Ohio und Michigan : Einladung zum Tanz

Cleveland und Detroit standen am Abgrund. Noch sind längst nicht alle Probleme gelöst, doch ein Besuch lohnt.

Beate Baum
Drive-in-Theatre - das gibt es nur in den USA. In der Autostadt Detroit entbehrt die Umwidmung des einst prächtigen Theaters zum Parkhaus nicht einer gewissen Ironie.
Drive-in-Theatre - das gibt es nur in den USA. In der Autostadt Detroit entbehrt die Umwidmung des einst prächtigen Theaters zum...Foto: Christian Burkert/laif

Totgesagte leben länger. Der Empfang ist auf jeden Fall herzlich: „Welcome to Cleveland!“ Was ist das? Werden hier jetzt Menschen engagiert, um Touristen einzeln willkommen zu heißen? Mitnichten. Die elegant gekleidete Frau, die wir im angesagten Viertel Tremont der zweitgrößten Stadt von Ohio nach der nächsten Bushaltestelle fragen, ist einfach nur eine von vielen hilfsbereiten, freundlichen Einwohnern. Die durch den industriellen Niedergang gebeutelte Metropole freut sich über Besucher – so zumindest der erste gute Eindruck.

Vielleicht sind die Bewohner auch nur froh über die eigene Wiederauferstehung. Denn die 400 000-Einwohner-Stadt am Erie-See hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Mit Höhen und Tiefen. Hier gründete Rockefeller seine Standard Oil Company, es folgten der Aufschwung der Stahlindustrie, des Schiffsbaus, ein boomender Hafenbetrieb entwickelte sich. 1950 war Cleveland die siebtgrößte Stadt der USA – mit allem Glanz und Dreck, den das mit sich brachte.

Der Niedergang der Stahl- und Automobilindustrie begann bereits Ende der 1960er Jahre, aus dem einst blühenden „Manufacturing Belt“ wurde der „Rust Belt“. Zurück blieb allein der Dreck. Und als die petrochemische Industrie abwanderte, brannte 1969 das Öl auf dem Cuyahoga River tagelang. Der Niedergang war unaufhaltsam. Es musste etwas passieren. Doch zunächst kam der Tiefpunkt: 1978 erklärte sich Cleveland als erste Stadt der USA nach der Wirtschaftsdepression der 1930er Jahre für zahlungsunfähig. Erst 1987 konnte dieser Schritt zurückgenommen werden. Mit der Stadt ging es wieder aufwärts.

Dann kam „Rock ’n’ Roll“

„Rock and Roll Hall of Fame and Museum“ lautete ein Teil der Erlösungsformel, für die sich neben anderen Ahmet Ertegün, Gründer des legendären Atlantic-Records-Labels, starkmachte. Der Hintergrund: In Cleveland war Anfang der 1950er Jahre erstmals das Zauberwort „Rock and Roll“ gefallen. Von dem weißen Radiomoderator Alan Freed, der anderen Weißen den Blues präsentierte. Und den Rhythm and Blues. Und das, was danach kam – und schließlich „Rock ’n’ Roll“ wurde. Seit 1995 ist nun die ehemalige Rebellenmusik museal. Und wenngleich es etwas seltsam anmutet, Rolling-Stones-Setlisten und Punk-T-Shirts in Vitrinen zu betrachten, so schaffen es die Kuratoren doch – nicht zuletzt durch die Orchestrierung –, bei den Besuchern für jenes lächelnde Gesicht zu sorgen, das man bei den Einwohner so oft sieht.

Ein bedeutendes klassisches Orchester hatte Cleveland natürlich zuvor schon. Museen von Weltrang wie das Cleveland Museum of Art sowie das Museum of Contemporary Art zählen ebenso zu den kulturellen Trümpfen der Stadt wie architektonische Schmuckstücke. Den hoch aus dem 20er-Jahre-Bahnhof aufragenden Terminal-Tower etwa oder die Backstein-Lagerhäuser im Warehouse-District. Heute sind die anrüchigen Stripper-Schuppen verschwunden, eine bunt gemischte Szene von jungen Kreativen hat sich angesiedelt, samt entsprechenden Restaurants und Pubs.

Tremont ist so bunt wie die Geschichte des Landes

„Noch vor zehn Jahren wäre ich hier nicht hingegangen“, gibt die junge Mutter Lexi Hotchkiss offen zu. „Alles war schmutzig und total heruntergekommen.“ Heute genießt sie in der Fußgängerzone manchen Abend mit ihren Freundinnen. Sie ist es auch, die uns nach Tremont schickt. Vermutlich wegen der Einwanderergeschichte des Viertels, als sich in Tremont Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem Deutsche hier angesiedelt hatten. Der Stadtteil, der mit seinen hübschen Holzhäusern rings um einen Park an eine amerikanische Kleinstadt erinnert, liegt ein wenig außerhalb, so dass man als Tourist nicht zwangsläufig dort landet.

Zwischen Galerien und Secondhandboutiquen hat hier auch das Tremont Taphouse, eine der vielen kleinen Brauereien mit angeschlossener Gastronomie, ihren Sitz. Etwa 100 verschiedene Biere werden serviert, davon 48 vom Fass. Neben den obligatorischen Burgern, Sandwiches und Pizzas gibt es Piroggen, Tacos und „German Pretzels“. Ein Mix also, bunt wie die Einwanderergeschichte des Landes.

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