Nordfriesland : Tausend Perlen im Watt

An Pellworm ziehen die Touristenströme vorbei. Das bekommt der Nordseeinsel gut. Denn so fühlen sich die Stammgäste wohl.

Stefan Woll
Schafe im Glück. Auf Pellworm wächst nahezu überall Gras. Auch dort, wo insbesondere Kinder den Strand vermuten – direkt am Wasser. Den vielen Bauern der Insel ist es allerdings recht.
Schafe im Glück. Auf Pellworm wächst nahezu überall Gras. Auch dort, wo insbesondere Kinder den Strand vermuten – direkt am...Foto: Bildagentur Huber, picture alliance

In der Nacht, als sich das Gestänge verdächtig neigt und die Plane mächtig beult, Blitze grell zucken und der Himmel brüllt, da schlüpft er dann doch unter das feste Dach seiner Schwester im Haus nahebei. Dabei bringt den passionierten Camper so schnell nichts aus der Ruhe. 15 Jahre lang hatte Uwe Görl, mehr geduldet als gestattet, im Norden der Insel gezeltet. Nun gehört der Berliner allerdings zu den Ersten, die den neu eröffneten Insel-Zeltplatz unweit der Alten Kirche nutzen.

Zur Orientierung: Pellworm. Nordsee. Höhe Husum. Leise, grün, entschleunigt. Tatsächlich liegt die kleine nordfriesische Insel etwas ab vom Schuss und dem Bewusstsein vieler Urlauber. Selbst in einschlägigen Magazinen kommt der kleine Fleck im Wasser kaum vor. Die großen Ferienströme, die sich alljährlich sommers in die dem norddeutschen Flachland vorgelagerte Inselwelt ergießen, ziehen weitgehend an Pellworm vorbei. Zu bieder mag dem einen oder anderen das Eiland vorkommen, nicht herzlich wie Föhr, nicht mondän wie Sylt, und längst nicht so sandig wie Amrum.

Die Fähre benötigt 35 Minuten von Strucklahnungshörn bis zum Tiefwasseranleger. Mit 37 Quadratkilometern ist Pellworm etwas kleiner als Berlin-Mitte, hat jedoch nur 1000 Einwohner. Einen Meter unter dem Meeresspiegel gelegen, gibt es hier eine Zentralschule für 150 schulpflichtige Kinder, eine Ampel, einen Shantychor und einen rot-weiß geringelten Leuchtturm von 1907, den alljährlich zahlreiche Paare zur Vermählung ansteuern.

Acht Meter hoch und 28 Kilometer lang ist der Seedeich, der Pellworm vom Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer abschottet und ein bedächtig-beschauliches Inselleben umfängt. Dessen Normalität macht den Erholungswert namentlich für Familien mit kleineren Kindern und für sogenannte Best Ager, also Menschen in den besten Jahren, aus. Alles erscheint aus bodenständigem Guss, kaum ein touristischer Komplex irritiert.

Auch das „Wattenmeercamping“, das die gebürtige Pellwormerin Karin Kobauer nach 30 Jahren leitender Tätigkeit im „Rauhen Haus“ in Hamburgs (Noch-)Problemstadtteil Wilhelmsburg aufgezogen hat, fügt sich hier ein. Zwölf Stellplätze für Wohnmobile und Caravans bietet die Anlage, dank EU-Förderung alles neu mit Strom- und Wasseranschluss. Sanitäreinrichtungen befinden sich im benachbarten „Wattenmeer-Haus“, vom Land Hessen lange Jahre als Schullandheim geführt, bis es sich nicht mehr rechnete. Seit 2011 ist hier auch die Schutzstation Wattenmeer untergebracht. Und ein Verein betreibt die „Kinnerstuv“, wo von April bis Oktober Kinder zur Ferienzeit basteln und spielen können, während den Eltern im Café nebenan Torte serviert wird. Im Obergeschoss gibt es noch eine Ferienwohnung für bis zu sechs Personen sowie eine „Bed & Bike“-Unterkunft.

Ingrid Ludwig samt Mann aus Bayern haben ihr grünes Wohnmobil fehlender Ausschilderung zum Trotz zielsicher auf den Zeltplatz gesteuert. Der brachte es im Premierenjahr 2012 auf 200 Personen mit 900 Übernachtungen. Das gewünschte Kontrastprogramm zu „den Bergen vor der Tür“ findet das süddeutsche Paar hier allemal: Nicht mal ein Hügel stellt sich in den Weg, kein Anstieg trübt entspanntes Radfahren; der Wind zur Kühlung weht beständig von vorn auf Pellworm.

Für Ornithologen ist die Insel ein wahres Dorado. Brand- und Graugänse, Seeschwalben, Pfuhlschnepfen, Säbelschnäbler, Rotschenkel, Löffler, Kiebitzregenpfeifer und viele andere mehr entgehen auch dem ungeübten Auge nicht. Es sind riesige Vogelschwärme, die vorwiegend in den Monaten April / Mai und August / September hier Zwischenstation machen – darunter mit den Ringelgänsen auch solche, denen die örtliche Landwirtschaft in Sorge um das Saatgut hier und da mit Heuldrähten begegnet. Dazu unzählige Möwenarten und Austernfischer, die gern auch mal einen Angriff auf jene fliegen, die ihrem Gelege zu nahe kommen.

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