Besuch in der Heimatstadt von Bob Dylan : Er kehrte nie zurück

Vielleicht taucht er mal wieder auf: In Hibbing, Minnesota, ist Bob Dylan geboren. Hier fand er zur Musik – und floh mit 18 die Enge.

Tom Noga
Zimmy’s Bar. Dylan-Fans bestellen hier den Forever-Young-Gemüse-Burger.
Zimmy’s Bar. Dylan-Fans bestellen hier den Forever-Young-Gemüse-Burger.Foto: Steve Burmeister/Redux/laif

Monte Edwardson fährt durch Hibbing, Minnesota. Wie sich alles verändert hat. Colliers, erstes Restaurant am Platz, existiert nicht mehr. Verschwunden auch die Bekleidungshäuser Feldman und Shapiro. Nur Juwelier Teske ist noch dort, wo er immer war, Ecke Howard Street/4 th Avenue. Gedankenverloren streicht sich Monte Edwardson über seinen weißen Mongolenbart und lehnt sich im Fahrersitz seines Geländewagens zurück. „Er würde Hibbing nicht wiedererkennen“, murmelt er, „ist ja auch Jahrzehnte her, dass er seine Heimatstadt verlassen hat.“ Im Oktober 1959 war das. Bis heute ist Robert Allan Zimmerman, Sohn des Elektrikers, vermutlich kein einziges Mal zurückgekehrt. Er lebt heute, 70-jährig, eher zurückgezogen als Bob Dylan im fernen Kalifornien.

In der 4th Avenue steht das Memorial Building, eine Mehrzweckhalle mit gebogenem Dach. „Weißt du noch...?“, raunt Monte. Beifahrer Leroy Hoikkela nickt. Ein kleiner Mann mit großer Brille auf der Nase. Im Memorial Building hatten sie ihren ersten Auftritt mit den „Golden Chords“. Monte, Leroy und Bob Zimmerman. Sie spielten ausschließlich Stücke von Little Richard, sagt Monte.

Erfolg war den „Golden Chords“ nicht beschieden, resümiert Edwardson, dazu war die Musik zu unkonventionell für die Menschen in Hibbing. Die Stadt ist von Einwanderern geprägt, vor allem aus Deutschland und Skandinavien. Auf Festen wird bis heute Polka gespielt. Die „Golden Chords“ dagegen brachten die wilde Musik aus dem Süden auf die Bühne: Blues, Jazz und Rock ’n’ Roll.

Ein Jahr lang sind sie aufgetreten, wo immer man sie spielen ließ. Dann ging Bob Zimmerman. Erst nach Duluth – dort spielte er in einer Jazzband. Dann nach Minneapolis. In Dinkytown, dem Künstlerviertel der Metropole, änderte er seinen Namen in Bob Dylan. Der Rest ist Geschichte. Monte Edwardson und Leroy Hoikkela haben ihn nie wieder gesehen.

„Gutes altes Hibbing“, schrieb Bob Dylan einmal. „Ich bin weggelaufen mit zehn, zwölf, dreizehn, fünfzehn, fünfzehneinhalb, siebzehn und achtzehn. Bis auf einmal hat man mich jedes Mal erwischt und immer wieder zurückgebracht.“ Das war geflunkert, wie so vieles, was Dylan im Laufe seiner Karriere von sich gegeben hat. „Aber in den Ohren der Menschen in Hibbing klingt ein Satz wie dieser nach“, sagt Leroy Hoikkela. Deshalb tut sich die Stadt schwer mit ihrem berühmten Sohn. Immerhin, das hellblaue Haus mit den mintgrünen Fensterläden auf der 7th Avenue, in dem Bob Zimmerman aufwuchs, ist erhalten geblieben. Auf dem Garagentor ein Gemälde, das Cover von „Blood on the tracks“, einem Dylan-Album aus dem Jahr 1974. Die 7th Avenue heißt jetzt offiziell Dylan Way. Das ist dem unermüdlichen Einsatz von Linda Stroback zu verdanken.

Linda Stroback ist eine zupackende Frau mit brünetten langen Haaren. Sie sitzt im „Zimmy’s“, ihrem Restaurant. Zimmy war Dylans Spitzname in der Schule. An den Wänden Bilder des Sängers, aus seiner Kindheit und Jugend, auf der Bühne oder in Greenwich Village, dem ehemaligen Künstlerviertel in New York, wo er Anfang der 60er Jahre zum Folkstar aufstieg. Dazu die Cover seiner wichtigsten Platten, seine erste Gitarre und allerlei Sammlerstücke mehr. Auch auf der Speisekarte dreht sich alles um Bob Dylan: Es gibt den „Forever Young“-Gemüse-Burger, die „Bringing it all back home“-Quiche und die „Time out of mind“-Combo, bestehend aus Frühlingsrollen, Huhn und Steak. „Welcome to Dylan Country“, steht im Eingang, darunter ein Zitat: „Meine Jugend in Hibbing hat mich Respekt vor dem Leben gelehrt und vor den hart arbeitenden Menschen.“

„Zimmy’s“ ist ein Anlaufpunkt für Fans, die vor dem weiten Weg in den hohen Norden der USA nicht zurückschrecken. Ein Mal im Jahr veranstaltet Linda die Dylan Days, ein verlängertes Wochenende mit Livemusik und einem Wettbewerb für Amateurmusiker. Was als lokales Ereignis begann, zieht mittlerweile Gäste aus aller Welt an. Aber auch sonst vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein Fan hereinschneit. Heute ist es Arie de Reus. Der Arzt aus dem niederländischen Arnheim wirkt bieder, mit Halbglatze, Bauch und Brille mit Goldgestell. Unter Dylanologen ist er bekannt, er gilt als einer der zehn größten Sammler der Welt. Natürlich hat er alle Platten und Raubpressungen und wann immer Dylan auf seiner „Never Ending Tour“, seiner 1988 begonnenen ewigen Welttournee, nach Europa kommt, ist Arie im Publikum.

Arie de Reus ist durch Greenwich Village getourt – auf den Spuren seines Idols. Und er hat einen Blick erhascht auf Dylans von mächtigen Mauern umgebenes Anwesen im kalifornischen Malibu. Fehlt noch Hibbing. „Wer Dylan verstehen will, muss seine Ursprünge kennen“, sagt Linda Stroback.

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