Alaska : Gletschereis zum Nachtisch

Kreuzfahrten nach Alaska sind ein „Renner“. Auch wenn das Wetter nicht immer mitspielt.

Verena Wolff
Eiszeit. Annäherung an den Hubbard-Gletscher – ein Schauspiel.
Eiszeit. Annäherung an den Hubbard-Gletscher – ein Schauspiel.Foto: Richard Cummins, pa

Für die ersten Tage der Kreuzfahrt ist der Wetterbericht schnell erzählt: schwere See, heftige Winde, Regengüsse, kaum Sicht. „Es würde ja schon reichen, wenn es mal trocken wäre und man ein bisschen sehen könnte“, sagt Sue Travers, die aus Wisconsin nach Alaska gereist ist. „Das wird schon, doch das Wetter ist hier immer unberechenbar“, erklärt Kapitän Göran Blomquist.

Der Hubbard-Gletscher am ersten Seetag zeigt sich mit kleinen blauen und weißen Tupfern, die in dem gedämpften Licht zu strahlen scheinen. Und weil Kapitän Blomquist ein sehr erfahrener Schiffslenker ist, bringt er die der „Norwegian Sun“ mit ihren 3000 Passagieren deutlich näher an das ewige Eis heran, als das manch anderer schafft. Der Schwede ist fast ein Jahrzehnt durch die Antarktis gefahren – er kennt sich aus mit Eisbergen und Eisbrocken im Wasser.

Der erste große Gletscher dieser Reise wird von den Passagieren angemessen bestaunt und fotografiert. Auf der Fahrt von der Hauptstadt Juneau durch die Fjorde zeigt sich schließlich blauer Himmel. Es geht vorbei an hohen, schneebedeckten Bergen, immer wieder sind Gletscher und Wasserfälle auszumachen, riesige Eisschollen mit Robben treiben vorüber. „Das versöhnt doch mit dem anfangs trüben Wetter“, sagt Polizist Charly Stoiber aus München, der mit seiner Frau diese Reise macht.

Wer nach Alaska reist, kommt der Natur wegen

Morgens allerdings bleibt der Nebel eine Konstante. „Die Sonne brennt ihn spätestens bis mittags weg“, sagt Stephen, der in Skagway die Landgänger zum Davidson-Gletscher begleitet. Aber manchmal schafft sie es einfach nicht – und dann hängt der Nebel über dem Wasser, und den ganzen Tag fällt leichter Nieselregen. Ja, auch Alaska ist nicht Haiti ...

In Skagway stehen wie in Hoonah, Juneau und Ketchikan, den anderen Häfen auf dieser siebentägigen Reise, zahlreiche Ausflüge in die Natur auf dem Programm. Mit dem Kleinflugzeug, dem Bus und immer wieder in einem kleinen Schiff, Schlauchboot oder Kajak. Und wer nach Alaska reist, kommt eigentlich der Natur wegen. Landgänge in den kleinen Ortschaften darf man getrost vergessen. Dort reihen sich Geschäfte an Restaurants an Geschäfte. Kitsch as Kitsch can – Schmuck und Souvenirs stehen offenbar bei den überwiegend amerikanischen Kreuzfahrern hoch im Kurs. Aus welchem Grund auch immer.

„Die Gletscher sind in trübem Licht beeindruckender, als wenn die Sonne strahlt“, sagt Stephen, der aus Georgia im amerikanischen Süden stammt und im Sommer das Abenteuer in Alaska gesucht hat. Das Licht wird anders gebrochen im Eis des Gletschers – und dadurch sieht er bei eher verhangener Sonne blauer aus.

„Ich muss jetzt mal am Gletschereis lecken“

Der Davidson nördlich von Juneau ist einer von mehr als 110 000 Gletschern in Alaska. Gewiss, es gibt imposantere – doch kaum einem kommt ein großes Schiff näher. Und mit dem Mannschaftskajak, das an ein Wikingerboot erinnert, geht es so dicht heran, bis es auf dem Sand vor dem Gletscher aufsetzt. Dann heißt es: weiter zu Fuß. In Regenkleidung und Gummistiefeln ist das eine eher schweißtreibende Angelegenheit – selbst bei frischen 15 Grad.

Doch was niemand für möglich gehalten hatte: Der Gletscher ist nicht nebelverhangen und strahlt in einem fast unnatürlichen Blau. „Das ist einfach großartig“, schwärmt Donna Savarese aus New Jersey, die einmal Alaska erleben wollte. Und sie hält den Moment auf ihre ganz persönliche Art und Weise fest: „Ich muss jetzt mal am Gletschereis lecken“, sagt sie zum Erstaunen ihres Mannes. Gesagt, getan. Ganz klar und rein, befindet Donna.

Auf dem Weg ins kleine Camp, wo Gästeführer Stephen den Sommer verbringt, erzählt er vom Leben am Gletscher. Acht Personen wohnen hier, ohne Strom, fließendes Wasser, Fernseher und Internet – ein echtes Abenteuer für einen, der just sein Studium abgeschlossen hat. „Ich finde es großartig, ich habe selten so viel gelernt“, sagt Stephen und erklärt zum Beispiel Nutzen und Gefahren der verschiedenen Beeren, die im Wald wachsen.

Mit Doku-Soap-Stars auf Krabbenfang

Auch in Ketchikan, dem letzten Hafen auf der Reise zurück nach Vancouver, gibt es Lektionen zum Leben und Arbeiten in den nördlichen Breitengraden. Ein kleines Unternehmen dort ist der Star einer amerikanischen Doku-Serie: „America’s Deadliest Catch“, der tödlichste Fang.

Gestatten: King Crab
Gestatten: King CrabFoto: Verena Wolff

Dabei werden Fischer begleitet, die im Winter in der Beringsee zwischen Alaska und Sibirien spezielle Sorten von Krabben fangen – oft unter Lebensgefahr. Denn jenseits des Sommers ist die Zeit von Snow und King Crabs.

In der Kreuzfahrtsaison haben die Fischer eher Leerlauf, also hat der Unternehmer eines seiner fünf Boote, die „Aleutian Ballad“, für den Sommer mit Sitzen ausgestattet und veranstaltet Touristentouren, auf denen Kreuzfahrer und andere Besucher viel über die Krustentiere und das harte Leben auf dem eisigen Meer erfahren. Außerdem sehen sie viele Weißkopfseeadler (garantiert!), die von den Bäumen am Ufer aus nach fetter Fischbeute spähen. Und wenn alles gut läuft, zeigen sich auch Wale in unmittelbarer Nähe des Bootes.

Am Abend sind die Kreuzfahrer wieder auf der „Norwegian Sun“. Sie haben Verabredungen zum Essen in einem der neun Restaurants an Bord, einen Termin im Spa oder wollen einfach vom Liegestuhl an Deck die letzten Sonnenstrahlen des Tages genießen. In Ketchikan, dem einzigen Städtchen entlang der Route, das einen gewissen Charme ausstrahlt, wird es schon bald sehr ruhig werden. Bis zum Frühjahr, wenn die Armada der Kreuzfahrtschiffe wieder auftaucht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben