Reise : Nachrichten

In der Ankunftshalle im Internationalen Flughafen von Abu Dhabi überrascht ein Farbmosaik, das den Schwingen eines Falken gleich vom Boden zur Decke aufsteigt. Das Clubhaus des Abu Dhabi Golf Club, ein 18-Loch-Spitzenplatz, empfängt den Ballspieler mit einem überdimensionalen Betonfalken, der sich über vier Stockwerke ausbreitet. Allein der Kopf des steinernen Tieres wiegt drei Tonnen. Im größten und reichsten Scheichtum der Vereinigten Arabischen Emirate ist der Falke das Wappentier. Es dekoriert Münzen ebenso wie Briefmarken. Auch die im vergangenen Jahr neu gegründete, erste Hotel-Management- und Tourismus- Fachschule ist nach dem schnellsten Raubvogel der Welt benannt: Falcon- College. Im Reich der Scheichs hat man seit langem angefangen, über eine Zeit nach dem Öl nachzudenken – und den lange verschmähten Tourismus für das Land entdeckt.

Im Wüstenstaat am Persischen Golf steht der Greifvogel als Symbol für Freiheit, Stolz und Rang. Nicht der Ferrari oder die Audemars-Piguet-Uhr ist den reichen Beduinen das Teuerste, sondern der Falke. Für einen pfeilschnellen, außergewöhnlich schönen, furchtlosen und gut trainierten Jagdfalken zahlen sie fast jeden Preis. Bis zu 100 000 Euro werden von Liebhabern gezahlt. Zudem werden die Tiere so hochkarätig versichert wie Brillantcolliers. Viele der rund 7000 in Abu Dhabi gehaltenen Jagdfalken stammen aus Züchtungen in Deutschland oder Österreich. Besonders gefragt sind Falknereien in Niedersachsen und Süddeutschland.

Die Beizjagd ist das liebste Hobby der Wüstensöhne, und für ihre Falken ist ihnen kein Aufwand zu groß. Das nötige Kleingeld stammt aus den Ölquellen der Arabischen Halbinsel, die zu gut 95 Prozent in Abu Dhabi liegen. Schätzungen zufolge sprudeln sie noch 130 Jahre. Ein märchenhafter Reichtum, der die Dhabi’in wie im Paradies leben lässt: Steuerfreiheit für alle 250 000 Staatsbürger, Gratisbildung und Gratisgesundheit, eine Villa vom Staat als Hochzeitsgeschenk für die gläubigen Untertanen. „Allahu akbar. Allahu akbar“, Gott ist groß, Allah sei Dank, schallt der islamische Gebetsruf fünfmal am Tag aus den Lautsprechern der Minarette.

Als die Araber am Golf noch arme Beduinen waren und das schwarze Gold unentdeckt unter dem Wüstensand schlummerte, nutzten sie Wanderfalken als Jagdhelfer. Wanderfalken sind Zugvögel, die, vom Norden kommend, auf dem Weg zu ihrem Winterdomizil über die Golfregion fliegen. Die Beduinen fingen sie ein und richteten sie auf die truthahnähnlichen Kragentrappen ab, die sich ebenfalls im Winter in der Wüste wärmen. Je geschickter der Falkner, desto höher sein Ansehen: Die Beute war nicht nur für Kochtöpfe begehrt, sondern auch als Aphrodisiakum. Nach der Beizsaison ließen sie die Falken wieder frei.

Die Haltung von Falken aus freier Wildbahn ist den Emiratis seit 2002 verboten. Die Leidenschaft für den majestätischen Vogel jedoch ist geblieben. So züchten sie heute selbst die kostbaren Tiere, die in vollklimatisierten Volieren leben, und nehmen sie in die Familie auf. Und arabische Familienbande sind eng. „Die Falken sind für sie wie ein Kind“, sagt die deutsche Falkenärztin Margit Müller, die das Falcon-Hospital in Abu Dhabi leitet. Seit fünf Jahren widmet sich die gebürtige Ulmerin den Liebsten der Scheichs. Und so behandelt sie sie auch, wenn sie krank sind. „Wir haben hier außergewöhnliche Möglichkeiten“, lobt Müller die weltweit größte Greifvogelklinik, die wegen ihrer Spezialisierung und Ausstattung als einzigartig gilt. Scheich Sajed bin Sultan al Nahjan, der Vater des heutigen Präsidenten, richtete das Hospital 1999 großzügig ein. Wenn die Deutsche von ihrem Job spricht, strahlt sie.

Die 38-Jährige verfügt über mehrere Gruppen- und Einzelzimmer, eine Intensivstation, dazu einen hochmodernen Operationssaal, Labore mit modernsten Geräten und einen Quarantänetrakt für Vogelgrippe-Tests. Selbstverständlich wird für jeden geflügelten Patienten eine umfangreiche Krankenakte angelegt. Mehr als hundert Falken können stationär aufgenommen werden. Jährlich behandelt die Tierärztin rund 4000 Tiere, darunter die Falken aller Herrscherfamilien der Emirate sowie die anderer Falkner aus Saudi-Arabien, aus Afghanistan und Pakistan und auch aus Europa.

Die meisten Patienten kommen mit Augenproblemen, Verletzungen, Atmungsbeschwerden und Fußerkrankungen. „Infektionen, Geschwüre und Pilzbefall am Fuß liegen oft an falscher Haltung und fehlender Vorsorge“, erklärt die Tierärztin, die an der Universität München über Fußerkrankungen bei Falken promovierte. Aufklärung liegt ihr besonders am Herzen. Anfangs hatte sie einen schweren Stand. „Es ist für Araber ungewohnt, von einer Frau, zumal einer westlichen, Ratschläge anzunehmen.“

Inzwischen bringen die überwiegend muslimischen Besitzer ihre gefiederten Lieblinge drei- bis viermal im Jahr zum routinemäßigen Gesundheitscheck. Allein das medizinische Team umfasst heute 18 Mitarbeiter, darunter zwei Assistenzärzte und vier Laborantinnen. „Die Emiratis sagen schon ,halber Mann‘ zu mir.“ Man müsse das als sehr großes Kompliment betrachten, meint sie und lacht. Die engagierte Falkendoktorin hat das Vertrauen der Beduinen gewonnen; in Notfällen wird sie sogar nachts angerufen.

Die größten, schönsten und stärksten Falken sind immer weiblich. Sie sitzen im Wartezimmer auf Bänken mit Kunstrasen, 40 bis 50 Kranke am Tag. Die gefiederten Ladys tragen eine Lederkappe, Burka genannt, die den nervösen Vogel vor störenden Einflüssen abschirmt. Je nach Geschmack der Eigner sind die Burkas aufwendig mit Federn und goldenen Wappen geschmückt. „Besonders gefürchtet sind Parasiten und Infektionen in der Lunge“, sagt Müller. Auf dem OP-Tisch untersucht sie einen narkotisierten Falken. Die Chefärztin arbeitet hoch konzentriert, ganz gleich, ob sie operiert, röntgt, Blut abnimmt oder impft. „Man muss das individuelle Tier sehen, nicht die 42. Endoskopie.“ Tierarzt ist für sie ist kein Beruf, sondern Berufung.

Da sich von den stets mehr werdenden Abu-Dhabi-Touristen viele auch für Falken interessieren und oft unangemeldet vor den Kliniktüren standen, hat Margit Müller die Besuche seit dem vergangenen Jahr organisiert. Im kleinen Museum erklärt sie alles über den Greifvogel mit den großen Augen, dass er achtmal besser sehen kann als der Mensch zum Beispiel, dass seine Krallen messerscharf sind und er im Sturzflug eine Spitzengeschwindigkeit von 200 Kilometer pro Stunde erreichen kann.

Vorurteile will die Tierärztin ausräumen: Der Falke sei nicht grausam, stets jage er nur den Schwächsten. Zur Führung gehört ein Blick durch das OP- Fenster, der Gang zu den Volieren und ins „Ersatzteillager“, wo Bandagen gewechselt, gebrochene Federn gerichtet und angeklebt werden. Für den Besucher kommt der aufregendste Moment, wenn er selbst den langen Lederhandschuh anziehen und einen Falken auf den Arm setzen kann.

Zu den Falken entwickle man eine ganz besondere Beziehung, sagt Müller. „Die Vögel haben Charakter, sind mal gut, mal schlecht gelaunt – wie Menschen.“ Am meisten fasziniert sie, dass sie einerseits so majestätisch, andererseits so fragil und sensibel sind. Und wenn sie den Lieblingen mal nicht helfen kann? „Wir tun, was wir können“, sagt sie. „Aber ich sage immer ehrlich, wie die Chancen stehen.“ Manche Vögel hätten einen sehr starken Überlebenswillen, doch „letztlich liegt es in Allahs Hand, ob sie durchkommen“.

Dann verabschiedet sich die Falkendoktorin. Es ist Zeit für die Visite.

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