Rocky Mountains : Skifahren wie auf Watte

Die Rocky Mountains bieten Skifahrern pudrigen Naturschnee. In Utah ist er zu testen – täglich auf anderer Piste.

Uwe Jean Heuser, Bernd Loppow

Das Beste kommt zum Schluss. Man merkt es sofort. Beim ersten Schwung. Ob er hält. Ob sich dieses unvergleichliche Gefühl einstellt. Als ob man schwebt. Schwerelos im Schnee. Und er hält: den ersten Schwung nach rechts, den zweiten nach links, bis zu den Knien im weichen Weiß, nur die Skispitzen schauen heraus, geben die Richtung vor. Skifahren wie in den Wolken: Rechts, links, rechts, links. Zehn, zwanzig, fünfzig Schwünge purer Genuss, dann sind wir unten. Wir klatschen uns ab, drehen uns um, schauen nach oben in den blauen Himmel: Zwei gleichmäßige Spuren im Schnee. Nun ja, fast gleichmäßig ... Yes! Deshalb sind wir gekommen, sind wir fast zwanzig Stunden von Europa unterwegs gewesen. Hierher. In die Berge von Utah.

Wir sind auf der Suche nach dem besten Schnee der Welt. Hier soll er angeblich fallen. Anderthalb Meter Neuschnee in zwei Tagen – keine Seltenheit, berichtete ein Reisender. Und ganz leicht. Dafür gibt es eine wissenschaftliche Erklärung: Weil der Große Salzsee von Utah den vom Pazifik kommenden Schneewolken, die vorher schon die Wüste überquert haben, auch noch die letzte Feuchtigkeit entzieht, rieseln hier in eiskalten Nächten besonders lockere, federleichte Flocken hernieder. Und das in riesigen Mengen: Bis zu 20 Meter Schneefall haben die Meteorologen in der Saison schon gemessen. „Welcome to the Greatest Snow on Earth“, lautet der Lockruf der Tourismuswerber im Mormonenstaat. Könnte wirklich sein.

Gleich nach der Landung am Großen Salzsee in Salt Lake City hatte Rich uns in seinen Geländewagen verfrachtet. Seine Hiobsbotschaft traf uns schwer: „Seit zwölf Tagen hat es nicht mehr geschneit“, sagt unser Begleiter, das habe es im Winter schon seit zig Jahren nicht gegeben. „Macht euch keine Sorgen, wir finden schon was. Um acht hole ich euch morgen früh ab!“

Utah, 45. Staat der USA, 2,5 Millionen Einwohner, davon mehr als die Hälfte Mormonen und mehr als ein Zehntel deutschstämmig, ist eine Region des Widerspruchs. Die Religion ist traditionalistisch, der Staat als Standort für die Luftfahrtindustrie und den Tourismus hochmodern. Konservative Politiker haben hier leichtes Spiel, doch liberale Naturfreunde von der Ostküste finden hier ihre Spielwiese. Das Steppenklima sorgt für warme Sommer und kalte Winter. In einem Halbkreis östlich um Salt Lake City reihen sich die Wasatch Mountains, die Skiberge Utahs aneinander. In höchstens anderthalb Stunden ist jedes der knapp ein Dutzend Skigebiete mit dem Auto zu erreichen.

Pünktlich steigen wir nach kurzer Nacht zu Rich ins Auto. „Powder Mountain“ heißt das heutige Ziel wie eine Verheißung, was soll da schiefgehen? In immer engeren Kurven geht es im Seitental bergauf. Die Straße ist so steil, dass man sie nach heutigen US-Gesetzen gar nicht mehr bauen dürfte. An Neuschneetagen, sagt Rich, kämen viele mit ihren Autos gar nicht herauf. Das ist heute nicht unser Problem. Die Sonne scheint vom wolkenlosen Himmel. Doch dann, zwölf Kurven später: tatsächlich. Weiße Hänge. Wald, auf dem schwer der Schnee lastet.

„Mal sehen, ob wir noch frischen Pulverschnee für euch finden“, sagt John. Wir setzen uns zu unserem graubärtigen Skiscout für diesen Tag in den Sessellift. Oben blicken wir über das nur von wenigen und nicht gerade den modernsten Liften erschlossene, flächenmäßig größte Skigebiet der USA. Nach allen Seiten öffnen sich spektakuläre Abfahrten namens Geronimo, Tomahawk oder Quickshot, die an Tiefschneetagen wohl allen Spaß der Welt bereithalten. Und heute?

Eine kurze Fahrt in einem Kettentaxi später stehen wir kurz unterhalb des Cobabe Peak an einer bewaldeten Kante. „Hier hinunter“, sagt John durch seinen Bart. „Ihr zuerst, ihr seid die Gäste.“ Zwischen zwei großen Bäumen hindurch und dann hinunter über den flacher werdenden breiten Hang. Der Schnee hält, begeistert lassen wir uns in die Schwünge fallen, suchen unsere eigene Route zwischen den Baumstämmen und den Sträuchern hindurch. John hat einen unberührten Hang für uns gefunden. Es sollte nicht der einzige bleiben. Auch Johns Frau Helene, die später dazustößt, hat noch einige Geheimtipps. Ein großartiger Auftakt, auch wenn wir nicht bis zur Hüfte im endlosen Weiß versunken sind.

So sitzen wir abends froh und mit einem Drink in der Hand mit unseren neuen Skifreunden vor dem Bollerofen. Helene, John und Rich sind drei der vielen Zugereisten zwischen fünfzig und Mitte sechzig, die ihre Liebe zum Skifahren mit dem Traum vom Leben in der Natur verbinden. Die neu anfangen nach einem langen Arbeitsleben. Rich kam vor ein paar Jahren mit seiner Frau aus Minnesota hierher, wo er als Ingenieur in der Flugzeugindustrie gearbeitet hat. John war U-Bootingenieur, bevor er hier mit der ehemaligen Investmentexpertin Helene vor Anker ging, die den Naturschutzbund in der Gegend leitet. Alle drei führen zwei Tage die Woche Ortsunkundige über den Powder Mountain. Sie haben sich unten im Dorf preiswerte Häuser gekauft und bilden eine lokale Gemeinschaft abseits der alteingesessenen Mormonen, die gerne für sich sind.

Powder Mountain ist kaum bekannt, Park City, Austragungsort eines Teils der Alpinwettbewerbe bei den Olympischen Winterspielen 2002, dafür umso mehr. Bloß, im Zentrum des Skifahrens in Utah gibt es keinen Fitzel Neuschnee. Dort, wohin jedes Jahr im Februar der Jetset zum Sundance Filmfestival zieht, sind die Abfahrten morgens steinhart, und mittags werden sie in der fast zehn Grad warmen Sonne sulzig. Zum Glück haben wir J. R., ja, er heißt wirklich so. Er war erst Pilot bei der Navy, dann bei UPS. Heute kümmert sich der 61-Jährige um seine Geldanlagen und zeigt einmal in der Woche den Touristen, wo es langgeht auf den Pisten. Sonst macht er wenig Worte, zeigt höchstens mal auf die eingefallenen Holzhütten der ehemaligen Silberminen, derentwegen Park City vor 150 Jahren entstand.
Wir erkunden das Tal. Dear Valley zum Beispiel, den Reichenort gleich neben Park City, der einen Zaun zwischen die Skigebiete gezogen hat, damit die Snowboarder von drüben ihnen nicht ihre perfekt planierten Pisten kaputt fahren. Direkt neben den Abfahrten ziehen sich Millionen Dollar teure Ferienvillen wie an einer Perlenschnur bergab. Sie gehören Filmstars, Unternehmern und anderen vermögenden Menschen und sind nur wenige Wochen im Jahr bewohnt. Jetzt steht alles leer, wir haben die Liegestühle auf der Sonnenterrasse des Sternerestaurants fast für uns allein.

Utah lässt sich auch ohne Neuschnee genießen. Wir erfreuen uns an steilen Abfahrten durch Waldschneisen, und einmal erschaudern wir auch. Als nämlich J. R. uns sein Abschiedsgeschenk präsentiert: die „Jupiter“-Abfahrt. Sie liegt auf dem hintersten Gipfel des Skigebietes. Ein Nordhang. Schmal und fast senkrecht. J. R. fährt hinein, wir hinterher. Schwung um Schwung wächst das Vertrauen. Wie wäre das erst hier oben, wo es laut J. R. immer einsam ist, im Tiefschnee? Egal, wenig später stoßen wir in einem Saloon von Park City mit schäumendem Bier auf die Tage in Park City an. J. R., du warst unsere Rettung!

Am nächsten Morgen hat unser Glück erneut einen Namen: Brian, 30, schmal, die Haare kurz. Er kommt aus der kriselnden Autostadt Detroit, ein Urlaub in Snowbird machte ihn süchtig nach dem Schnee. Heute ist er Barkeeper im Tram Club, der Kneipe unten an der Seilbahn. Für einen kostenlosen Saisonskipass verdingt er sich einen Tag pro Woche als Führer. Kurz unterhalb der 3350 Meter hohen Spitze des Hidden Peak horcht er in sein Funkgerät. „Wartet!“ In fünf Minuten werde die „Road to Provo“ öffnen, sagt er, ein bisher abgesperrtes riesiges Areal. Die Nachricht hat sich schnell herumgesprochen. Wie die Heuschrecken kommen Gruppen von Tiefschneefreaks herbei. Dann ist die Straße nach Provo offen, wilde Burschen drängeln sich unter massivem Ellenbogeneinsatz an uns vorbei. Adrenalin pur. „There are no friends on a powder day – es gibt keine Freunde an einem Tiefschneetag“, sagen sie hier. Nur die Droge Schnee.

Wir suchen unsere eigene Route. Skifahren wie auf Watte. Immer schneller lassen wir es laufen, rauschen in weiten Bögen durch den Pulverschnee. „Brian, noch mal bitte“, sagen wir. Doch wir fahren ins „Mineral Basin“, einen breiten, verschneiten Talkessel, in dem wir uns lange aufhalten – wunderbar. Dann erhaschen wir um kurz vor vier die letzte Seilbahn. Eine haarsträubende Traverse, und dann ist da gleich unterhalb der Felsen ein weiterer steiler Tiefschneehang, der nur auf uns zu warten scheint. Doch Brian sagt „Halt, schaut euch mal um!“ Direkt über uns glitzern überhängende Felsen in der Abendsonne, und nach links unten erstreckt sich das Tal bis hin zur Ebene von Salt Lake City. Die Felsspitzen gegenüber ziehen eine gezackte Linie in den Nachmittagshimmel. Man versteht, warum Brian hier nicht wieder weg will. Dann reihen wir Bogen an Bogen auf der letzten Abfahrt des Tages. Unten im Tram Club reicht uns Brian kühle Drinks, zwei Gitarristen spielen Country Musik. So soll es sein.

Das Beste zum Schluss. Alta, das Gebiet oberhalb von Snowbird. Es hat weiter geschneit in der Nacht. Die Sonne scheint, es ist klirrend kalt, Schneekristalle flirren durch die Luft. Wir fahren hinauf in alten, bügellosen Sesselliften, und vor uns entfaltet sich das Gebirge in mehreren bewaldeten Hügelketten, begrenzt von drei Bergkämmen, die einen spektakulären Abschluss bilden. Bergwächter haben Lawinen mit kleinen Sprengsätzen abgeschossen, jetzt ist der Weg frei ins Tiefschneeparadies – Devil’s Castle.

Einige, die es nicht abwarten können, stürzen sich gleich in den Tiefschnee, dort, wo es nicht so steil und kein weiterer Aufstieg mehr notwendig ist. Aber wir suchen die perfekte Abfahrt, steigen weiter unterhalb der schroffen Felsen entlang, die Schlange der Skifahrer lichtet sich. Und schließlich, nach einem letzten Anstieg, stehen wir fast am Ende des Gebietes, über uns und neben uns nur Felsmauern. Niemand ist mehr vor uns. Wir rasten einen Moment. Dann der erste Schwung, der zweite ... Schwerelosigkeit. Besser geht es nicht als in diesem Moment, als in diesem Schneeloch, wo die Sonne erst mittags hinkommt. Ein Schwung folgt dem nächsten. Eine Minute, vielleicht zwei. Dann noch ein Hang und noch einer. Die Suche ist zu Ende.

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ANREISE

Ab Berlin-Tegel mit Air France/Delta über Paris nach Salt Lake City, im Januar ab 610,52 Euro für die zeitlich schnellste Verbindung (15 Stunden).

Ein Mietwagen für eine Woche ab Flughafen Salt Lake ist ab 157 Euro zu haben (www.billiger-mietwagen.de).

EINREISE
Vor dem Flug in die USA die Webseite https://esta.cbp.dhs.gov/esta/ besuchen und die elektronische Reiseanmeldung ausfüllen (Kosten: 14 US-Dollar).

UNTERKUNFT
Im Columbine Inn, einem Hotel im Skigebiet Powder Mountain mit dazu gehörigen Ferienwohnungen, kostet das Hoteldoppelzimmer ab 110 Dollar, eine Wohnung für bis zu sieben Personen 270 Dollar pro Nacht (Powder Mountain, Telefon: 001 / 801 / 745 14 14, Fax: 001 / 801 / 745 63 14, Internet:

columbineinn@powdermountain.com).

SKIGEBIETE

Vom Flughafen Salt Lake City sind die Skigebiete Alta, Snowbird sowie Brighton und Solitude binnen 45 Minuten erreichbar. Für alle gilt der Utah Super Pass (64 Dollar, ein Tag). Neben Lifttickets ist auch der Bustransfer enthalten. Powder Mountain ist in etwa einer Stunde erreichbar. Tagespass 59 Dollar.

AUSKUNFT
Utah Tourism, c/o Get It Across Marketing, Neumarkt 33, 50667 Köln; Telefon: 02 21 / 233 64 06, Internet: www.utah.travel, www.goutah.de

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