Reise : Nachrichten

Die Frau ist völlig geplättet. „Wow“, ruft sie beim Anblick des hypermodernen Grenzgebäudes, während ihr Mann es bei einem altdeutschen „Donnerwetter“ belässt. Südostasienreisende erkennen, dass Thailand seinen Nachbarn Laos und Kambodscha auf dem Weg in die Neuzeit um zwanzig, dreißig Jahre voraus ist. Und dieser Eindruck wird nach dem Grenzübertritt von Thailand nach Laos bestätigt. Auf laotischer Seite kriecht ein endloser Autokonvoi heran: Auf altersschwachen Lastwagen sind Teakholzbäume gestapelt; das derzeit wichtigste Exportgut des Binnenstaates Laos wird von Bangkok aus verschifft. Nachdem Thailand seine Teakholzwälder ruiniert hat, ist jetzt offenbar die Demokratische Volksrepublik Laos mit dem Raubbau am Zuge.

Von ihrem klimatisierten Luxusbus wechseln die Studienreisenden in zwei Minibusse. Die deutsche Begleiterin Carolyn teilt sich hier die Reiseleitung mit ihrem laotischen Kollegen Kitty. Deutsch hat er als DDR-Stipendiat in Leipzig gelernt. Nahe seiner Heimatstadt Pakse haben Japaner eine neue Mekong-Brücke gebaut. Straßenmärkte, Warenlager, Fahrrad- und Mofaverkehr prägen das Bild der Provinzhauptstadt von Champasak, erst 1905 war sie als französisches Verwaltungszentrum in Südlaos entstanden.

In einem zweistöckigen Kolonialbau, im Wechselbüro eines Chinesen, wird Geld umgetauscht, ungeordnete Haufen laotischer Banknoten liegen auf einem Tisch, für zehn Euro gibt es 120 000 Kip in einer Plastiktüte. Nebenan auf dem Klostergelände des Wat Luang versucht ein vietnamesischer Händler buddhistischen Novizen Billighandys, Taschenrechner und Sonnenbrillen zu verkaufen. Am auffallendsten in Pakse ist der Palast des Prinzen Boun Oum von Champasak, der 1975 vor der kommunistischen Pathet Lao nach Frankreich floh. Seine protzige Residenz war unvollendet geblieben, thailändische Geschäftsleute verwandelten sie später in ein Grand Hotel.

Doch mehr als auf den gehobenen Tourismus ist Pakse auf Rucksackreisende eingestellt. In den vielen schlichten Gästehäusern zahlen Reisende mit schmalem Budget um die 60 000 Kip pro Nacht.

Pakse ist Ausgangspunkt zu geschichtsträchtigeren Orten in Champasak, dessen Name an das Volk der Cham erinnert. Jahrhundertelang hatte es sich im Küstenbogen des Südchinesischen Meeres gegen Chinesen und Khmer behaupten können. Animismus, Geisterglauben der Cham hatte sich mit javanisch-indischer Kultur verbunden, zeitweilig brachten sie Angkor unter ihre Herrschaft. Es wird angenommen, dass Wat Phu, die bedeutendste archäologische Stätte in Südlaos, schon lange vor Angkor ein Kult- und Pilgerort der Cham war.

Die Stadt Champasak und Wat Phu sind über eine jüngst ausgebaute Straße und auf dem Flussweg zu erreichen. „Wir nennen unsere Heimat ,die Reisschüssel des Südens‘“, erläutert Kitty mit sächsischem Akzent. „Leider haben sich die Könige im Norden, in Luang Prabang und später in Vientiane, wenig um Südlaos gekümmert. Deshalb wurde 1795 das selbstständige Königreich Champasak proklamiert.“

Mehr belustigt als empört äußert sich Kitty über die Extravaganzen am Hof von Champasak, aber er lässt offen, was er über den sozialistischen Einheitsstaat denkt. In beschaulicher Fahrt tuckert das kleine Passagierboot an Bauern- und Fischersiedlungen aus Pfahlhäusern, Bambushütten, an Fischernetzen und Büffelherden vorbei. Wanderarbeiter haben auf Sandsteinklippen einfache Unterkünfte aus Palmstroh aufgeschlagen. Dicht bewaldete Hügel und Berge gehen in ein Gebirgsmassiv über, dessen markante Spitze seit Urzeiten als Fruchtbarkeitssymbol verehrt wird. Am Fuße des Lingaparvata, zu Deutsch „Phallus auf dem Berg“, liegt Wat Phu, seit 2002 eine Stätte des Unesco-Weltkulturerbes.

Dem französischen Forscher Francis Garnier, der die Ruinen 1866 wiederentdeckte, waren große Wasserbecken, sogenannte Barais, aufgefallen. Dienten sie der Feldbewässerung oder rituellen Waschungen? Die Ausgrabungen brachten eine von den drei Becken ausgehende Prozessionsstraße mit phallusförmigen Stelen zum Vorschein – eine Anlage aus der Zeit des Khmer-Königs Jayavarman VI.? Zwei palastartige Lateritgebäude auf höherer Ebene sind wahrscheinlich früher entstanden, sie werden als „Frauenpalast“ und „Männerpalast“ bezeichnet – waren es die Aufenthaltsräume der Herrscherkaste?

Der Prozessionsweg geht in steile Treppen über, von einem Portal auf der zweiten Ebene zum nächsten. Duftende Frangipanibäume neigen sich über die Stufen, bilden ein schattiges Gewölbe. Auf Portalsockeln, vor blumenbehängten Götter- und Buddhastatuen sitzen Getränkeverkäuferinnen, stehen Spendenkästen. Der Aufstieg wird zur Kletterei. T-Shirts, Blusen und Jeans kleben am Leib. Jemand erwähnt den Komfortverzicht, mit dem auf dieser „Entdeckerreise zu den Höhepunkten der Khmer-Kultur“ zu rechnen sei. Auf der dritten Ebene ist das Hauptheiligtum erreicht – auch hier Synkretismus in Stein, Shiva und Buddha, Himmelstänzerinnen und Tempelwächter, mythologische Gestalten des Ramajana-Epos in trauter Nachbarschaft. Im Hintergrund die Grotte mit der heiligen Quelle; sie ist angeblich mit dem Lingam auf dem Berggipfel verbunden, ihr Wasser, das jetzt auf profanes Wellblech tröpfelt, wurde in ein Becken geleitet, aus dem die Gläubigen tranken. Auf einem Felsrelief ist die buddhistische Dreifaltigkeit abgebildet – Shiva mit fünf Gesichtern und fünf Armen, Wischnu mit vier Armen und vier Gesichtern, Brahma mit vier Armen und einem Gesicht.

Verwirrt von so viel Exotik wendet man den Blick hinüber zum Ausgrabungsfeld und zum Mekong. Ein traumhaft schöner Ort, der Ruinen- und Landschaftsliebhaber gleichermaßen begeistert, sofern der Zivilisationsabfall am Rande der heiligen Stätten ausgeblendet bleibt. Am gegenüberliegenden Ufer, bei dem Dorf Ban To Mo, befinden sich die Steinbrüche, entspringt eine Felsenquelle, die als weibliches Gegenstück zum Lingam verehrt wird. Die Magie ist vollkommen, wenn die Abendsonne alles in warmes, goldenes Licht taucht, wenn Nebelschwaden am Lingaparvata und über dem Fluss aufziehen.

Auf die Ausflügler wartet noch ein Naturwunder im äußersten Südzipfel: Siphandone, die 4000 Inseln im unteren Mekong, und Khon Phapheng, die größten Wasserfälle Südostasiens. Hart an der Grenze zu Kambodscha teilt sich der Mekong in zahlreiche Arme und umfließt unzählige Inseln – winzige, bei Hochwasser überflutete Eilande, andere mit Kleinbauernwirtschaft, von Gestrüpp und Baumriesen überwachsene Inseln und die Hauptinsel Don Khong mit etwa 25 000 Bewohnern.

Schon auf der Überfahrt von der Nationalstraße 13 zu einem Resorthotel wird deutlich, dass in diesem wenig bekannten Landeswinkel eine Ferienwelt von eigentümlichem Flair entstanden ist. Nicht so sehr auf Wohlbetuchte, vielmehr auf Touristen, die mehr Zeit als Geld mitbringen, haben sich die Inselbewohner eingestellt. Zwischen Khong und der zweitgrößten Stadt Muong Saen reihen sich Gästehäuser am Wasser, zumeist Pfahlbauten unter Palmen, Kasuarinen, zwischen Hibiskus, Bambus und Bananen. Auf Veranden, in Hängematten und Schaukelstühlen geben sich die Gäste der Muße hin. Auf kleinen Dorfmärkten versorgen sie sich mit Lebensmitteln. Kitty sagt: „Es kommen viele Besucher, die monatelang hier bleiben und zwischendurch nach Phnom Penh fahren, um ihr laotisches Visum zu erneuern.“

Das Gros der Einheimischen arbeitet als Bauern und Fischer; sie legen ihre Gemüsefelder bis zum äußersten Rand der Inseln an, vorsorglich bepflanzen sie tragbare Holzbeete. In der Monsunzeit werden immer wieder Teile der Inseln weggespült. In den Hütten leben kinderreiche Großfamilien, zumeist in einem Raum. Frauen und Mädchen hocken an Webrahmen, waschen Wäsche am braunen Fluss und schöpfen Trinkwasser neben suhlenden Wasserbüffeln. Auf Außenstiegen sitzen Kinder und Alte, liegen Katzen. Stromleitungen und Fernsehantennen sieht man nur auf den größeren Inseln.

Umso mehr überrascht Don Khon mit den Relikten einer Eisenbahn. Es waren die Franzosen, die dieses Unikum in Laos hinterließen, sie wollten den Mekong als Handelsweg erschließen und mit der Bahn die Wasserfälle umgehen. Von der zehn Kilometer langen Trasse sind nur noch ein paar Meter Schienen, eine Brücke und eine vor sich hinrostende Lokomotive übrig geblieben. Im Hintergrund donnert der Wasserfall Li Phi. Auf breiter Front, ganz nah an der Grenze, ergießen sich die Kaskaden von Khong Phagheng. Auf holpriger Piste zieht eine ältere Rucksackreisende allein durch die flirrende Mittagshitze – ein letztes Bild von der dreitägigen Fahrt auf den Spuren der Khmer.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben