Wo die wilden Kerle wohnen : Rollende Hügel und rollende Fässer

Kentucky ist die Heimat des Bourbon-Whiskey – und bietet neben Destillerien viel Natur und herrschaftliche Anwesen.

Tom Noga
Wo die wilden Kerle wohnen. Irgendwo in dieser grünen Landschaft verbergen sich viele trinkfeste Typen.
Wo die wilden Kerle wohnen. Irgendwo in dieser grünen Landschaft verbergen sich viele trinkfeste Typen.Foto: Alamy

An Frankfort, der Hauptstadt Kentuckys, ist alles klein. Die Backsteinhäuser, die selten mehr als vier Stockwerke zählen. Die Innenstadt, die gerade mal aus ein paar Straßenblöcken besteht. Nicht zuletzt die Einwohnerzahl: 25.000 Menschen leben hier.

Nur ein neoklassizistischer Backsteinbau fällt aus dem Rahmen, sandfarben, mit Erkern, Zinnen und Säulen, einer Kuppel mit Glockenturm oben drauf und einem Park drum herum. „Das alte State Capitol“, sagt Ken Norton, während er vor eine Statue stehen bleibt. Sie stellt William Goebel dar, der im Januar des Jahres 1900 nach nur vier Amtstagen als Gouverneur des Staates Kentucky genau hier einem Attentat zum Opfer fiel, verübt von politischen Gegnern. Die Statue erinnert dran, wie rau es in Kentucky lange zugegangen ist.

Ken Norton ist Anwalt von Beruf und Genussmensch aus Leidenschaft. Ein Mann mit widerspenstigen, grau melierten Haaren, in Jeans und Polohemd. Ken setzt sich auf eine Holzbank vor Aenna’s Grill auf der St. Clair Street, Frankforts Vergnügungsmeile. Die ist gerade mal 200 Meter lang. Dafür reiht sich hier Kneipe an Kneipe. Vor allen stehen Tische und Stühle auf dem Bürgersteig, alle sind gut besucht. Ken ordert einen Woodford Reserve Double Oaked, einen, wie er es ausdrückt, „besonders eleganten Bourbon aus der Gegend um Frankfort“.

Lawrenceburg ist Heimat von Wild Turkey

Als der Kellner den Whiskey bringt, schwenkt Ken das bauchige Glas gegen das Licht. Keine Schliere trübt die bernsteinfarbene Flüssigkeit. Sie duftet nach Vanille und roten Früchten und bietet einen Nachgeschmack von Nelken, Zimt, Pfeffer und Orangen. „Unglaublich, was der Brennmeister aus Getreide und Quellwasser gemacht hat“, schwärmt Ken Norton, „Mehr darf ein Bourbon nicht enthalten, nur Wasser und drei Sorten Getreide.“

Genau genommen muss der Getreide-Mix zu mindestens 51 Prozent aus Mais bestehen. Das verlangt ein Reinheitsgebot, das auf Betreiben der Brennereien Mitte der 60er Jahre durch den Kongress gepaukt worden ist. Es definiert Bourbon als „America’s Native Spirit“, als wahrhaft amerikanische Spirituose, der in nur in nagelneuen Fässern aus Eichenholz reifen darf – einmal gebraucht werden sie nach Europa verkauft, meist nach Schottland, wo sie bei der Herstellung von Scotch zum Einsatz kommen.

95 Prozent des weltweit hergestellten Bourbons kommen aus dem Bluegrass-Staat Kentucky – so benannt, weil die Weiden hier im Frühjahr blaugrün blühen. Am Stadtrand von Frankfort, in einem Backsteinkomplex in einem Eichenwäldchen, wird Buffalo Trace gebrannt, die in den letzten Jahren meist prämierte Spirituose der USA.

Die Nachbarstadt Lawrenceburg ist Heimat von Wild Turkey, einem Bourbon, der ursprünglich nur als Privatabfüllung bei der Truthahnjagd kredenzt wurde – daher der Name. Und in Versailles – sprich: Where-Sails – wird Woodford Reserve gebrannt. Versailles ist ein Refugium für Milliardäre. Grüne Weiden erstrecken sich über sanft fließende Hügel, die für den amerikanischen Süden typischen Rolling Hills, gesäumt von blütenweißen Zäunen. Vereinzelt Häuser, genauer: herrschaftliche Anwesen, gern inspiriert von Schloss Versailles, dem Prunk- und Protzbau des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV.

"Bourbon war das Zahlungsmittel der Siedler"

Die wahre Heimat des Bourbons ist Bardstown, ein Nest mit rund 11.000 Einwohnern und fünf Brennereien in der Stadt selbst und weiteren 15 im Umland. Von weltweit bekannten wie Jim Beam, über Insidertipps wie Willett bis zu ambitionierten Newcomern wie Limestone.

Auf der Main Street in Bardstown dreht sich alles um Whiskey. Die Süßwarenläden verkaufen Bourbon-Pralinen und Kekse, die Köche der Restaurants würzen ihre Speisen damit.

Robert Llewellyn, den alle nur Bob nennen, ist Historiker, ein großer, sehniger Mann mit randloser Brille, und seit vielen Jahren mit Ken Norton befreundet. Bob blickt von einem Hügel in Bardstown auf ein Museumsdorf aus dem 18. Jahrhundert. Die Holzhütten, alles Originale, stehen dicht an dicht im Kreis. So konnten sich die Bewohner besser verteidigen. Kentucky war damals noch Grenzland, ein Teil des Wilden Westens. Immer wieder gab es Scharmützel mit Indianern.

Bob öffnet eine Tür. Die Hütte ist bescheiden, fensterlos, die Holzbalken sind mit Lehm abgedichtet. Eine Leiter führt auf den Dachboden – dort hat die Familie geschlafen. Unten Tisch und Stühle, ein Kaminofen. Und ein primitiver Destillationsapparat. „Das Gerät stand draußen, darunter brannte ein Feuer“, erläutert Bob. „Durch Kupferrohre ist der gebrannte Whiskey in ein Fass gelaufen. Bourbon war das Zahlungsmittel der Siedler. Geldscheine gab es hier kaum, Gold hatte sowieso niemand, dazu waren die Leute zu arm. Bourbon wurde an den Devisenmärkten sogar offiziell als Währung gehandelt, für diesen Teil der Welt jedenfalls.“

Die Talbott Tavern in Bardstown ist ein historisches Gebäude aus Quadersteinen mit burgunderroten Fensterläden. Es wurde 1779 erbaut und ist damit das älteste in Kentucky. Präsident Abraham Lincoln hat hier übernachtet und der französische Thronfolger Louis-Philippe, bevor er von 1830 bis 1848 als Letzter aus dem Geschlecht der Bourbonen König von Frankreich werden sollte. Auf das französische Königshaus geht auch die Bezeichnung Bourbon zurück.

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