Reise : Jordanien: Lied einer Landschaft

Jordanien zu Fuß: Im Naturreservat Dana arbeiten Beduinen als Wanderführer - so kundig wie herzlich.

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Campen erlaubt. Im jordanischen Dana-Naturreservat jedoch nur für wenige Touristen, die auf organisierten Touren das Schutzgebiet...laif

Mit seiner tiefen, weichen Stimme flüstert Hamzi Newafleh: „Ich nenne es das Paradies.“ Es klingt geheimnisvoll, fast ein bisschen zu poetisch in dieser rauen jordanischen Wüstenlandschaft. „Nur noch eine Biegung. Der Gipfel ist nicht mehr fern.“ Hamzi liebt diesen Moment. Und er zögert ihn gern etwas hinaus. „Die Aussicht werdet ihr nie vergessen“, stimmt er die Gruppe ein und blickt dabei in lauter rote, verschwitze, staubige Gesichter. Dann dreht er sich um und geht wortlos weiter. Locker lässt der 25-Jährige bei jedem Schritt seinen Wanderstab auf den Weg klacken. Tuff, tuff, tuff. Der Stock wirbelt kleine Staubwolken auf. Wenige Momente später ist die Bergspitze erreicht: Das Wadi Dana breitet sich aus, mit seinen steilen, von der Erosion gekennzeichneten Hängen. Ein Meer von Bergen und Schluchten – so weit das Auge reicht.

Noch vor drei Stunden hatten die Reisenden auf der umgebauten Ladefläche eines alten, grünen Lastwagens gesessen und sich krampfhaft am Geländer festgehalten. Vorbei die Qual, die Belohnung gibt’s jetzt auf der Aussichtsplattform. Zwar ist Mittagszeit, 35 Grad, und die Sonne brennt auf den Kopf. Doch Hamzi hat recht: Der Ausblick ist spektakulär. Und er macht neugierig, Jordaniens größtes Naturreservat näher kennenzulernen.

Im Jahr 1993 wurde das 320 Quadratkilometer weite Dana-Biosphärenreservat von der Königlichen Gesellschaft für Naturschutz unter Schutz gestellt. Sanfter Tourismus sollte entwickelt werden. Insgesamt sechs Schutzgebiete gibt es im Haschemitischen Königreich Jordanien. Wüsten, Wälder, Wasserfälle – das Fortbestehen des reichen Naturerbes soll auch für die nächsten Generationen gesichert werden. Ein Gedanke, der sich in vielen anderen arabischen Ländern noch längst nicht durchgesetzt hat. Und trotzdem: Auch in Jordanien wird es noch Jahrzehnte dauern, bis sich die Natur von Raubbau, Wilderei und Überweidung erholt hat. In Dana mussten zudem für die hier lebenden Beduinen neue Erwerbsgrundlagen durch Landwirtschaft, Kunsthandwerk und Tourismus geschaffen werden.

Das touristische Basislager für Trekkingtouren in der Region ist das Rummana-Camp, ein kleines Zeltdorf. Erstes Ziel der Gruppe: der Jebel Rummana. Auf dem Weg erläutert Hamzi: „Im Naturreservat arbeitet niemand von außerhalb.“ Er als Beduine konnte auch von diesem Programm profitieren. „Es gibt nicht viel Arbeit in Jordanien“, erklärt der kräftig gebaute Mann, während es bergan geht, „deswegen ist es mir auch egal, was ich arbeite, Hauptsache, ich arbeite.“ Manchmal habe er sechs Tage in Folge zu tun, während der Hauptsaison auch sieben Tage in der Woche. „Das Leben in unserem Land ist sehr teuer geworden, vor allem in den vergangenen Jahren, als hunderttausende Flüchtlinge aus dem Irak zu uns in Land gekommen sind“, sagt er.

Seitdem er zwölf Jahre alt ist, arbeitet Hamzi im Tourismus. Erst in einem Hotel, seit einigen Jahren als Gästeführer. Seine Familie gehört zum Beduinenstamm Ata’ta, der seit 400 Jahren in den felsigen Hängen und endlosen Steinwüsten Danas zu Hause ist. Er hat zehn Brüder und zwei Schwestern. Sein Vater war bei der Armee und ist mittlerweile im Ruhestand. „Meinen gesamten Verdienst bringe ich natürlich nach Hause“, sagt Hamzi und fügt hinzu: „Wir leben sehr einfach, aber wir überleben.“

Wie Hamzi den Aufstieg auf den Jebel Rummana übersteht, bleibt ein Rätsel. Die Wasservorräte der Wanderer neigen sich bereits kurz vor dem Gipfel bedrohlich dem Ende entgegen – Hamzi hat jedoch seit zehn Stunden nichts getrunken. Es ist Ramadan. Bis Sonnenuntergang wird der gläubige Moslem nichts essen und trinken. Hamzi ist bester Stimmung. Von Erschöpfung keine Spur. Mit seinem Stock macht er die Wanderer immer wieder auf die Besonderheiten der Natur aufmerksam. „Die Löcher hier im Boden“, sagt er und klopft einen Meter von den Füßen einer Teilnehmerin auf den staubigen Untergrund, „sind Schlangenlöcher.“ Unwillkürlich tritt die Verschreckte zurück. Direkt vor ein anderes Loch. Noch am Morgen hatte jemand von giftigen Hornvipern aus dem Reiseführer vorgelesen. Hamzi beschwichtigt: „Das Trampeln unserer Füße auf dem Boden hält die Schlangen fern.“

Hamzi, der in seiner schwarzen, langen Hose und den braunen Halbschuhen so gar nicht wie ein Wanderführer aussieht, blickt mit seinen dunklen Augen gen Westen über das weite Wüstenland. Bei klarer Sicht kann man von hier aus sogar die israelische Negevwüste erkennen. „Wir leben mit der Natur“, sagt der Beduine und zeigt auf eine wohl einen Meter hohe Pflanze mit weißen, sternförmigen Blüten. „Das ist eine Meereszwiebel. Wir kochen Tee aus ihr und benutzen sie als Heilpflanze, wenn’s mal jemand mit den Bronchen hat.“

Mehr als 600 Arten von Wildpflanzen und 250 Vogel-, Reptilien- und Säugetierarten leben im Reservat, darunter Wölfe, Hyänen und Wildkatzen. „In meinem Dorf bewegen wir uns vor allem mit Pferden und Eseln fort. Autos mag ich nicht“, sagt Hamzi. Seine kräftigen Hände legt er auf einen Steinhügel am Wegesrand. „Einige junge Männer gehen auch fort von hier und arbeiten in der Zementfabrik. Sie verdienen rasch Geld, ziehen dann in schicke große Häuser – und vergessen unsere Art zu leben.“ Hamzis Verachtung ist nicht zu überhören. „Unsere Traditionen sind uns wichtig. Dana ist mir wichtig. Wenn ich fort bin von zu Hause, vermisse ich es. Deswegen bleibe ich nie lange weg.“

Der Gipfel ist erreicht. Hamzi zeigt auf eine kleine, weiße Stelle in der Ferne: sein Heimatdorf Dana, eines der wenigen noch original erhaltenen Steindörfer. Es liegt am Ende des Wadi Dana hoch oben auf einem Bergsattel. Aus Sandsteinen erbaut, ist es im Schein der Sonne kaum zu erkennen. Doch Hamzis Gesicht strahlt. „Ich habe Dana in meinem Blut“, sagt er und stimmt ein Lied über die Schönheit des Landes an. Hier, hoch oben auf dem Gipfel mit einer märchenhaften, weiten Landschaft treibt die raue, tiefe Stimme eine Gänsehaut über den Körper.

Dann geht es bergab. Inzwischen sind alle Wanderer mit einer Staubschicht bedeckt. Während beim Aufstieg noch ausgetrampelte Pfade genutzt werden konnten, wird die Strecke nun anspruchsvoller. Zum Glück sind alle schwindelfrei und trittsicher. Steinhaufen weisen den Weg durch die zerklüftete Wildnis, vorbei an abgestorbenen Bäumen und grotesk geformten Felskuppen. Es geht nur im Gänsemarsch voran, der Abgrund zur einen Seite ist nur eine Armlänge entfernt. Immer wieder gleitet der Blick in den Canyon hinunter und zurück in die stillen Weiten des Wadis. Die Berge werfen ihre Schatten in die Schluchten, das gleißende Licht des Nachmittags färbt sich langsam rot. Hamzi eilt flinken, sicheren Schrittes durch die Landschaft. Er hat noch immer keinen Schluck Wasser getrunken.

In der Ferne lässt sich das kleine, weiße Zeltdorf des Camps ausmachen, das auf einem Hochplateau steht. „Dort wartet Tee auf euch“, ruft unser Führer, und alle werden ob dieser Verlockung unwillkürlich einen Schritt schneller. Schade eigentlich, die Stille und die raue Schönheit der Natur hätte man noch länger genießen können.

Pro Tag dürfen nur 130 Besucher ins Naturreservat. Die Gruppe war an diesem Tag die einzige in dieser nahezu unberührten Region. „Wir haben Ramadan“, sagt Hamzi lachend und wischt sich den Schweiß aus dem Gesicht, „es ist einfach nicht der richtige Monat zum Wandern.“

Nun muss er sich beeilen. Um sieben Uhr wird die Sonne untergehen. Zeit, sich aufs Abendgebet vorzubereiten. Erst danach wird der Gläubige seinen ersten Schluck Wasser trinken.

Wenige Tage später geht es zurück in die Zivilisaton. Wieder rüttelt der grüne Lastwagen alle durch. Doch wie arg es auch sein mag, es reicht nicht, die Erinnerung, die gesammelten Eindrücke über Bord purzeln zu lassen. Als letzter Gruß geht eben die Sonne hinter den Bergen des Wadi Dana unter. Doch schon am kommenden Morgen wird Hamzi wieder staunen dürfen, über sein Paradies.

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