstlich-erfrischende Shakes gemacht werden.

Am Ende liegt Guayaquils Charme gerade darin, dass es als Reiseziel so unfertig ist. Während sich ein Teil der Stadt um Touristen bemüht, sind diese dem großen Rest herzlich egal. So wie man an Äquatordenkmälern im Norden Ecuadors zwischen Nord- und Südhalbkugel hin und her hüpfen kann, so ermöglicht Guayaquil den lockeren Sprung zwischen behüteten Touristenzonen und authentischem südamerikanischem Großstadtleben.

Einmal nur, als der Besucher um drei Uhr morgens eine Flasche Wasser kaufen gehen will, hält ihn der Portier zurück. „Die bringen Sie um“, sagt er mit ernstem Blick durch den vergitterten Eingang und besorgt die Flasche selbst. Letztlich hinterlässt Guayaquil dann als einzigen Folgeschaden eine leichte Druckstelle am Fußknöchel – vom gelegentlichen Verstecken der Dollarscheine.

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