Reise : Neo Rauch kommt mit dem Rad

Rund hundert Künstler arbeiten in der „Alten Spinnerei“ im Leipziger Stadtteil Plagwitz

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Preiswürdig. Neo Rauch, hier vor seinem Bild „Der Reiter“. Foto: picture-alliance
Preiswürdig. Neo Rauch, hier vor seinem Bild „Der Reiter“. Foto: picture-allianceFoto: picture alliance / dpa

Natürlich wollen alle zu Neo Rauch. „Die häufigste Frage unserer Besucher lautet: ‚Wo ist sein Atelier?‘, sagt Michael Ludwig am Info-Point. Und stellt gleich klar: „Das verraten wir natürlich nicht.“ Der Künstler müsse geschützt werden, er wolle ja schließlich in Ruhe arbeiten. Wie die übrigen gut hundert Kreativen, die in der „Alten Spinnerei“ malen, zeichnen, Skulpturen formen oder Installationen schaffen.

Was sich da im Leipziger Stadtteil Plagwitz entwickelt hat, ist ein erstaunliches Nachwendewunder. Einst stand hier die größte Baumwollspinnerei des Kontinents, gegründet 1884. Mit 30 000 Spindeln hatte die Produktion begonnen – und die gesponnenen Garne fanden reißenden Absatz. Das Unternehmen expandierte schnell. Zu den ersten Fabrikgebäuden gesellten sich neue, Arbeiterhäuser entstanden, ein Kindergarten, eine Turnhalle. 1909 drehten sich 240 000 Spindeln auf dem Areal. 1600 Arbeiter und Arbeiterinnen waren beschäftigt, täglich wurden rund 20 000 Ballen Baumwolle verarbeitet.

Es folgte ein Auf und Ab zwischen den beiden Weltkriegen, doch die Spinnerei behauptete sich. 1946, während der sowjetischen Besatzungszeit wurde die Hälfte der Maschinen demontiert. Die Produktion lief trotzdem weiter. 1989 waren noch 1650 Menschen beschäftigt. 1993 dann wurde der Betrieb „abgewickelt“. Zum Schluss, bis zum Jahr 2000 wurde hier nur noch Reifenkord hergestellt – mit 40 Beschäftigten. Schon in den neunziger Jahren aber hatten Künstler das Gelände entdeckt, mieteten Werkstätten, Ateliers und Ausstellungsräume.

Nun spaziert man zwischen zwanzig ehrwürdigen Backsteingebäuden, und überall ist Leben drin. Die Schienenstränge im Pflaster erinnern noch an den einstigen Fabrikstandort, an einem Turm hängt eine, wohl hundert Jahre alte Uhr, an der Halle 14 prangen die rostigen Reste einer Industriewaage, Knöterich hat Platz zum Wuchern. „Die Bausubstanz war perfekt“, sagt Michael Ludwig. Da Baumwolle eine gleichbleibende Lagertemperatur von 23 Grad brauchte, konnte sich keine Feuchtigkeit einnisten. Inzwischen haben zehn Galerien hier ihren Sitz, es gibt diverse Kleinbetriebe, darunter ein Klavierhaus, eine Zeltvermietung, Werbestudios, aber auch ein plüschiges Kino und ein gemütliches Café.

Jonas Machalett, der mit seinem Partner Falk Semmler die Fahrradmanufaktur Rotor Bikes führt, ist seit 1996 auf dem Gelände ansässig. „Wir waren die ersten werblichen Mieter“, erzählt Machalett. „Draußen liefen noch die Werksarbeiter rum, es war diese Umbruchzeit.“

Ab 700 Euro kostet ein Drahtesel, nach Kundenwünschen zusammengebastelt. Im Durchschnitt werden 1000 bis 1500 Euro für so ein Unikat fällig. Auch Neo Rauch und seine Frau, die Künstlerin Rosa Loy, haben ihre Räder hier bestellt. Bekommen die Künstler der „Alten Spinnerei“ Rabatt? „Na ja“, sagt Machalett lächelnd, „meist handeln wir den Preis dann am Biertresen von Bimbotown aus.“ Bimbotown, das ist eine „Erlebniswelt für Robotik-Kunst“, ein Projekt des Künstlers Jim Whiting. Jeden Dienstag organisiere er in dem mit herrlichen alten Sesseln vollgestellten Aktionsraum „Bier- und Whiskyabende“ für die Spinnereibewohner, erzählt Machalett. Eine geschlossene Gesellschaft? „Ach was“, sagt Machalett, „wer als Besucher gerade da ist, trinkt eben mit.“

Die Porzellankünstlerin Claudia Biehne ist erst seit 2005 dabei. Und sie ist eine der wenigen, die sich bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen lässt und auch eine kleine Verkaufsgalerie hat. Lampen, Schalen oder Vasen fertigt sie, in luftig-bizarren Formen. In Halle hat sie studiert und wahrscheinlich hätte man sie in der Meissener Manufaktur mit Kusshand eingestellt. Sie wollte nicht hin. „Da hätte ich zu wenig Freiheit gehabt“, sagt sie und fühlt sich wohl in der „Alten Spinnerei“. Wie sie wünschen sich viele eine Werkstatt auf dem Gelände in Plagwitz. Um einen Platz zu ergattern, gäbe es zwar „kein schweres Casting“, aber man schaue schon, ob der Mensch und seine Arbeit zum Spinnerei-Konzept passen, erzählt Ludwig.

Neo Rauch bezog sein Atelier hier bereits 1994 . Die tollen Platzverhältnisse begeisterten ihn. „Gerade, wenn es darum geht, größere Formate zu bewältigen, dann ist es wichtig, mindestens zehn Meter zurücktreten zu können“, sagte er in einem Interview. Und schwärmte vom Ambiente: „Der Ort muss mich aber auch nähren, er muss mich atmosphärisch beschicken mit Dingen, die vielleicht in einem Mauerstein nisten, in jedem Winkel dieses Raumes als Schwingungsrudiment anwesend sind ...“

Sieht er Neo Rauch manchmal auf dem Gelände? „Klar“, sagt Michael Ludwig, meist auf dem Fahrrad, manchmal mit seinem Mops.“ Woran er gerade male, wisse niemand, heißt es in „seiner“ Galerie Eigen+Art, die sich auch auf dem Gelände befindet. Meist aber, das sei bekannt, arbeite er an mehreren Werken gleichzeitig.

Wer Bilder von Neo Rauch sehen will, geht im Leipziger Stadtzentrum ins außen wie innen spannende Museum für bildende Künste. Zwei Rauch-Werke, „Unter Feuer“ und „Das Fell“ gehören zum Bestand. Zu betrachten sind auch Bilder von Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer und Bernhard Heisig, Vertreter der „Leipziger Schule“. Neo Rauch, einst Meisterschüler von Heisig, steht nun mit Kollegen für die angesagte „Neue Leipziger Schule“.

„Die Ausbildung in Leipzig hat einen guten Ruf“, sagt Michael Ludwig. Und vielleicht haben es Künstler, die von hier aus in die Welt gehen, ein bisschen leichter. Inzwischen gebe es jedoch schon eine Gegenbewegung. „Manche Künstler verlassen Leipzig, weil sie diesen Hype nicht mögen.“ Vielleicht geht auch Neo Rauch? „Nie“, sagt Ludwig, der sei viel zu bodenständig. Und ein besseres Atelier als in der „Alten Spinnerei“ würde er ja auch nirgends finden.

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