New York : American Prosit

Von wegen Hot Dog und Cola – Weißwurst und Maßkrug sind angesagt: In New York sind Biergärten cool.

Sacha Verna

Im Holzhäuschen am Eingang sitzt die Kassiererin: eine junge Japanerin mit viel, viel Lidschatten und Standard-Uniform, einem weißen T-Shirt mit aufgedruckter Dirndl-Brust, dazu ein kurzes Röckchen, Kniestrümpfe und hochhackige Schuhe. Bei ihr kann man sich gelbe Coupons für acht Dollar kaufen, aber wer sich damit ein Budweiser bestellt, outet sich gleich als Banause. Im Standard ordert man nämlich Ayinger Weiße, Köstritzer Schwarz oder Bitburger Pils und dazu Weißwurst, Sauerkraut und Brezel. Eine gigantische Brezel, denn dies ist Amerika, und The Standard ist ein Biergarten in New York. Deshalb ist vieles hier ein bisschen anders als in München. So umfasst das Angebot auch Currywurst und Cheddar-Krainer sowie Cocktails an der Bar.

Das Lokal liegt unter der High Line, den ausgedienten Geleisen einer Hochbahn im Westen Manhattans, die in eine grüne Flaniermeile verwandelt wurden. Die perfekte Lage für zwei Pingpong-Tische und jene schicken Menschen, die den Meatpacking District mit seinen vielen Clubs gewöhnlich erst nach Einbruch der Dunkelheit aufsuchen.

The Standard ist einer von mehreren Biergärten, die in New York in den vergangenen Monaten eröffnet wurden. Mit dem bayerischen Original haben sie oft nicht mehr gemeinsam als den Namen. Na ja, und den Umstand, dass man irgendwo draußen sitzen kann. Die New Yorker sind auf den Biergeschmack gekommen. Vorbei die Zeiten jener Missverständnisse in Dosen, die bisher zur Hebung der Stimmung vor Flachbildschirmen beigetragen haben, auf denen die eigene Baseballmannschaft wieder mal verlor. Heute muss es frisch vom Fass sein, Unter-, Ober- und Spontangäriges, Saures, Starkes und Rauchiges.

Neben ausländischem Bier erfreut sich lokales Gebräu nie dagewesenen Zuspruchs. Brooklyn hat sich zu einem regelreichten Mekka für Freunde feiner Hopfen-Tropfen entwickelt. Neu gegründete Kleinbrauereien wie Greenpoint Beerworks oder Six Point Craft Ales stellen hier nach traditionellen Methoden Spezialbiere her. Zu Verkostungstouren durch die Betriebe und Schänken finden sich regelmäßig Dutzende von Enthusiasten ein.

Von der Wiederentdeckung des wahren Getreidesafts bis zum Bedürfnis nach Orten, an denen sich dieser stilgerecht genießen lässt, war es nur ein kleiner Schritt. Auch bei den Biergärten handelt es sich eigentlich um eine Renaissance. Denn noch um 1900 existierten über 800 solcher Wirtschaften in New York. Die meisten wurden von Immigranten aus Deutschland und Österreich-Ungarn betrieben und besucht. Überlebt hat einzig The Bohemian Hall and Beer Garden in Queens. Diese tschechisch-slowakische Institution behauptet sich seit 1919 ziemlich erfolgreich.

Nicht zufällig ist dieser älteste New Yorker Biergarten auch der authentischste. Er bildet mitten im nicht eben pittoresken Queens eine Oase mit allem, was gemäß der Bayrischen Biergartenverordnung dazugehört: Kiesboden, lange Holzbänke und -tische und vor allem dicke hohe Bäume, die im Sommer willkommenen Schatten spenden. Selbst jetzt, Anfang September, sind es noch über 30 Grad. Die Kellnerinnen und Kellner, die hier Gulasch und geräucherten Schinken, Brouczech und Staropramen servieren, haben den Trachten-Look nicht nötig. Am Sonntagnachmittag versorgen sie die Familien aus dem Viertel mit derselben Effizienz wie spätnachts die Hipster.

Diese stellen in New Yorks neuen Biergärten die Mehrheit der Gäste dar. Ganz sicher bestimmen sie den Lärmpegel im Bia Garden an der Lower East Side. Der umtriebige Gastrounternehmer Michael Bao Huynh sieht sein vietnamesisches Etablissement als freie Interpretation der Biergärten. In diesen Garten, ein von pflanzenüberwachsenen Mauern und Holzwänden umgebenes Hinterhöflein, gelangt man durch eine winzige Ladenfront und den unterirdischen Kühlraum des Restaurants. Hier herrscht eher Flüsterkneipen-Feeling als Volksfestatmosphäre. Ausgeschenkt wird ausschließlich asiatisches Bier, von Singha bis Tsingtao, dazu gibt es Shrimpcracker und Froschschenkel-Curry zu essen. Die Gespräche an den von Kerzen beleuchteten Tischen fangen bei der Analyse obskurer Plattenlabel an und hören bei der Kritik an Googles China-Engagement noch lange nicht auf.

Die New Yorker sind ein trendsüchtiger Haufen. Vor allem, wenn es um leibliche Genüsse geht. Wird die Parole „Fleischklöße“ ausgegeben, schießen allerorts Etablissements aus dem Boden, die nur eine einzige Speise – eben Fleischklöße – anbieten, diese dafür in unzähligen Variationen. Darunter selbstverständlich auch solche für Vegetarier. Ist Bánh mì der Knüller und Magenfüller des Tages, debattieren gestandene Krawattenträger in aller Ausführlichkeit darüber, wo die derzeit beste Version dieses vietnamesischen Sandwichs zu finden ist: in dem namenlosen Schuppen hinter der Garküche unten in Chinatown, die für ihr Dim Sum bekannt ist? Nee, da stimmt das Verhältnis zwischen Pâté, Presswurst und Mayonnaise nicht. An Fress-Theke Nummer 24 in der Mall in Flushing, Queens, wo’s nur solange hat, wie’s hat? Akzeptabel, obgleich das Baguette knuspriger sein könnte und der Kick von Chili und Essiggemüse prononcierter.

Ob Fleischklöße, Bánh mì oder Bier in Gärten: Den genauen Ursprung dieser deliziösen Delirien auszusmachen, erweist sich als äußerst schwierig. Sicher ist, dass die immense kulinarische Bloggosphäre, die New York umgibt, den Erfolg und das Verfallsdatum des jeweiligen Must-Eat-and-Drink entscheidend beeinflusst.

Gut möglich jedenfalls, dass sich morgen als Tiki Bar präsentiert, was heute Schunkel-Runden und Schenkelklopfen verspricht. Es gilt an New Yorks Bierseligkeit teilzuhaben, solange sie anhält.



WEITERE NEW YORKER BIERGÄRTEN
Radegast Hall and Beer Garden

Entschieden mehr Halle als Garten im Hipsterburg genannten Williamsburg in Brooklyn. Über 60 europäische Biersorten, dazu Spätzle und Frisches vom Grill. Kinderfreundlicherweise wird auch Limonade in Pilsstangen ausgeschenkt.

Studio Square

In Long Island City, Queens. New Yorks größter und unoriginellster neuer Biergarten. An zwei Mega-Bars kann man sich mit Samuel Adams Cherry Wheat in Plastikkrügen, Chili Cheese Nachos und Sushi eindecken. Am besten hält man sich an die Sonnenschirme mit den Logos von Radeberger und Gaffel Kölsch.

Loreley

Das erste Loreley hat der gebürtige Rheinländer Michael Momm bereits 2003 an der Lower East Side eröffnet. Hinzugekommen ist inzwischen ein zweites in Brooklyn mit direktem Blick auf den Brooklyn Queens Expressway. Dafür wird einem der Hofbräu Maibock in der entsprechenden Maß serviert, und die deutsche Speisekarte ist fehlerfrei.

Zum Schneider

Der älteste Biergarten der neuen Generation, vor zehn Jahren vom Bayern Sylvester Schneider im damals noch nicht gentrifizierten Alphabet City (Manhattan) eröffnet. Macht die Tatsache, dass sich der Garten auf ein paar Stühle auf dem Gehsteig beschränkt, mit der hauseigenen Lederhosen-Band wett, den „Mösl Franzi and the JaJaJa’s“. Außerdem werden die exquisiten Laugenbrezeln direkt aus Deutschland importiert.

Der Schwarze Kölner

Neu in Fort Greene, mehr Brasserie als Biergarten, den über drei Dutzend deutschen Biersorten zum Trotz. Verspricht heftiges Prosten während des Kölner Karnevals, des Münchner Oktoberfests und am 1. Mai. Wirbt groß mit Bionade.

Berry Park

Der „Garten“ ist das Dach eines umgebauten Lagerhauses in Williamsburg, Brooklyn. Das Innere gleicht einem überdimensionierten Partykeller, abgetretene Läufer und verhockte Ledersofas inklusive. Bietet Weihenstephaner und Belhaven Twisted Thistle Malty, Brezel und Shepherd’s Pie an. Den zahlreichen Gästen nach zu urteilen funktioniert die deutsch-irische Ehe.

Franklin Park
Umgebaute Garage in Prospect Hights, Brooklyn, einer trendmäßig sonst unerschlossenen Gegend. Großer schattiger Hof, der im Winter zur Eisbahn umfunktioniert wird. Zwölf deutsche und lokale Biere vom Fass sowie Cocktails. Bis vor kurzem gab es keine Speisekarte, dafür durfte man Pizza oder Hühnchen aus umliegenden Lokalen bestellen.

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