"Yukon Quest" : Das Heulen der Huskys

Der „Yukon Quest“ gilt als das härteste Hundeschlittenrennen der Welt. In diesem Jahr führt es von Fairbanks in Alaska nach Whitehorse in Kanada. Touristen können nicht mitmachen. Aber an vielen Orten Beobachter der rasenden Gespanne sein.

Marc Vorsatz
Ab durch die Mitte! Wie zu Zeiten der Pioniere ziehen Husky-Gespanne durch die weißen Wüsten des Yukon und Alaskas. Aus Spaß am Wettbewerb nehmen harte Männer auch Schmerzen in Kauf.
Ab durch die Mitte! Wie zu Zeiten der Pioniere ziehen Husky-Gespanne durch die weißen Wüsten des Yukon und Alaskas. Aus Spaß am...Foto: shutterstock

Es klang fast so, als ob die Saite einer Violine gesprungen sei.“ Hans Gatt erinnert sich genau. „Dieser metallische Ton hallte dann noch ewig in meinem Kopf nach, und ich konnte den Haarriss unter meinem Schlitten förmlich spüren.“ Dann ging alles ganz schnell. Knacken, Krachen, Eis bricht. Zunächst versinkt der Schlitten mitsamt Führer und Gepäck im Birch Creek. Dann gibt das Eis auch unter den angeschirrten Huskys nach. Irgendwann stoßen die Kufen endlich auf meterdickes Eis. Glück im Unglück auf dem sogenannten Yukon Quest, das als das härteste Hundeschlittenrennen der Welt gilt und von Fairbanks in Alaska nach Whitehorse in Kanada führt – und so manche Tücken birgt.

Das war also einer dieser tückischen Overflows. Dünn überfrorenes Strömungswasser, versteckt unter Neuschnee. Der Austro-Amerikaner Hans Gatt steckt bis zum Hals im Wasser. Viel Zeit bleibt dem Hundeschlittenführer nicht. Nach vier, fünf Minuten verliert selbst ein abgehärteter Musher, also ein Hundeschlittenführer, bei einer Wassertemperatur um den Gefrierpunkt das Bewusstsein. Irgendwie kämpft sich der mehrfache Yukon-Quest-Champion aufs feste Eis zurück, zieht Hunde und Schlitten aus dem Loch. Die Quecksilbersäule zeigt bitterkalte minus 48 Grad, die Feuerzeuge sind unbrauchbar, die Kleidung sofort stocksteif gefroren.

Seine Huskys haben es da besser mit ihrem dichten Fell. Sie schütteln sich einmal kräftig, und das war’s. Gatt hingegen zieht sich Erfrierungen dritten Grades an seinen Fingern zu, wird kurze Zeit später das Rennen quittieren müssen.

Die Fans haben es bequemer

Es hätte noch viel schlimmer kommen können, doch der Mittfünfziger hatte allem Anschein nach einen nordischen Schutzengel. Einer seiner stärksten Konkurrenten, der Deutsch-Kanadier Sebastian Schnülle, kommt zur Unglücksstelle, macht sofort Feuer und versorgt den Österreicher mit trockener Kleidung. So eine Hilfe ist selbstverständlich in Alaska und im Yukon, auch wenn sie dem gebürtigen Wuppertaler Schnülle in diesem Fall den Sieg kosten wird.

Jahr für Jahr spielen sich ähnlich dramatische Szenen ab beim „härtesten Hundeschlittenrennen der Welt“, wie der Yukon Quest auch genannt wird. Genau deshalb zieht er sowohl Musher als auch Urlauber mit Sinn für das Besondere in seinen Bann.

Die eingefleischten Fans haben es indes weit bequemer als die Teilnehmer am Rennen. Denn die Zuschauer fahren in kleinen Konvois mit geländetauglichen Allradfahrzeugen zu den sogenannten Checkpoints. Es sei denn, sie versuchen sich auch mal selbst als Schlittenführer auf einer der umliegenden Ranches, die oft auf Gäste eingestellt sind und mal mehr, mal weniger rustikale, immer jedoch nicht ganz preiswerte Unterkünfte anbieten.

Zuerst werden die Hunde versorgt

Die Feuerwache im amerikanischen Circle City, ganz in der Nähe des Birch Creek, ist einer der zahlreichen „Checkpoints“, die alle am Rennen beteiligten Hundegespanne passieren müssen. Dort wärmen sich die Musher nach Tagen in subarktischer Wildnis endlich wieder auf, stärken sich mit deftigem Elchfleischeintopf und heißem Tee, finden ein paar kurze Stunden Schlaf auf einer Pritsche oder einer Isomatte.

Allerdings: So wie ein Cowboy nach einem scharfen Ritt oder einem ganzen Tag auf der Weide zunächst sein Pferd versorgt, so kümmert sich ein Musher erst um seine Hunde, bevor er seinen eigenen Bedürfnissen nachgeht. Gottlob, die Hunde sind genügsam. Hat sich keiner verletzt oder zeigt bei einer tierärztlichen Untersuchung Anzeichen einer Erkrankung, genügt den Vierbeinern ordentlich Kraftfutter und trockenes Stroh. Dabei sind die robusten Tiere doch die eigentlichen Stars des Wettbewerbs.

Zwischen Löschgerät, Spitzhacken und Feuerschutzhelmen haben sich in der Feuerwache auch Journalisten aus allen Ecken der Welt eingerichtet, um die aktuellen Rennergebnisse an ihre Redaktionen zu senden. Und zu allem Überfluss wuseln dazwischen auch freiwillige Helfer und Aktivurlauber aus Nordamerika und Europa herum. Ja, hier in Alaska und im Yukon Territory, wo sich viele Menschen noch als Pioniere fühlen, geht so etwas noch. Die Magie des Nordens mit endloser Weite und Stille vereint alle auf friedlichste Art und Weise, die Zuneigung zu den Huskys tut ihr Übriges.

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