"Nordstjernens" letzte Fahrt : Ab geht die Post

Die „Nordstjernen“, der Oldtimer der Hurtigruten-Flotte, ist schon 56 Jahre alt. Bald wird das Schiff ausgemustert. Doch vorher pendelte es noch ein letztes Mal an der Küste Norwegens.

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Klassische Linienführung. Die "Nordstjernen" wurde Mitte der fünfziger Jahre noch mit einer klassischen Frachtdampfer-Silhouette versehen.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Reinhart Bünger
21.06.2012 14:48Klassische Linienführung. Die "Nordstjernen" wurde Mitte der fünfziger Jahre noch mit einer klassischen Frachtdampfer-Silhouette...

Der Wassereinbruch kommt im Morgengrauen. Schon beim nächtlichen Ablegen in Tromsö war da so ein unbestimmtes Gefühl gewesen. Warum läuft das Schiff eine volle Stunde zu spät in den Hafen ein? Nagelt der Schiffsdiesel beim Anlassen nicht zu unregelmäßig? Und warum flackert die Kabinenbeleuchtung? „Ach was“, hatte sich der Gast gesagt, der Klabautermann werde die „Nordstjernen“ schon auf die richtige Betriebstemperatur bringen. Und tatsächlich, am folgenden Morgen herrscht ruhige See, das Duschwasser ist schön heiß, der Achtzylinder dieselt gemächlich im Takt wie es sich gehört, und die Stromspannung ist allem Anschein nach stabil.

Doch als der Gast aus der Dusche steigt, wird es offenbar: Die Kabine steht unter Wasser. Alarm schlagen? Der Klingelknopf ist gleich links neben der Tür. Moment. Erleichterung: Das Duschwasser versickert irgendwo so schnell, wie es gekommen ist. Offenbar ist die Nasszelle der Kabine 217 auf dem B-Deck einfach nicht mehr ganz dicht.

Schwamm drüber, schließlich ist die „Nordstjernen“ schon 56 Jahre alt. Noch einmal pendelt sie als Linienschiff Norwegens Küste bis zur russischen Grenze nach Kirkenes hinauf, anschließend wieder bis Bergen hinunter. 1552 Mal dieselte der Dampfer die Strecke schon hin und zurück, beförderte rund 1,5 Millionen Gäste, lief mehr als 100 000 Mal die vorgeschriebenen Häfen an. Wenn ein Schiff eine solche Leistung vollbracht hat, darf es schwächeln.

 Wir sind auf einer der letzten Fahrten der „Nordstjernen“. Doch soll es wirklich vorbei sein? Das älteste Hurtigrutenschiff sollte bereits zwei Mal außer Dienst gestellt werden. Um dann doch wieder an der Küste Norwegens zu pendeln. Jetzt ist jedoch allem Anschein nach wirklich Schluss. Fast in jedem Hafen steht ein Blasorchester, kommt ein Bürgermeister an Bord – meist mit einem Strauß Lilien: Time to say Goodbye.
Kapitän Asbjörn Dalan, ein halbes Jahr jünger als das Schiff, ist darüber nicht wirklich traurig. Sagt er. Der Klingelton seines Handys offenbart allerdings einen kräftigen Schuss Sentimentalität: „Tuut, Tuut, Tuuuuuut“. „So klang die ,Finnmarken‘“, sagt Dalan entschuldigend. Dieser Oldtimer ist bereits seit 1993 Teil des Hurtigruten-Museums. Sie haben ihn in Stokmarknes aus dem Wasser an Land gehievt.

Das Schiff war eigentlich schon 1956 antiquiert, als es vom Stapel lief. Selbst damals war der Stand der Technik höher als das, was bei Blohm+Voss in Hamburg zum Einsatz kam, eben auch die nach damaligen Maßstäben schon veraltete Elektrik. „Die macht uns heute immer wieder mal Probleme“, sagt Dalan. „Wir hatten schon mehrfach einen totalen Blackout. Es wird schließlich immer mehr technisches Gerät ans System gehängt.“ Und dann passiert wie in jedem Haushalt das, was passieren muss: Die Lichter gehen aus – und nichts geht mehr.

Natürlich könnte man das Schiff weiter betreiben, aber der Linienbetrieb – das ununterbrochene Fahren – ist zu hart für das Mädchen. Liebevoll fügt er hinzu: „Das Schiff braucht im Jahr einfach mal zwei, drei Wochen Ruhe, um sich zu erholen.“

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