Neue Mitfahrzentrale : Steig ein, wenn du reden willst

Der Mitfahrvermittler Blablacar ist jetzt auch in Deutschland aktiv – und setzt aufs frischere Konzept.

von
So eng wie auf diesem traditonellen philippinischen Töfftöff wird es in den Autos der Mitfahrzentralen nicht werden.
So eng wie auf diesem traditonellen philippinischen Töfftöff wird es in den Autos der Mitfahrzentralen nicht werden.Foto: Franco Banfi, picture alliance

Hannah S. ist ausgebucht. Sie hat für ihre Autofahrt von Berlin nach Leipzig drei Plätze für Mitfahrer angeboten. Für acht Euro pro Nase. Damit wird sie zwar nicht reich, doch es hilft ihr, die Rechnung an der Tankstelle zu begleichen. Und die Mitfahrer kommen preisgünstig an ihr Ziel. Während in Deutschland eine Fernbuslinie nach der anderen auf die Straßen rollt und alle mit extrem günstigen Preisen locken, versucht der in Deutschland neue Mitfahrvermittler Blablacar seinen Internetdienst zu lancieren.

Dies sei das zehnte Land, in dem das 2006 in Frankreich gegründete Unternehmen aktiv sei, sagt Geschäftsführer Olivier Bremer. Blablacar profitiere dabei auch von der Entscheidung des deutschen Marktführers Mitfahrgelegenheit.de, eine Vermittlungsgebühr von elf Prozent zu erheben. „Wir sind kostenfrei, und es wäre schade um die Idee der Mitfahrzentrale, wenn die Leute wegen einer Gebühr künftig nur noch Fernbusse nutzten“, sagt Bremer.

Blablacar will nach seinen Angaben nun auch in Deutschland eine Internetcommunity aufbauen, die Autofahrer und Mitfahrer so miteinander vernetzt, dass Menschen mit gleichen Interessen sich für gemeinsame Fahrten zusammenfinden. Der Name des Anbieters ist eine Anspielung auf die Kommunikation, wie sie sich im Fahrzeug entwickeln kann: Die Nutzer geben unter anderem an, ob sie eher schweigsam oder redselig sind. Ein „bla“ – als Symbol zu sehen – bedeutet: Ich hab’s lieber ruhig, konzentriere mich aufs Fahren und schaue die Landschaft an. Zwei „Blas“ vom Fahrer zeigen an: Ich bin kommunikativ, richte mich jedoch nach meinen Mitfahrern. Wollen die lieber dösen während der Fahrt, werde ich ihnen kein Ohr abschwatzen. „BlaBlaBla“ hingegen wird mancher als Warnung verstehen, denn es signalisiert: Ich quatsche gern über Gott und die Welt.

Außerdem werden die Fahrer angehalten, ein detailliertes Profil auf blablacar.de zu erstellen, damit für potenzielle Mitreisende ein klareres Bild entsteht, zu wem sie sich ins Auto setzen. Alter, Hobbys, Sprachkenntnisse; ein Bild von Fahrzeug und Fahrer; Angaben dazu, ob Haustiere, Musik und Rauchen im Auto erlaubt sind. Wer auf die Seite schaut, muss allerdings feststellen, dass bisher bestenfalls ein Viertel aller Anbieter mit solchen Angaben dient. „Ja“, sagt Bremer, „wir sind noch am Anfang. Das wird sich schon entwickeln.“

„Alle Mitgliederbilder werden bei uns einzeln überprüft, E-Mailadressen und Handynummern müssen auch von den Mitgliedern ausdrücklich bestätigt werden“, heißt es bei blablacar.de. „Eine Community entsteht nur durch Vertrauen, und dies gilt auch für Blablacar. Vertrauen wird insbesondere dadurch aufgebaut, dass sich alle Mitglieder gegenseitig bewerten, wenn sie miteinander eine Fahrt geteilt haben. Und wenn Sie dann eine Mitfahrgelegenheit suchen und ein/e Fahrer/in von vielen anderen Mitgliedern als vertrauenswürdig bewertet wurde, können Sie von deren Erfahrung profitieren und sich getrost auf diese/n Fahrer/in verlassen.“ Das funktioniere sehr gut, versichert Bremer.

„Wir wollen vor allem etwas frischer auf diesem Markt einsteigen“, sagt Bremer. Blablacar habe bisher drei Millionen Fahrer, deren Mitfahrangebot einer Gesamtstrecke von mehr als zwei Milliarden Kilometern entspreche. Wie viele Anbieter es bisher in Deutschland gibt, kann Bremer derzeit noch nicht genau beziffern, „einige tausend“, schätzt er.

Die Konkurrenz der Busse fürchtet Blablacar nicht. Mittelfristig müssten die auch Geld verdienen, dann sei es vorbei mit den supergünstigen Preisen, etwa acht Euro für die Strecke Berlin–Leipzig. Bei den Mitfahrgelegenheiten im Auto hat sich der Preis hier bei etwa zehn Euro für die Strecke eingependelt. Wer von der Hauptstadt nach München möchte, wird dem Fahrer rund 30 Euro als „Betriebskostenzuschuss“ hinblättern müssen. Zum Vergleich: Die Bahnfahrkarte Berlin–München kostet zum Normalpreis 125 Euro, das Busticket mit Berlin-Linien-Bus 48 Euro. Als Vorteil gegenüber der Automitfahrgelegenheit sieht Bremer auch, dass im Gegensatz zu Bus und Bahn ein Entschluss in letzter Minute nicht durch höhere Preise „bestraft“ werde.

Blablacar schlägt für die jeweils angebotenen Strecken automatisch einen Preis per Mitfahrer vor, den die Fahrer je nach Fahrkomfort und auch für jede einzelne Teilstrecke anpassen können. Damit keine Abzockerei vorkommt, hat Blablacar die jeweiligen Preise „gedeckelt“. „Es soll schließlich niemand auf die Idee kommen, seine Autofahrten als Geschäft zu etablieren“, sagt Bremer. Das gäbe auch versicherungstechnische Probleme. Derzeit seien in allen EU-Staaten die Insassen eines Fahrzeugs automatisch durch die obligatorische Haftpflichtversicherung mit abgesichert. Mache ein Fahrer Gewinn, sei es ein Gewerbe, für das er nicht nur eine entsprechende Lizenz, sondern auch gesonderte Versicherungen für die Passagiere benötige.

Blablacar sei bisher in neun westeuropäischen Ländern überall Marktführer, sagt Bremer. Der Mitfahrvermittler erziele Einnahmen aus der Onlinewerbung sowie über Partnerschaftsabkommen mit etwa 200 Firmen, für die spezielle Konzepte entwickelt werden, unter ihnen Carrefour und Ikea.

In Deutschland bietet neben Mitfahrgelegenheit.de und Mitfahrzentrale.de auch das österreichische Unternehmen Drive2day über das Internet die Vermittlung von Mitfahrgelegenheiten an.

2 Kommentare

Neuester Kommentar