Der Zauberberg : Hearst Castle in Kalifornien

Hearst Castle an der kalifornischen Küste - ein verrückter Ort, wo die Zwanziger Jahre weiter lebendig sind.

Andreas Menn
Hearst Castle
Baden verboten! Das Anwesen des ehemaligen Medienmoguls Hearst gehört heute dem Staat Kalifornien. -Foto: dpa

Die Zebras kommen dann doch unerwartet. Seelöwen, Wale, Adler und See-Elefanten hatten wir vom Highway Nummer eins aus schon erspäht. Die Straße verläuft schließlich entlang der Pazifikküste Kaliforniens. Afrikanisches Großwild allerdings hatten wir nicht auf der Rechnung. Doch grasen dort tatsächlich Zebras zwischen den vom Wind gekrümmten Steineichen. Und oben in den Hügeln thront ein merkwürdiger Bau, ein Ensemble von Dächern und Türmen, das halb Schloss, halb Kathedrale zu sein scheint. Wir biegen in eine Zufahrt, passieren ein Tor und halten auf einem XXL-Parkplatz vor einem nicht minder beeindruckenden Besucherzentrum. Hier wird das Erbe eines der reichsten Männer des 20. Jahrhunderts verwaltet: Hearst Castle.

William Randolph Hearst, Jahrgang 1863, Medien-Tycoon und unter den hundert reichsten Männern seiner Zeit, war es eines Tages leid, auf seinem Rückzugshügel über San Simeon in Zelten zu nächtigen. "Ich werde ein wenig zu alt dafür", klagte der Zeitungsbaron 1918 gegenüber seiner Architektin Julia Morgan. "Ich hätte gerne etwas Komfortableres." Zunächst sann Hearst darauf, einen schlichten Bungalow für sich und seine Geliebte, die Schauspielerin Marion Davies, zu bauen. Doch dann ging im Laufe der folgenden 28 Jahre offenbar der architektonische Gaul mit ihm und wohl auch mit Julia Morgan durch: Es entstanden auf rund 7000 Quadratmetern Wohnfläche immerhin 19 Wohnzimmer, 56 Schlafzimmer und 61 Badezimmer. Dazu kamen zwei Schwimmbäder, mehrere Tennisplätze, ein Kino, ein Billardzimmer, eine Bibliothek, der größte private Zoo der Welt, ausufernde Gärten und eine eigene Flugzeuglandebahn. Außerdem häufte der Mann Kunstwerke von hundertfachem Millionenwert an. Nach heutigen Maßstäben wurden auf dem 50 Hektar großen Anwesen im Laufe der Jahre rund 400 Millionen Dollar verbaut.

Wir legen jetzt immerhin 20 Dollar auf den Tresen, um einen Blick in diese Traumwelt zu werfen. Schon gibt das Drehkreuz nach. Dann reihen wir uns hinter andere Besucher ein und klettern in einen Bus. Der befördert alle eine sehr, sehr lange Straße den Berg hinauf. Aus den Deckenlautsprechern ertönt Swing der Golden Twentys, und wir bereiten uns auf eine Zeitreise in die zwanziger Jahre vor, die zumindest hier durchaus golden und auch ein bisschen wild gewesen sein dürften. Auf der Ranch des Verlegers gaben sich schließlich die Stars der Filmbranche die Klinke in die Hand: Cary Grant, Howard Hughes, Charlie Chaplin, Greta Garbo - halb Hollywood ließ sich im Cabrio die Serpentinen hinaufchauffieren für ein Wochenende hoch über dem Pazifik.

Champagner erwartet uns nicht, als wir aus dem Bus steigen. Stattdessen gibt es wenig prickelnde Verhaltensmaßregeln für den Besuch auf Hearst Castle: keine Tuchfühlung mit dem Marmor, keine eigenmächtigen Streifzüge, kein Blitzlichtgewitter. 37 Millionen Besucher sind hier oben gewesen, seit das Anwesen im Jahr 1958 in staatlichen Besitz überging. Das sind viele tausend Füße, die täglich am kostbaren Vermächtnis schmirgeln. Alle wollen eine Ahnung davon bekommen, wie es ist, unvorstellbar reich zu sein - und was für ein Mensch dieser sagenumwobene Hearst war.

Vor uns erstreckt sich ein 32 Meter langer, sehr einladend wirkender Pool. Es ist warm, doch: Baden verboten! Das Schwimmbecken ist von Putten aus Marmor und turmhohen Zypressen umstellt, ein überdachter Säulengang spendet Schatten. Immerhin. Über dem Ensemble thront eine mächtige Neptunstatue. Dieser Ort scheint für die Götter geschaffen.

William Randolph Hearst hatte den unbebauten Hügel von seinem Vater George geerbt, einem Farmerssohn aus Missouri. Der hatte ein Vermögen mit Gold- und Silberminen gemacht und war - eher durch Zufall - in den Besitz des "Examiner" gekommen, einer Tageszeitung in San Francisco. Zum Leidwesen seiner Vaters mochte sich Randolph jedoch nicht um Gold und Silber kümmern, sondern übernahm mit 24 Jahren die Leitung des "Examiner". Mit Gespür für den Publikumsgeschmack kurbelte Randolph die Auflage in die Höhe, indem er Sensationsgeschichten, viele Bilder und große Schlagzeilen ins Blatt hob. Mit Talent, Arbeit und einem erklecklichen Erbe - der Vater starb 1891 - baute Hearst ein gigantisches Medienimperium auf.

Sein höchstes Interesse neben dem Geldverdienen galt der Architektur. Als Kind war er mit seiner kunstbeflissenen Mutter eineinhalb Jahre durch Europa gereist, um sich römische Tempel, gotische Kathedralen und florentinische Kaufmannshäuser anzuschauen. Als er dann das nötige Kapital hatte, konnte er all die Eindrücke in einem Wunschschloss zusammenfügen. Und mit Julia Morgan fand er eine Architektin, die über mehr als drei Jahrzehnte hinweg seine grenzenlose Leidenschaft am Bauen teilte - und die er oft genug in tiefe Verzweiflung stürzte, weil er ständig neue Ideen hatte und eben Gebautes sogleich wieder abreißen ließ.

Nach einem Streifzug durch mehrere mit Kunst voll gestopfte Gästezimmer gelangt die Besuchergruppe zum Haupthaus. In der "Casa Grande" feiert ein buntes Gemisch von Artefakten der verschiedensten Epochen eine irre Party: Eine Marienstatur aus dem 13. hängt über einem Ritter aus dem 15. Jahrhundert, Marmor aus den Pyrenäen erstreckt sich unter einem Wandteppich aus der Renaissance, Kirchenstühle aus dem Spätmittelalter neben solchen aus dem Barock - Kunstsammler Hearst trug auf Auktionen und Reisen alles zusammen, was seine Aufmerksamkeit weckte, und ließ es nach San Simeon bringen. Manche Kunstwerke waren dem Sammler so wichtig, dass er ganze Räume auf sie allein ausrichten ließ. "Gierig wie eine Elster" sei der Verleger, lästerte ein zeitgenössischer Kunsthistoriker.

Hearst fochten Schmähungen nicht an. Seit Mitte der 20er Jahre verbrachte er ohnehin die meiste Zeit auf seinem Zauberberg, "La Cuesta Encantada", wie er das Anwesen nannte. Wer für ihn wichtig war, kam zu ihm. Sonst mischte der Verleger meist per Telefon im Tagesgeschehen mit. Abends versammelte der "Chief" dann seine Gäste zum Essen im Refektorium, das wir nun betreten: ein lang gezogener Raum mit einer großen hölzernen Tafel, an der gut und gern drei Fußballmannschaften Platz nehmen könnten. An den Wänden spanisches Chorgestühl aus dem 14. Jahrhundert, auf den Tischen Ketchupflaschen aus dem frühen 20. Jahrhundert.

Der Kommunikationsmensch Hearst habe bei Tisch nicht viel geredet, erfahren wir. Nach dem Dinner zeigte er oft Kinofilme oder organisierte mancherlei Amusement. Doch gegen 23 Uhr zog sich der Hausherr stets in sein Studierzimmer zurück, um ungestört seine Zeitungen zu lesen und die Stellen zu markieren, an denen er Anstoß nahm. Nur wenn die Gäste nebenan zu viele Cocktails geschlürft hatten, schritt er ein. Besuchern, die seine Gastfreundschaft zu sehr strapazierten, ließ er das Gepäck vor die Tür stellen.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs gingen Hearst die Dollars aus, und er musste Abschied nehmen - zuerst von den Kängurus und Giraffen, dann auch von Teilen seiner Kunstsammlung. Sein Medienimperium erholte sich zwar wieder, mit seinem Schloss in den Wolken wurde Hearst jedoch nie fertig. Bis 1947 blieb er auf seinem Hügel wohnen. Dann musste er sich auch von San Simeon verabschieden, um notwendige medizinische Betreuung in Anspruch zu nehmen, die auf seinem Hügel nicht gewährleistet war. Hearst starb schließlich 1951. Der Bus rollt wieder ins Tal, zurück ins Besucherzentrum. Der Touristenstrom ist perfekt kanalisiert - fast scheint es, als habe Hearst, der geschickte Strippenzieher, das alles hier selbst bis ins Detail organisiert. Zum Abschluss dürfen wir in einem Imax-Kino noch einmal eintauchen in das Leben des Tycoons. "Building the Dream" heißt der Film, der die Geschichte eines kleinen Jungen erzählt, der am Pazifik aufwächst, die Hügel erklimmt und noch 70 Jahre später nicht damit aufhört, nach Höherem zu Streben.

Wir verlassen schließlich den Parkplatz, winken noch mal den Zebras zu und biegen wieder auf den Highway Nummer eins. Na, dann wollen wir doch auch mal nach einer Goldmine Ausschau halten. Die Pazifikküste ist schließlich noch lang.

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