Jerusalem : Wo Graham Greene Romane schrieb

Das American Colony Hotel in Jerusalem gilt als Oase im Nahen Osten – auch für Politiker. Eine hohe Promidichte ist hier Alltag.

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Stilvoll. Die Hotelhalle stimmt ein auf den kühlen Luxus des Fünf-Sterne-Hauses. Foto: laif
Stilvoll. Die Hotelhalle stimmt ein auf den kühlen Luxus des Fünf-Sterne-Hauses. Foto: laifFoto: LAIF

Aus dem Hotel treten und staunen: welch grandioser Empfang, welch spektakulärer Service. Eine Stretchlimousine wartet vorm Eingang. Der Doorman schaut mich an, reißt die hintere Wagentür auf und bittet: „Please, Sir.“ Ein kurzer Blick in den Fond – Mary Robinson, Ex-Präsidentin Irlands, sitzt dort und wartet. Ich bedaure grinsend und drehe mich um: „It’s all yours. Please, Mr. President.“ Jimmy Carter geht lachend und dankend an mir vorbei. Und schon gleitet die Limousine von dannen. Ein paar Schritte hinein zum morgendlichen Espresso im legendären inneren Courtyard. Doch der bevorzugte Tisch ist schon besetzt: Tony Blair, Großbritanniens Ex-Premier, sitzt dort mit Sa’eb Erakat, dem palästinensischen Chefunterhändler. Das America Colony Hotel in Jerusalem, wie es leibt und lebt.

Hohe Promidichte ist Alltag hier, denn in diesem Hotel wurden und werden Geschichte und Geschichten geschrieben. Im Zimmer 16, das direkt am Innenhof liegt, haben sich seinerzeit Israelis und Palästinenser auf den Rahmen der Osloer Abkommen geeinigt, eine vermeintlich friedlichere Periode in der Krisenregion eingeläutet. US-Außenminister George Schultz verkündete hier den Palästinensern die amerikanischen Friedenspläne. Robinson, Carter und Blair wollen nun den stagnierenden Friedensprozess wiederbeleben. Die Journalisten aus aller Welt, die sich hier einquartiert haben, wenden aber nur gelangweilt ihre Köpfe, wenn wieder einmal ein prominenter Politiker vorbeigeht.

„Ein einzigartige Oase im Nahen Osten, ja in der ganzen Welt“, charakterisiert der schweizerische Generalmanager Paolo Fetz sein Hotel. Fast eine Untertreibung. Denn das American Colony ist weit mehr als eine Oase. Sicherlich eine Legende, ein Treffpunkt von Menschen, die anderswo nicht miteinander sprechen (können), ja gelegentlich gar aufeinander schießen. In der wunderbaren Atmosphäre konnte man so während der Intifada prominente palästinensische Kämpfer und hohe israelische Offiziere beobachten, wie sie, Rücken an Rücken sitzend, ausländischen Korrespondenten ihren jeweiligen Standpunkt darlegten und sich dann freundlich voneinander verabschiedeten, um wieder in den Kampf gegeneinander zu ziehen. Jahrzehnte früher entstand hier die Legende des Lawrence of Arabia, als T. E. Lawrence dem Korrespondenten der „New York Times“, Lowell Thomas, seine Geschichte erzählte, die dieser zum Weltbestseller verarbeitete.

Die Hotel-Historie ist eine unglaublich anmutende Kette von Geschichten, von herrlichen, weil echten Anekdoten. Zu den wichtigsten gehören sicherlich diejenigen der Ustinovs, der Familie des verstorbenen Künstlers Sir Peter. Das Hotel geht auf eine Idee seines Großvaters zurück. Baron Ustinov, Hotelbesitzer in Jaffa am Mittelmeer, ersuchte im Jahre 1902 die amerikanisch-schwedische Sekte unter Führung von Horatio Stafford (dessen Nachfahren auch heute noch im Aufsichtsrat des Hotels sitzen), sich der Pilger anzunehmen, die sich von seinem Park-Hotel auf den mühsamen Weg zu den heiligen Stätten im 800 Meter hoch gelegenen Jerusalem begeben hatten. Der Baron spendete den Staffords zwei herrliche Palmen, die ihren Ehrenplatz im Courtyard fanden. 1967, im Sechstagekrieg, spaltete eine Granate die eine Palme – das American Colony lag seinerzeit auf der jordanischen Seite der Stadt, direkt an der Frontlinie. Peter Ustinov ersetzte später die zerstörte Spende seines Großvaters. Heute steht sie allein hoch aufgeschossen im Courtyard.

In diesem sitzen heute meist Journalisten und Politiker, hohe Geistliche und Repräsentanten von Hilfsorganisationen aus aller Welt. Doch auch traditions- und qualitätsbewusste „normale“ Gäste finden den Weg. Touristen machen immerhin ein Drittel aller Gäste aus. Hier und auf den Zimmern entstand auch Weltliteratur von Saul Below, Graham Greene oder John le Carré. Große brasilianische Telenovelas und unzählige Filme, darunter bekannte Hollywood-Produktionen, wurden im American gedreht und brachten Stars wie Peter O’Toole und Richard Widmark ins Haus. Wer die einzigartige historische und soeben teilweise prächtig renovierte Kulisse betrachten will, der sollte sich den Film „Miral“ anschauen, der soeben in Deutschland angelaufen ist.

86 Zimmer und Suiten in den drei Gebäuden – dem Haupthaus, dem East- und dem Palm-House – sowie herrlich blühende, duftende Gärten bieten höchsten Komfort. 137 palästinensische Angestellte, drei Israelis und der Schweizer Manager betreuen die Gäste in dem von Rabbah Daoud Amin Effendi el Husseini Ende des 19. Jahrhunderts für sich und seine vier Frauen errichteten Komplex. Das heutige Zimmer Nr.1 war einst Hussein Effendis Schlafzimmer; Nummer 3 bis 6 die Winterzimmer seiner Frauen; 14, 15, 16 und die 114 ihre Sommerzimmer. Im sagenumwobenen prachtvollen „Pascha-Raum“ hielt er Gericht und empfing illustre Gäste. Jetzt haben geschichtsbewusste Politiker vorgeschlagen, dass Palästinenser und Israelis, anstatt an fernen Orten wie Kairo oder Washington miteinander zu verhandeln, ihre Gespräche in der 16 oder im größeren Pascha-Saal abhalten sollten. Denn schließlich sei das American Colony neutrales Territorium mit nachweisbarer Erfolgsgarantie.

American Colony Hotel, One Louis Vincent Street, Jerusalem, 97200, Israel; Telefonnummer: 009 72 / 2 / 627 97 77, Internet: www.americancolony.com; Doppelzimmer ab 440 US-Dollar

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