USA : Panorama in der Linkskurve

Zehn Meter lang, sechs Tonnen schwer: Es ist nicht ganz einfach, ein Wohnmobil durch den Westen der USA zu steuern – aber purer Landschaftsgenuss.

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Die Lady mit dem schicken Jaguar- Coupé erreicht den Aussichtspunkt im selben Moment wie wir. Während uns das Panorama für einen Augenblick den Atem verschlägt, hat sie nur Augen für uns: „Seit Ewigkeiten frage ich mich, wie so ein Wohnmobil eigentlich eingerichtet ist. Lässt sich darin ein Urlaub verbringen? Ach, vielleicht dürfte ich mal …“ Während die Unbekannte unser Gefährt erkundet, können wir noch immer kaum glauben, was wir sehen: 300 Meter unter uns ruht der beinahe absurd tintenblaue See im Krater eines vor knapp 8000 Jahren explodierten Vulkans.

Crater Lake. Der einzige Nationalpark im Bundesstaat Oregon, mit 600 Metern der tiefste See der USA – und dabei einer der höchstgelegenen. Stundenlang ist unser „Motorhome“ bergauf geschnauft bis hierher auf 2200 Meter, wo sich heute der scharf gezackte Rand des Vulkankegelstumpfes befindet. Was damals in die Luft flog, bedeckt heute weite Flächen in Amerikas Nordwesten.

Die Jaguar-Frau ist begeistert, als sie wieder aussteigt: „Ihr habt ja eine komplette Küche und ein richtiges Schlafzimmer da drin.“ Sie verleiht unserer Fuhre das Prädikat „awesome!“, was ungefähr „der Hammer!“ bedeutet. Was sie nicht weiß: Der weiße Riese – zehn Meter lang, sechs Tonnen schwer – klingt wie ein Kraftwerk, fährt sich auf holprigen Straßen wie ein Räumfahrzeug und säuft wie ein Spaceshuttle. Außerdem ging in Linkskurven oft der Geschirrschrank auf, bis wir ihn zugebunden haben. Und bei einer Schotterpistentour bekamen wir trotz geschlossener Fenster einen sandigen Geschmack auf der Zunge und einen hellgrauen Film auf allen Oberflächen. Doch all das ist verziehen und vergessen, sobald es Nacht wird. Aber bis dahin haben wir noch Zeit.

Der Jaguar röhrt von dannen, wir schaukeln die Panoramastraße um den Crater Lake entlang. Die 50 Kilometer und fast ebenso vielen Aussichtspunkte beschäftigen uns den Rest des Tages. Wenn es gelingt, einmal den Blick vom See mit seinen beiden Inseln zu lassen, schweift das Auge in der trockenen Spätsommerluft hundert Kilometer weit über die Bergkuppen und Nadelwälder. Sie wirken so unberührt, als habe sie nie ein Mensch betreten. Tatsächlich ist es erst gut 200 Jahre her, dass die von Präsident Jefferson entsandten Offiziere Meriwether Lewis und William Clark in einer mehr als zweijährigen Expedition als Erste auf dem Landweg den Pazifik erreichten. Goldsucher, Glücksritter und Siedler folgten. Der Nordwesten wurde besiedelt, aber er blieb wild. Und wir sind mittendrin.

Seit drei Wochen sind wir unterwegs. Angefangen vom Olympic National Park am Nordwestzipfel der USA, wo Moose wie wirres Haar von den Bäumen im Regenwald hingen. Die jährliche Niederschlagsmenge wird dort nicht in Zoll, sondern in Fuß gemessen. Wir sind durch bodenlos erscheinende Wanderdünen an der Pazifikküste gestapft, wie Däumeling und Däumelinchen unter 80 Meter hohen Mammutbäumen spaziert, haben im Yosemite Park die Schleifspuren der Gletscher auf den Granitfelsen bestaunt und in Nordkalifornien eine in Wälder gebettete, schwefelgelb dampfende Mondlandschaft namens „Lassen Volcanic National Monument“ durchwandert. Magische Orte, die ihren ganzen Zauber am Morgen und am Abend entfaltet haben – dann nämlich, als wir sie fast für uns allein hatten, weil die anderen mit ihren Autos weitermussten, zu ihren Nachtquartieren.

Wir wählen einen Campingplatz in den Wäldern nahe dem Crater Lake. Er bietet das Nötige, nämlich Strom und Wasser. Wir hätten auch beides an Bord, aber so ist es komfortabler, weil keine Tanks gefüllt oder geleert werden müssen und wir die Ruhe nicht mit dem Lärm des Stromgenerators entzaubern. Nach Abendbrot und Borddusche werfen wir durchs Dachfenster noch einen Blick auf die Milchstraße, die mehrspurig über den Baumwipfeln glimmt.

Die klare Nacht war kalt. Während wir im Fahrzeug frühstücken, macht es draußen „plopp“: Der eingefrorene Wasseranschluss ist beim Auftauen vom Hahn gesprungen, vor dem Wohnzimmerfenster erscheint eine Fontäne. Zehn Minuten später hat die Morgensonne den Schlauch so weit aufgetaut, dass wir ihn aufwickeln und losfahren können. Und als wir eine Stunde später unterwegs die baumhoch aufgetürmten Zungen aus kahler, rabenschwarzer Lava neben der Landstraße erklimmen, ist schon wieder Sommer.

Je weiter wir landeinwärts rollen, desto stärker dominiert das leuchtende Goldgelb des von der Sonne gegerbten Graslandes. Sanfte Hügel, weite Blicke und nur selten eine menschliche Behausung. Dafür Naturschätze, die wohl nur aufgrund ihrer Abgeschiedenheit bisher nicht berühmt sind: „Painted Hills“, die bemalten Berge. Die komplette Tuschkastenpalette breitet sich auf ihnen aus. Inmitten der Hochsteppe liegen völlig kahle Hügel frei, die weiß, gelb, grün, ocker oder rostrot leuchten. Manche sind sogar rot-grün gestreift. Ein Wanderweg führt hindurch; Schilder erklären in einfachen Worten alles Wissenswerte. Die bemalten Berge haben ihre Farben den unterschiedlichen Verwitterungsgraden eisenhaltiger Gesteine zu verdanken – je nachdem, in welchem Stadium Wind und Wetter sie einst freigelegt haben.

Beim Berühren fühlt sich der Stein an wie Popcorn. Betreten ist strengstens verboten, weil hier jeder Fußabdruck für Jahrzehnte bliebe. Die Hinweisschilder beginnen mit dem Satz: „Auch wenn die Verlockung groß ist …“ und verzichten dafür auf die von zu Hause gewohnten Ausrufezeichen und Paragrafen. Es funktioniert anscheinend – der einzig erkennbare Verstoß stammt von einem offenbar des Lesens unkundigen Fuchs.

Vielleicht kommt er ja am Abend wieder vorbei. Wir beschließen, hier auf ihn zu warten. Außer uns ist niemand da. Und wir sind kein bisschen neidisch auf die Lady im Jaguar.

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