Jerusalem : Falafel beim Nachbarn

Gratwanderung im Alltag: Rotem, ein israelischer Aktivist, zeigt auf Stadtführungen unbekannte Quartiere von Jerusalem.

Lea Hampel
Fremdenführer Rotem ist in Jerusalem in Gegenden unterwegs, die von den meisten Touristen nicht besucht werden. Foto: Tomer Appelbaum
Fremdenführer Rotem ist in Jerusalem in Gegenden unterwegs, die von den meisten Touristen nicht besucht werden. Foto: Tomer...

Das wird keine normale Stadttour, so viel ist gleich zu Beginn klar. Kurz nach dem Treffen am Zionstor im Süden der Jerusalemer Altstadt sitzen wir im Schatten einiger Bäume, auf großen Steinen unterhalb der Stadtmauer. Wenige hundert Meter von hier sorgt allein die räumliche Nähe zu Klagemauer und Felsendom für Spannungen zwischen Israelis und Palästinensern. „Zunächst möchte ich wissen, warum ihr hier seid und was ihr erwartet. Dann erzähle ich euch, was ihr nicht erwarten könnt“, sagt Rotem Dan Mor, schmunzelt und bedeutet der jungen Frau mit bunten Hosen und Filzlocken, zu beginnen.

Alice ist italienische Friedensaktivistin, die zurzeit in Ramallah arbeitet. Mit dabei sind ihre Eltern, die zu Besuch sind. Alice erwartet, mehr als das Übliche über Jerusalem zu lernen. Ihre Eltern, die sich seit ihrer Jugend mit dem Nahostkonflikt beschäftigen, wollen etwas über die aktuelle Lage in der Stadt erfahren. „Mehr als aus den Nachrichten“, fügt die Mutter auf Englisch hinzu.

Rotem, 28 Jahre alt und ein in Israel bekannter politischer Aktivist, hört aufmerksam zu. „Die klassischen Sehenswürdigkeiten gibt es bei mir nicht“, sagt er. Keine Klagemauer, keine Grabeskirche, kein arabisches Kaffeetrinken mit anschließendem Tücherverkauf. Das wissen die Tourteilnehmer schon, deshalb sind sie ja gekommen. Für vier Stunden gehen sie wahlweise durch ein Beduinendorf, entlang der Trennmauer zu den Palästinensergebieten, folgen den Spuren der marokkanisch-jüdischen Protestgruppe „Black Panthers“, gehen im ersten Dunkel an der kritischen Ost-West-Grenze durch Jerusalem oder eben wie heute durch Silwan – Orte, an die Touristen höchstens durch Zufall gelangen. Deshalb hat Rotem sie ausgewählt. Touren in den roten Stadtbussen spricht er ihre Berechtigung nicht ab. Doch in der Regel gäben sie keine Antwort auf die Fragen, was genau Jerusalem kompliziert und faszinierend zugleich mache.

Diese Antworten liegen nach Rotems Ansicht woanders. An Orten wie der heute besuchten Nachbarschaft Silwan, die im antiken Jerusalem zum Stadtzentrum gehörte, jetzt traditionell arabisch geprägt ist, allerdings zunehmend von jüdischen Siedlern vereinnahmt wird. Oder der angrenzende Archäologiepark „City of David“, der, finanziert von einer privaten Firma, den jüdischen Anspruch auf Jerusalem mit archäologischen Funden untermauern soll.

Hier, an einem der vielen Kristallisationspunkte politisch-religiöser Auseinandersetzungen, macht Rotem den ersten Halt. Er setzt sich unter einen Olivenbaum und erzählt die Geschichte Jerusalems. Beginnend mit dem eigentlichen Verlauf der Altstadtgrenze vor Tausenden von Jahren, über Dutzende Eroberungen durch Römer und Osmanen, bis zur Zeit der jüdischen Einwanderung zu Beginn des 20. Jahrhunderts und der Entwicklung nach der Gründung des Staates Israel. Karten hat er dabei, zahlreiche Jahreszahlen nennt er, beruft sich auf die Bibel und moderne Historiker; Rückfragen zu Details beantwortet er genau und stets weiß er noch eine zusätzliche Anekdote.

Rotem möchte nicht nur seine Stadt zeigen. Er will bei den Zuhörern etwas bewirken. Während wir vorbeigehen an antiken Toilettenschüsseln, alten Säulen und Erklärungstafeln mit Zitaten aus der Torah, weist er immer wieder auf Details hin. Wie auf das „Beit Yonathan“, das Haus extremistischer Siedler inmitten einer arabischen Nachbarschaft. Er zeigt uns auch zwei Gebäude, in denen Araber und Juden früher friedlich nebeneinander wohnten, und deutet auf Graffitis, die die palästinensische Flagge zeigen.

Stadttouren macht Rotem schon seit Jahren. Doch die Programme haben ihn genervt. Denn neben den üblichen Reiseveranstaltern, die Touristen aus aller Welt nur durch die Neustadt fahren oder durch die Altstadt lotsen, gibt es zahlreiche Touren der anderen Art. Je nach Interessenlage wollen die entweder zeigen, dass die Israelis eine kriminelle Baupolitik betreiben, dass die Stätten der Christenheit in der Stadt bedroht sind oder dass die Juden ein natürliches Recht auf die Stadt haben. Oft sei es den Stadtführern nur wichtig, dass am Ende einer Tour ein fixes Bild in den Köpfen erzeugt wird, das jeder mit nach Hause nehmen kann.

„Ich möchte die Menschen zum Denken anregen“, sagt er, „ohne eine Richtung vorzugeben.“ Am besten funktioniere das, wenn seine Tourteilnehmer täten, wozu die meisten Touristen vor lauter Kirchenbesichtigungen nicht kämen: Menschen begegnen, die in dieser Stadt leben.

Auf der zweiten Hälfte der Tour durch Silwan legt Rotem in einer kleinen Hütte einen Stop ein. Die Zentrale der palästinensischen Bürgerinitiative, die sich gegen die „City of David“ engagiert. Mohammad wartet schon. Der erklärt anhand von Karten, wie Silwan früher ausgesehen hat, berichtet von zu wenigen Schulen in den arabischen Vierteln Ostjerusalems und davon, wie immer mehr Häuser in Nacht- und Nebelaktionen in Siedlerhände geraten. Nach eineinhalb Stunden drängt Rotem zum Aufbruch: „Jetzt habt ihr euch aber eine Pause verdient.“ Eine Familie wartet mit dem Essen auf uns.

Nur wenige Schritte weiter werden wir mit einem herzlichen „Marhaba“ begrüßt. „Kommt rein, es ist schon angerichtet, eine bescheidene Kleinigkeit“, sagt die Frau des Hauses, die sich noch schnell das Kopftuch aufgesetzt hat.

Das Haus ist regelmäßig in den Nachrichten zu sehen – es steht direkt am Anfang der Einfallstraße von Silwan, und bildet oft den Hintergrund für verwackelte Fernsehaufnahmen, wenn Siedler mal wieder mit jungen, Steine werfenden Palästinensern aneinandergeraten.

Die Wachsdecke auf dem Küchentisch ist kaum zu erkennen, zugedeckt von Schüsseln mit kleinen Salaten, Schalen mit Hummus und Tellern, auf denen sich Falafelbällchen türmen. Rotem nutzt die Gelegenheit. Kritik, Anregungen? Alice und ihre Eltern hätten mehr Kritisches über Israel erwartet. Das gehe für ihn in Ordnung, sagt Rotem. „Schließlich ist es nicht mein Ziel, die Teilnehmer glücklich zu machen, sondern ihnen zumindest einen Teil der Realität abseits der Sehenswürdigkeiten zu zeigen.“

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