Tina Turners Heimatstadt : Talent hat Wurzeln

Nutbush ist ein Kaff am Highway 19 in Tennessee. Tina, dort geboren, hat dem Ort ein Lied geschenkt.

Tom Noga
Energiebündel. Tina Turner 2003 in New York. Am kommenden Mittwoch wird die Popgröße 75 Jahre alt.
Energiebündel. Tina Turner 2003 in New York. Am kommenden Mittwoch wird die Popgröße 75 Jahre alt.Foto: Mark Mainz/Getty Images/AFP

Die 19 ist kein mythenumranktes Asphaltband wie Route 66 oder Highway 61, die „Straße des Blues“, der Bob Dylan ein ganzes Album widmete. Die 19 beginnt im Nirgendwo in der Nähe von Brownsville, einer Kleinstadt im Westen Tennessees. Sanft fällt hier das Land ab, von den bewaldeten Hügeln der Appalachen bis zum Sumpf- und Schwemmland des Ol’ Man River. Baumwollsträucher wogen im Herbstwind – ein Meer aus Grün und Weiß. Wie viele Straßen im tiefen Süden der USA ist auch die 19 als Verbindung zwischen Plantagen entstanden – „when Cotton was King“, als das gesamte Wirtschaftssystem an der Baumwolle hing.

Ihre popkulturelle Bedeutung verdankt die 19 einem der wenigen Orte, durch die sie führt. Einem Kaff mit gerade mal 260 Seelen, dessen Name sich von den Nussbäumen und Sträuchern ableitet, die hier wild wachsen. Nutbush ist der Heimatort von Tina Turner; in „Nutbush City Limits“, ihrem Hit aus dem Jahr 1973, hat sie ihn besungen: „Church house, gin house, school house, outhouse. On highway number 19, the people keep the city clean.“ Michael Anthamattan grinst. Außenklos sind in Nutbush längst ein Relikt der Vergangenheit.

Auch Schule und Kneipe existieren nicht mehr. Bliebe die Kirche. Oder besser: die Kirchen. Beide nennen sich Woodlawn Baptist Church, die eine wird von Afroamerikanern besucht, die andere von Weißen. In Tennessee galten bis 1964 die sogenannten Jim-Crow-Gesetze, die eine Trennung der Rassen vorschrieben. Im Film „What’s love got to do with it“, der auf der Turner-Autobiografie „I, Tina“ basiert, wundert sich die junge Musikerin nach ihrem Umzug gen St. Louis, oben in Missouri, dass Schwarze und Weiße dort ein und dasselbe Restaurant besuchen, ja sogar gemeinsam an Tischen sitzen.

Im Gemischtwarenladen trafen sich früher die Fans

„Tina Turner ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie man Widrigkeiten überwindet“, sagt Michael Anthamattan, „wie man sich selbst treu bleibt, seinen eigenen Weg geht, und zwar mit Stil, Anstand und Würde.“ Seine Sicht auf die Sängerin muss man nicht teilen, denn Tina Turner ist, wie wir wissen, lange den Weg eines anderen gegangen, den von Ike Turner. Mit ihm, einem der großen Irren der Popgeschichte, war sie 16 Jahre lang verheiratet, er zog bis zur Trennung im Jahr 1976 die Fäden ihrer Karriere und verprügelte sie, wann immer ihm danach war.

Flagg Grove School: Tina Turners Grundschule
Flagg Grove School: Tina Turners GrundschuleFoto: Tennessee Tourism

Aber Michael ist Fan, ein großer, und als solcher darf er sein Idol natürlich überhöhen. Seit einer gefühlten Ewigkeit besucht er Nutbush, mehrmals im Jahr, meist mit Gleichgesinnten. Weil er sich seinem Idol hier so nah fühlt. Er ist durchs Fenster in die Flagg Grove School geklettert, Tina Turners Grundschule, als das kleine Holzhaus noch auf einem Feld stand und als Heuschober genutzt wurde. Heute ist es Teil des Heimatmuseums von Brownsville, dem West Tennessee Delta Heritage Center. Fans wie Michael haben Sammlerstücke gespendet, Tina Turner selbst ein paar Bühnenkleider.

Früher haben sich die Fans im Gemischtwarenladen in Nutbush getroffen, einem windschiefen Holzbau, der einmal weiß war, an dessen Sparren aber längst die Farbe abblättert. Überm Eingang ein Schild: „Welcome to Nutbush, Tennessee – Birthplace of Tina Turner“. Aber das Geschäft ist seit langem geschlossen. Dieses Nutbush hat sich schwergetan mit seiner berühmtesten Tochter. Kein Wunder, schließlich hat Tina Turner ihrer Heimat schon mit 16, nach dem Tod ihrer Großmutter, den Rücken gekehrt hat. Und in „Nutbush City Limits“ das Bild eines Städtchens gezeichnet, in dem das Leben im monotonen Rhythmus verläuft: unter der Woche wird geackert, freitags eingekauft und sonntags geht’s in die Kirche.

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