Iran erleben : Safraneis in Isfahan

Prunkvolle Moscheen, Wasserspiele, freundliche Menschen: Wer den Iran bereist, erlebt die andere Seite des "Schurkenstaats"

Georges Hausemer

Es nieselt, und es ist für die Jahreszeit ungewöhnlich kühl. Die meisten Spieler haben sich für langärmelige Trikots entschieden. Ein Linienrichter trägt schwarze Handschuhe, während die mit Helm, Schild und Schlagstock ausgerüsteten Sicherheitskräfte in ihren dünnen Regenjacken schlottern. Sie haben nicht viel zu tun. Wohl wegen des miesen Wetters sind nur ein paar hundert Zuschauer zum Spiel der ersten iranischen Fußballliga erschienen. Fajr Shiraz und Pas Hamadan, beide im Mittelfeld der Tabelle platziert, stehen sich gegenüber. Der Verein aus Shiraz macht seinem Namen diesmal keine Ehre: „Fajr“ bedeutet Sieg auf Farsi, der Sprache der Perser. Nach einer 0:1-Niederlage machen sich die vom Regen durchweichten Fans im wahrsten Sinne bedröppelt auf den Heimweg. Nur Männer übrigens, denn Frauen haben in der Islamischen Republik Iran beim Fußball Stadionverbot. Um sich nicht die Flüche und andere Grobheiten des männlichen Publikums anhören zu müssen, wie es offiziell heißt.

Doch was heißt im Iran schon offiziell? 1995 verbot die Regierung beispielsweise die Satellitenschüsseln, die im staatlichen Jargon „Geräte zum Empfang perverser Kultur“ genannt werden. Dennoch sind auf den Dächern von Teheran und anderen iranischen Großstädten Unmengen davon zu sehen. Kommen dann doch mal die Revolutionswächter, um eine Antenne zu konfiszieren, kauft man sich am nächsten Tag eben eine neue. So erklärt sich, dass viele im Land die Regeln der Champions League besser kennen als die Gebote des Korans.

Nur das bekannteste der strengen islamischen Gesetze wird allem Anschein nach so gut wie nie gebrochen: der Kopftuchzwang. Allerdings haben sich offenbar die iranischen Frauen auch mit dieser Vorschrift längst arrangiert. Immer wieder sieht man, wie die bunten, modisch gebundenen Schals nach hinten rutschen, immer häufiger fällt eine Haarsträhne in die Stirn. Nur auf dem Land und in religiösen Zentren wie Mashhad oder Qom tragen die Frauen noch den Tschador, das schwarze „Zelt“, das bloß Augen, Mund und Nase sichtbar lässt.

Von keinem anderen Land der islamischen Welt zirkulieren im Ausland so viele negative Vorstellungen. Doch: Wahrlich nicht jeder Iraner ist ein religiöser Fundamentalist. Nicht jedes Pärchen, das Hand in Hand durch einen Park spaziert, wird festgenommen. Und es gibt durchaus Frauen, vor allem jüngere, die Touristen auf der Straße ansprechen, sie freundlich-neugierig nach Herkunft, ihrer Meinung über ihr Land fragen und sich offen zu politischen Themen äußern.

Nur eine knappe Autostunde von Shiraz entfernt taucht man tief in die vorislamische Geschichte Persiens ein. Die Ruinen der achämenidischen Residenzstadt Persepolis wurden ab dem 6. Jahrhundert vor Christus bei zeremoniellen Anlässen und religiösen Festen genutzt. Schon damals war der höchste Feiertag das Norouz-Fest. Bis heute wird es zum Frühlingsanfang begangen, 13 Tage lang, an denen sämtliche Schulen und Ämter geschlossen sind, keine Zeitungen erscheinen und alle Hotelzimmer des Landes belegt sind, weil offenbar jeder der 70 Millionen Iraner in dieser Zeit auf Reisen geht. Am letzten Tag von Norouz begegnet man ihnen beim Zelten und Picknicken in der freien Natur. Ein unglaubliches Freiluft-Schauspiel, an dem auch Fremde sich beteiligen können. Sie fallen allerdings kaum auf, weil pro Jahr nur etwa 40 000 ausländische Touristen Iran besuchen.

Betörend klingen Städtenamen wie Shiraz, Yazd und Isfahan in den Ohren der Fremden. Diese Orte am Rand der Wüsten Kavir und Lut erfüllen am eindrücklichsten den Traum vom Orient aus 1001 Nacht, den eine Zwölf-Millionen-Metropole wie Teheran längst unter Beton, Asphalt und viel westlicher Lebensart begraben hat. Anderswo im Land entführen prunkvolle Moscheen, unzählige Mausoleen, prachtvolle Wasserspiele und blühende Palastgärten in ein Märchenreich, das zumindest für ein paar Stunden die politische Weltlage mit ihren ideologischen und religiösen Konflikten vergessen lässt.

Völlig aus der Zeit gefallen mutet indes der Ort etwa 60 Kilometer außerhalb von Yazd an, der in der Hitze einer flunderflachen Stein- und Geröllwüste flimmert: Zein-o-Din. Rundherum nur Öde, verdorrte Landschaft, glühender Staub; mittendrin eine Oase aus Schatten, Frische und Ruhe. Massive, mit Lehm beworfene Backsteinmauern schützen die festungsähnliche Karawanserei, die 400 Jahre alt ist und kürzlich renoviert wurde. Nachdem wir mehrfach ans riesige Holztor gehämmert haben, macht Rachid endlich auf. 26 Gäste, erklärt der Angestellte, können in dieser traditionellen Herberge unterkommen, aber es gibt neben dem Restaurant und den nach Geschlechtern getrennten Gemeinschaftsbädern nur zwei Zimmer: eines für Männer, eines für Frauen. Schlafplätze sind durch schwere Vorhänge voneinander abgetrennt.

Zein-o-Din ist ein Refugium im lauten iranischen Alltags. Nicht einmal der Arm der Revolutionswächter reicht bis hierhin, wie ein deutsches Touristenpaar erzählt, das ein paar Tage in der Wüste logiert. Tags zuvor hatte eine Mädchenklasse hier Quartier bezogen. Am Abend sangen und tanzten die Schülerinnen ohne Kopftuch und bis lange nach Mitternacht. „Eine tolle Party“, freut sich die Deutsche. Erst als iranische Männer auftauchten, fügt sie am Ende hinzu, bedeckten die Mädchen blitzschnell ihr Haar und zogen sich stumm in ihr Schlafgemach zurück.

In Isfahan, der letzten Station unserer Tour, beschert der Zufall eine nicht geplante Begegnung. Am 12. Juni stehen Präsidentschaftswahlen im Iran an; wir haben jetzt die unerwartete Gelegenheit, den aussichtsreichsten Kandidaten in Aktion zu sehen. Für zehn Uhr ist der Auftritt von Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad angekündigt. Überall in der Stadt hängen riesige Poster mit seinem Bild. Schon Stunden vorher ist der grandiose Imam-Platz gut gefüllt. Männer und Frauen, Junge und Alte drängen auf den südlichen Teil, wo die Rednerbühne aufgebaut ist. Kopftuch- und Tschadorträgerinnen suchen nach einem freien Fleckchen auf dem Rasen rund um das mit Fontänen bestückte Wasserbassin in der Mitte des Meydan-e Imam. Während Mädchen in Jeans unter knielangem schwarzen Rock Safraneis schlecken, drehen Jungs mit knalligen T-Shirts und Baseballmützen lärmend ihre Runden und halten dabei ein Foto ihres Präsidenten hoch.

Ein wenig ratlos verfolgen die wenigen Ausländer, die sich den Auftritt des iranischen Präsidenten nicht entgehen lassen wollen, das widersprüchliche Spektakel – eine Mischung aus Jahrmarkt und politischer Kundgebung, ein verwirrendes Zusammenspiel von religiöser Andacht und kollektiver Ausgelassenheit. Zweihunderttausend, dreihunderttausend? Nicht nur die Frage nach der Zahl der Anwesenden bleibt ohne Antwort. Irritiert beobachten die Fremden die bewaffneten Wächter, die auf den umliegenden Flachdächern patrouillieren, und nehmen die eifrig geschwenkten Landesfahnen ebenso desorientiert zur Kenntnis wie die Banner mit den Schriftzügen „Down with U. S. A.“ und „Down with Israel“, die von der Fassade des Ali-Qapu-Palastes wehen. Zur Verkürzung der Wartezeit ist auch hier, wie überall im Land, das ständige Frage-und-Antwort-Spiel mit den Touristen sehr beliebt: „Wie gefällt Ihnen Iran? Was halten Sie vom Islam? Möchten Sie wissen, welchem Kandidaten ich bei den Präsidentschaftswahlen im Juni meine Stimme geben werde?“

Kurz nach zwölf ist es endlich so weit. Mahmud Ahmadinedschad tritt ans Mikrofon. Doch wer glaubt, in diesem Moment brande ohrenbetäubender Applaus auf oder wenigstens ginge ein Raunen durch die Schar seiner vermeintlichen Anhänger, sieht sich getäuscht. Noch verwirrender: Kaum haben die Versammelten den ersten Sätzen des Redners gelauscht, wenden sie sich ab und schlendern davon. Tausende Isfahanis streben wie auf Kommando davon, so als interessiere sie das, was ihr Präsident ihnen mitzuteilen hat, überhaupt nicht. Wortlos rollen sie ihre Fahnen ein, zerknüllen die mitgebrachten Bilder und entsorgen sie im nächstbesten Abfalleimer.

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