Florida : Eine Schaufel vom Nachbarn

Das Meer und die Stürme nagen an Floridas Stränden. Und Sand zum Auffüllen wird knapp.

Gabriele Chwallek
Feinkörniger Übungsplatz. Noch kann das Cheerleader-Training an der Sandmeile von Palm Beach stattfinden.
Feinkörniger Übungsplatz. Noch kann das Cheerleader-Training an der Sandmeile von Palm Beach stattfinden.Foto: Gerald Haenel/laif

Die „Snowbirds“ sind wieder da – jene glücklichen US-Einwohner aus dem Norden, die es sich leisten können, im warmen Florida zu überwintern. Wer würde nicht auch lieber am sonnigen Strand spazieren gehen, als Schnee zu schippen und zu bibbern. Florida profitiert davon, die Wirtschaft stützt sich stark auf den Tourismus. Umso größer sind die Sorgen, dass es nicht bei den paradiesischen Zuständen an Floridas Küsten bleiben könnte. Meer und Stürme fressen schließlich immer mehr von den Stränden des US-Sonnenscheinstaates weg.

Bis jetzt konnten die Schäden durch das Auffahren und Anlanden von Sand zumeist repariert werden. So sind Planierraupen ein gewohntes Bild an vielen Küstenabschnitten. Aber so leicht wird es auf Dauer nicht weitergehen, jedenfalls nicht in Südostflorida mit seiner Metropole Miami. Warum? Der Sand zum Auffüllen der schütteren Strände wird zunehmend rar, insbesondere in den Bezirken Miami-Dade, Broward und Palm Beach. So wertvoll ist er inzwischen geworden, dass hinter den Kulissen um diese Kostbarkeit regelrecht gekämpft wird.

Insgesamt sind laut Studien bis zu 60 Prozent von Floridas Stränden von Erosion betroffen – 50 Prozent in einem „kritischen“ Ausmaß, wie Meeresbiologin Terri Jordan-Sellers vom Ingenieurkorps der US-Army schildert, das für die Reparaturarbeiten zuständig ist.

Die Ressourcen werden knapp

Allein im Südosten Floridas hat es seit den späten 1970er Jahren Projekte zur Instandsetzung auf einer Länge von etwa 350 Kilometern gegeben. Neben Stürmen sind hauptsächlich die Gezeiten und der steigende Meeresspiegel durch verstärkte Eisschmelze für die Erosion verantwortlich. Sand zum Wiederauffüllen wird in der Regel in Küstennähe aus dem Meer gewonnen. Das klingt nach schier unendlichen Ressourcen, aber so ist es nicht.

„Die Leute nehmen immer an, dass der Ozean voll mit Sand ist“, zitiert die „Tampa Bay Times“ den Experten Tom Martin. „Aber an ihn heranzukommen, und das auf eine umweltbewusste Weise, und Sand zu bekommen, der zu dem passt, was auf den Stränden ist, das kann manchmal schwer sein.“ Miami-Dade, Broward und Palm Beach etwa müssen ihre Strände schon seit Jahrzehnten reparieren. Das hat bereits arg an den natürlichen Sandvorräten im Meer genagt. Drei Riffe verlaufen in Küstennähe, das mache das Ausbaggern schwer, sagt Jordan-Sellers. Und dann verenge sich das Kontinentalschelf ausgerechnet in dieser Region stark, das heißt, der Atlantik wird hier rasch tief.

So wird denn Miami-Dade ab Frühjahr kommenden Jahres nicht mehr aus dem Meer schöpfen können. In Palm Beach sieht es nicht viel besser aus, und in Broward ist die Lage so düster geworden, dass zwischenzeitlich sogar an zerriebenes recyceltes Glas als Sandersatz gedacht wurde. Kein Wunder also, dass die Bezirke begehrlich in Richtung Norden blicken, wo es besser aussieht. St. Lucie County und Martin County in der Nachbarschaft etwa haben im Meer Sandvorräte, die nach Berechnungen noch gut 50 Jahre reichen werden.

Der Krieg um den Sand

Genug also zum Teilen? Das finden St. Lucie und Martin nicht, sie wollen nichts von dem Schatz vor ihrer Küste abgeben. „Wenn es um Sand geht, ist sich jeder selbst der Nächste“, sagt Jordan-Sellers. „Was passiert in 50 Jahren, wenn all der Sand weg ist?“, sagte etwa St.-Lucie-Bezirksratsmitglied Frannie Hutchinson der „New York Times“. „Was sollen wir dann tun? Ich habe ihnen gesagt, sie sollen ihre Schaufeln und Eimer einpacken, nach Hause gehen und nach einem besseren Plan suchen.“

„Bezirke haben angefangen, sich wegen des Sandes zu bekriegen“, bestätigte Kristin Jacobs, Bürgermeisterin von Broward County, der Zeitung. „Jeder hat das Gefühl, dass diese anderen Bezirke ihren Sand stehlen wollen.“ Aber zerfranste Strände kann sich niemand leisten, insbesondere nicht im Raum Miami, in denen Gäste in der Regel umgerechnet 250 Euro für eine Nacht in einem Hotel direkt am Meer bezahlen. Und es geht um mehr als nur um Tourismus. Die Strände seien bei Stürmen auch eine wichtige Pufferzone zwischen den Wellen und den – teils teuren – Siedlungen in Wassernähe, sagt Kenneth Banks, Spezialist für Naturressourcen bei der Bezirksregierung Broward.

Eine Möglichkeit ist, Sand aus Minen im mittleren Südflorida anzukarren. „Aber das hieße, dass 20 000 Lastwagen während der Touristensaison durch South Beach fahren“, zitiert die „New York Times“ Jason Harrah, der die Restaurationsprojekte in Miami-Dade leitet. „Stellt euch das nur mal vor.“ Man könnte vielleicht auch Sand in Karibikländern kaufen. Dazu müsste das Ingenieurkorps aber nachweisen, dass heimischer Sand aus Umwelt- oder Wirtschaftsgründen nicht zur Verfügung steht.

So hat denn Broward County inzwischen mehr als 8000 Lastwagenfuhren Sand aus Minen bestellt. Miami-Dade hofft darauf, dass nach einer Reihe von Anhörungen und Studien St. Lucie und Martin angewiesen werden, Sand freizugeben: Schließlich gehört er nicht den Bezirken, sondern der Bundesregierung. (dpa)

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