Reise : Mexiko: Im Rausch der Freiheit

Vor 200 Jahren wurde Mexiko unabhängig. Der Freiheitskampf begann in vielen Orten. Eine Route verbindet sie.

Beate Schümann
Mexiko
So wie dieser Händler in Guanajuato hoffen viele in Mexiko auf mehr Touristen. -Foto: Mauritius Images

Die Hitze ist drückend. Die lange Warteschlange vor dem Nationalpalast bewegt sich kaum. Die Sicherheitskontrollen der Wachposten dauern, immerhin ist es der Regierungspalast in Mexiko-Stadt. Doch die Leute haben Geduld, weil sie die "Murales" von Diego Rivera sehen wollen, frisch restauriert, extra für die großen Feierlichkeiten in diesem Jahr. Vor 200 Jahren begann der Unabhängigkeitskrieg, mit dem sich das Land von der spanischen Kolonialmacht befreite. In bunten Farben und naiven Formen malte Rivera im Gemäldezyklus sein Bild von der Geschichte des Landes von den Azteken über die Befreiung von Spanien bis zur Revolution an die Wand - auf 110 Quadratmetern.

Neben den Kunstinteressierten haben sich zahlreiche Drehorgelspieler versammelt. Sie orgeln mit staatlicher Lizenz, lassen ihre Leierkästen, Fabrikate von Frati & Co. aus Berlin, tönen und hoffen auf gute Gaben. Und die werden in diesem Jubiläumsjahr - in dem mehr Gäste als sonst erwartet werden - wohl reichlicher ausfallen. Dabei wird "El Grito", das Fanal zum Aufstand, erst am 15. September erschallen. Doch im Vorfeld fürs große Ereignis sind bereits Denkmäler poliert, Kirchen restauriert, Fresken aufgefrischt und Illuminationen angebracht. Auch in der historischen Altstadt von Mexiko-Stadt wird am Zócalo, dem größten Platz Südamerikas, die rötliche Vulkansteinfassade der Barock-Kathedrale, eine der ältesten und größten in Lateinamerika, gründlich gereinigt. An der Ausgrabungsstätte des aztekischen Templo Mayor verkaufen mehr fliegende Händler als sonst ihr Kunsthandwerk, indigene Medizinmänner ihre Dienste.

Mexikaner lieben es zu feiern. Und sie sind ausgeprägte Patrioten. Plakate im ganzen Land künden davon: "Orgullosamente Mexicanos" - Wir sind stolz, Mexikaner zu sein. Und weil die Revolution gegen die Diktatur vor 100 Jahren zeitgleich zu bejubeln ist, gibt es trotz der schlechten Wirtschaftslage zwölf Monate lang Fiesta. Tanzfeste, Militärparaden, Umzüge, Theaterspiele, Ausstellungen und Filme füllen den Kalender, von den normalen Blaskonzerten, Feuerwerken, Böllerschüssen und Tequila-Räuschen gar nicht zu reden. Die größte Fiesta steigt am 16. September, dem offiziellen Nationalfeiertag Mexikos.

Touristen lockt vor allem die "Ruta 2010" oder "Ruta Bicentenario". Diese Straße verbindet die Stationen der Freiheitsbewegung zu einer idealen Reiseroute, führt zu Orten, die zufällig als Perlen der Kolonialstädte im Kulturerbe der Unesco gelistet sind und nah beieinander liegen. Kaum hat man Mexiko-Stadt nach Norden verlassen, tauchen die Wegweiser zur "Ruta 2010" auf. Sie führen ins Bajío, Mexikos Kernland im gebirgigen Hochland Sierra Madre, und in gut drei Autostunden ist man in Querétaro. Im Altstadtkern zeigt die Millionenstadt ihr seit 1531 unverändertes spanisches Gesicht, einen schachbrettartigen funktionalen Grundriss mit Platz, Brunnen, Palast, Kirche und Stadtvillen.

"Wir sind die Wiege der Unabhängigkeit", sagt Raúl Mandujano Montiel, Stadtführer in Querétaro, vor dem strengen Regierungspalast an der Plaza de Armas. Im Schatten der Arkaden erzählt er die Geschichte von Josefa Ortiz de Dominguéz, mit der der Freiheitskampf 1810 begonnen habe. Und so dreht sich in Querétaro alles um die Frau des Corrigidor Miguel Dominguéz, der eine Art Landvogt war. In der Verschwörung gegen die spanische Krone übernahm Doña Josefa, "La Corregidora", eine führende Rolle. Im Hinterzimmer des Stadtpalastes versammelte sie die führenden Köpfe der Aufständischen, allesamt Großgrundbesitzer, Beamte und Offiziere. Auch in Mexiko hatten sich die Gedanken der Aufklärung und der Französischen Revolution verbreitet, und die Rebellen pochten auf ihr souveränes Recht zur Selbstbestimmung. Doch der Plan wurde verraten. Als alles aufzufliegen drohte, beschwor Josefa Ortiz de Dominguéz, sofort loszuschlagen. "Sie war die Seele der Konspiration", sagt Raúl.

"La Corregidora" schrieb einen warnenden Brief an ihre Verbündeten. Priester Miguel Hidalgo, der Kopf der Verschwörung, erreichte die Botschaft in dem kleinen Dorf Dolores. Inzwischen ist aus dem Dorf eine staubige, typisch mexikanische Kleinstadt geworden, die über eine mächtige Barockkirche, ein Hidalgo-Denkmal und über ungezählte mobile Eisverkaufsstände verfügt, kulturhistorisch aber unbedeutend ist. "Wir haben die Glocke und den Grito", sagt einer und findet, dass die "Wiege" natürlich nach Dolores Hidalgo gehört. Denn hier versammelte der Überlieferung nach Miguel Hidalgo im Morgengrauen des 16. September 1810 das Volk vor der Kirche, läutete die Glocke als Zeichen zum Aufstand und rief: "Jetzt oder nie - viva México, Tod den Spaniern!"

Die Fahrt nach San Miguel de Allende führt durch bergiges Gelände, eine Welt aus hoch gewachsenen Orgelkakteen, gelben Blumenwiesen, wandernden Schafherden und röhrenden Lkws. Bei dem Schild "Vista Panorámica" am Ortseingang hält der Bus, der Blick über die Altstadt ist beeindruckend. Der historische Kern erscheint wie aus dem Ei gepellt. Die Fassaden sind geputzt, die Bürgersteige gefegt. Alles wirkt fast ein wenig museal. Selbst die berittene Touristenpolizei tritt in der historischen Unabhängigkeitsuniform auf. "Die Amerikaner lieben das", sagt Nancy Romero vom regionalen Tourismusministerium. Und es kommen viele Touristen aus den angrenzenden Staaten Texas und Arizona, aus jenen Gebieten, die Mexiko 1848 an die USA verlor.

Den zentralen Park dominiert die rosafarbene Pfarrkirche. Eher unscheinbar steht gegenüber das Haus von General Ignacio José Allende, der die aufständischen Truppen befehligte. "Wir sind die Wiege der Unabhängigkeit", sagen die Leute von San Miguel de Allende. Schließlich wurde ihr Held hier zum Anführer der Bewegung erklärt, und hier versammelte sich am 16. September 1810 die Armee der Aufständischen.

Doch die schönste Station an der Unabhängigkeitsroute ist Guanajuato, eine Kultur- und Studentenstadt mit rund 175 000 Einwohnern. Sie liegt eingezwängt in einem Tal, und ihre bunten Häuser, Kirchen und die Universität scheinen über die Hügel zu wachsen, in deren steinigem Untergrund die Spanier einst nach Silber schürften. Der einstige Reichtum spiegelt sich in den schönen Kolonialbauten der Altstadt. Die Berge sind von den ehemaligen Minenschächten durchlöchert, so dass das düstere, labyrinthische Tunnelgewirr heute als Bestandteil des Straßenverkehrsnetzes genutzt wird.

Das Leben Guanajuatos spielt sich indessen unter dem Schattendach der Lorbeerbäume vom Jardín de la Unión ab. Cafés säumen den Platz, die prächtige Kirche, das schöne Theater, die weiße Universität, die Jugendstil-Markthalle und das Diego-Rivera-Haus liegen gleich um die Ecke. Maisfladen, frische Früchte und gegrillte Hühnchen werden verkauft, Studenten lesen, alte Menschen plauschen. Abends treten Mariachis auf, diese typischen mexikanischen Musikkapellen, die für ein paar Pesos "Bésame mucho" und andere Romantik-Klassiker spielen.

Eine Steinstatue würdigt "El Pipila", jenen Bergmann, der das Tor des Kornspeichers Palacio del Maíz anzündete, in dem sich die spanische Kolonialarmee verschanzt hatte. Doch noch war die Zeit der Unabhängigkeit nicht gekommen. Die Spanier setzten die Rebellen fest, verurteilten sie und richteten sie 1811 hin. Die abgeschlagenen Köpfe der Anführer spießten sie zur Abschreckung auf dem Dach des Kornspeichers auf.

Zehn Jahre später, mit der Proklamation der Unabhängigkeit, wurden den Helden posthum alle möglichen Ehrungen und zahlreiche Denkmale zuteil. Die Glocke aus Miguel Hidalgos Pfarrkirche in Dolores wurde abmontiert und über dem Eingang des Nationalpalastes platziert. Am Nationalfeiertag läutet Mexikos Präsident die Glocke und lässt den "Grito" von neuem erschallen: "Viva México!" _______________

TIPPS FÜR MEXIKO

ANREISE
Zum Beispiel Mitte April mit Iberia ab Berlin über Madrid nach Mexico-City, Preis: ab 510 Euro; mit KLM: Berlin-Amsterdam-Mexiko-Stadt ab 630 Euro oder mit Lufthansa über Frankfurt am Main ab 915 Euro. Preise gefunden bei www.de.kayak.com

Mietwagen: ab 181,05 Euro für eine Woche ( www.billiger-mietwagen.de )

UNTERKUNFT

In Querétaro: Casa de la Marquesa ( www.lacasadelamarquesa.com ); kleines Boutiquehotel in historischem Ambiente. Doppelzimmer mit Frühstück ab 180 US-Dollar (etwa 140 Euro)

In San Miguel de Allende: Hacienda Santuario Centro ( www.haciendaelsantua rio.com); ein Spa- und Golfhotel, Doppelzimmer ab 150 Euro

Best Western Hotel Monteverde Express ( www.bestwestern.com ); zentral gelegen, koloniales Ambiente, Doppelzimmer mit Frühstück ab 64 Euro

In Guanajuato: México Plaza Guanajuato ( www.mexicoplaza.com.mx ); Boutiquehotel, Doppelzimmer ab 94 Euro

VERANSTALTER

Eine Busrundreise auf der "Ruta de la Independencia" organisiert America Unlimited (Telefon: 05 11 / 37 44 47 52, www.america-unlimited.de ). Neun Tage ab Mexiko-Stadt rund 1200 Euro

AUSKUNFT

Mexikanisches Fremdenverkehrsbüro, Taunusanlage 21, 60325 Frankfurt am Main; Telefon: 008 00 / 11 11 22 66 (gebührenfrei); www.visitmexiko.com

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