Reise : Neun Tage Hochsaison

Trotz mancher Superlative: Montenegros Tourismus erlebt eine Pleite

Thomas Brey

In der Urlauberhochburg Becici an Montenegros Adriaküste hat eine offensichtlich unsachgemäß verlegte Wasserleitung fast den ganzen Sandstrand ins Meer gespült. In der nahe gelegenen Bucht von Kotor, die seit 25 Jahren unter Unesco-Schutz steht, hat ein windiger „Unternehmer“ einen halben Berg illegal gesprengt, um Platz für ein Hotel und einen neuen Strand zu bekommen. Und im Ort Ulcinj sorgte die Mückenbekämpfung am helllichten Tag mit chemischen Keulen unter den Touristen für „Panik“, berichteten lokale Zeitungen. Drei Randgeschichten des Montenegro-Tourismus’ aus dem August – und dennoch: Die Urlaubsbranche des Landes meldet immer neue Superlative.

Fünf-Sterne-Hotels, eine „Explosion“ der Bettenzahl privater Vermieter, immer neue Luxusapartments für ausländische Kundschaft und komplette Dörfer mit Villen für steinreiche russische Interessenten oben in den Bergen mit fantastischem Blick aufs Meer – all das gibt es in Montenegro. Alle Jubelmeldungen können aber nicht verdecken, dass die laufende Saison ein Flop ist, heißt es bei Hoteliers, Souvenirhändlern und Tretbootverleihern.

Während die Regierung von 610 000 Touristen bis einschließlich August und einem Besucherplus von sieben Prozent ausgeht und die nationale Tourismusbehörde von rund 100 000 meist ausländischen Gästen im August (plus ein Prozent) spricht, sieht es an Ort und Stelle anders aus: In den Hotels sind reichlich freie Betten zu bekommen, an jeder Straßenecke sitzen Privatvermieter mit „Zimmer frei“-Schildern.

„Die Saison war eine einzige Pleite“, sagt der Besitzer eines Bootsverleihs in Becici. „Das Minus beträgt bis zu 40 Prozent.“ „Die Hochsaison hat genau neun Tage gedauert“, ergänzt sein Kollege. An den Stränden sind selbst in den vorderen Reihen massenweise Plätze zu finden. „Die Preise sind einfach zu hoch“, lautet die Diagnose. In Petrovac werden für zwei Liegen samt Sonnenschirm zwölf Euro am Tag verlangt, an begehrteren Stränden kann der „Eintritt“ samt Parkgebühren für zwei Personen schon mal 25 Euro ausmachen.

Offiziell will Montenegro als „erster ökologischer Staat der Welt“ mit hochpreisigem Angebot für wohlhabende Gäste glänzen. Für die Auto-Ökoplakette sind bei der Einreise acht Euro fällig. Doch die Müllberge an vielen Ecken und die oft verschmutzten Strände sprechen eine andere Sprache. Die deutschen Gäste, jahrelang Rückgrat von Montenegros Tourismus, haben sich rar gemacht. Sie sind durch Russen ersetzt worden. Der Service bereitet wegen des Mangels an gut ausgebildetem und freundlichem Personal Sorge. Stattdessen werden aus den Nachbarländern Hilfskräfte im Schnellgang angelernt.

Vor allem der jahrelange Wildwuchs illegal errichteter Quartiere macht der atemberaubend schönen Küste zu schaffen. Da der weitaus größte Teil des knapp 300 Kilometer langen Ufers Steilküste ist, sind die Strände zu klein, um Massentourismus verkraften zu können. Doch der Bauboom geht trotz aller Warnungen vor fehlender Infrastruktur ungehemmt weiter. „Bei uns herrscht Goldgräberstimmung“, heißt es von Immobilienanbieter bei Meldungen mit immer neuen Rekorden. Doch der vordergründige Erfolg droht Montenegro mittelfristig mehr zu schaden.

Mehr zum Land im Internet unter:

www.montenegro.travel

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