Norwegen : Pünktlich wie ein Postschiff

Auf den Liniendienst der Hurtigruten an der norwegischen Küste ist Verlass. Der Kapitän wartet nicht.

Gerd W. Seidemann
Hurtigruten
Vorbei an spektakulärer Küstenlandschaft: Die Postschiffe der Hurtigruten. -Foto: Promo

Knut ist eine Hurtigruten-Veteran. Bereits mehr als 20-mal ist der Bauingenieur (Spezialität Brücken) aus Oslo mit den verschiedenen „Postschiffen“ die norwegische Fjordküste entlanggefahren. Von Bergen im Süden bis in den hohen Norden nach Kirkenes. „Wunderbar und immer wieder anders“, schwärmt er. Einen Nachteil gebe es allerdings: „Diese Linienschiffe fahren ja nicht nur tagsüber, sondern auch nachts. Das lässt mich nie ruhig schlafen. Immer habe ich das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn ich in der Kabine bin.“ Seine Lösung: öfter fahren, von Süd nach Nord und umgekehrt. Und immer mal wieder in einem der 34 Häfen aussteigen und die Gegend entdecken. Das nächste Linienschiff lässt schließlich nie lange auf sich warten.

Dass die „Kong Harald“ kein Kreuzfahrtschiff ist, macht sich schon beim Einchecken in Tromsø bemerkbar. Es geht etwas rustikal zu. Wer mit den Schiffen der Hurtigruten entlang der Küste Norwegens unterwegs ist, hat eben keine klassische Kreuzfahrt gebucht, sondern eine handfeste Seereise. Da gibt es kein großes Buhei, kein Gläschen Prosecco zur Begrüßung und auch kein Captain’s Dinner im Laufe der Fahrt. Mehr als entschädigt wird der Gast dafür durch die Herzlichkeit des Personals und mit einem Ambiente, das jeden spüren lässt, dass die Schiffe eben ein Stück Norwegen sind. Vom Kapitän bis zum Zimmermädchen identifiziert sich die Besatzung offenbar mit dem „Produkt“; schließlich fahren alle Schiffe der Flotte unter norwegischer Flagge.

Den ersten Hafen nach Tromsø, wo das Schiff um halb zwei nachts abgelegt hat, haben die meisten Passagiere verschlafen. Am frühen Morgen in Harstad gehen jedoch einige Seefahrer von Bord. Die einen, weil sie bereits ihr Ziel erreicht haben. Schließlich sind die Schiffe auch so etwas wie Linienbusse zu Wasser. Die meisten anderen Bordflüchtigen sind jedoch Touristen, die mit dem Bus die Vesterålen erkunden wollen. Sie werden nachmittags in Stokmarknes wieder an Bord kommen.

Kapitän Alf Johannesson hat es eilig im Hafen von Harstad. Er fährt ja auch keinen BVG-Bus, bei dem es auf ein paar Minuten nicht so ankommt. Die „Kong Harald“ hat nämlich nicht nur Passagiere an Bord, die die Aussicht auf die Küste genießen wollen, sondern neben den Fahrgästen, die Termine einzuhalten haben, auch Fracht, die pünktlich am Bestimmungsort ankommen muss. Im nächsten Hafen Risøyhamn wartet man offenbar bereits sehnsüchtig auf Bauholz, Zement, Treibstoff und Lebensmittel. Nach 30 Minuten heißt es in Harstad also „Leinen los“.

Schon bald lockt Anita Heiburg, die deutschsprachige Reiseleiterin an Bord, über den Bordlautsprecher die Passagiere an die (sehr) frische Luft. Die Querung des Andfjords steht bevor und damit die Einfahrt in die Risoy-Rinne. Ein Spektakel, das sich niemand entgehen lassen möchte. Diese nicht besonders schmale, jedoch extrem flache Passage ist durch Bojen markiert. Erst 1922 wurde die fünf Kilometer lange Fahrrinne ausgebaggert. Seitdem wird Risøyhamn auch von Schiffen der Hurtigruten versorgt. Gefährlich grün schimmern die Untiefen zu beiden Seiten des Schiffes. Und obwohl leichter Nieselregen einsetzt, weicht kein Passagier, bis der Hafen von Risøyhamn erreicht ist.

Zwar leben in dem Ort selbst nur etwa 350 Menschen, doch Fischfang funktioniert noch und als wichtiger Knotenpunkt sowie als Teil der Hurtigruten spielt auch der Tourismus hier eine zunehmend große Rolle. Die Vesterålen mit ihren hohen Bergen und bunten Fischerdörfern werden vielfach als die „schönste Inselgruppe der Arktis“ bezeichnet.

Kapitän Johannesson lehnt sich weit über die Reling und gestikuliert. Die Schauerleute, die mit dem Löschen der Ladung beschäftigt sind, gehen ihrer Arbeit für seinen Geschmack wohl etwas zu gemächlich an. Er deutet auf seine Uhr. „Wir sind ein Linienschiff, kein Musikdampfer“, will er mit der Geste offenbar klarstellen. Nun dauert es nicht mehr lange, Schotten dicht und ab die Post. Eine Drehung um 180 Grad weg von der Pier, unter der geschwungenen hohen Brücke hindurch, die Risøyhamn mit der gegenüberliegenden Insel verbindet, und rein in den Risøysund Richtung Süden.

Bis zum nächsten Hafenstopp kann der Kapitän durchschnaufen, eine seiner unzähligen Tassen Kaffee pro Sechsstundenschicht trinken. Seit 17 Jahren fährt Alf Johannesson schon auf den Schiffen der „schnellen Route“. Immer entlang der Küste. „Rund dreihundert Törns müssten es schon gewesen sein“, sagt er. Elf Tage dauert eine Strecke, zwei davon arbeiten seine Crew und er durch, also 22 Tage am Stück. Dann gibt’s 22 Tage frei. Ja, das sei angenehm. Am besten gefallen ihm die Reisen im Frühjahr, wenn es im Süden schon grünt und blüht. Den Herbst erlebt er lieber im nördlichen Abschnitt der Küste. „Wegen der Farben“, sagt er.

Für einen kleinen Schnack findet der Kapitän manchmal Zeit, für eine ausführliche Schiffsführung kaum. Reiseleiterin Anita hilft aus und gewährt interessierten Passagieren schon mal einen Blick hinter die Kulissen des Schiffes, das 1993 als erstes der „neuen Generation“ der Hurtigruten in Stralsund vom Stapel gelaufen ist.

Im Autodeck verlieren sich nur zwei Fahrzeuge, 45 hätten Platz. Dabei ist die Möglichkeit doch verlockend, mit seinem eigenen Fahrzeug in Fjord-Norwegen unterwegs zu sein, dann ein paar Tage einzuschiffen, und dort wieder von Bord zu rollen, wo man es eben besonders schön findet. „Das wird bisher noch nicht so häufig genutzt“, heißt es bei der Reederei. Schade eigentlich, da die Kombination der Land- und Seereise jenseits der Wintersaison auch für Motorradfahrer reizvoll erscheint.

So bleibt unter Deck reichlich Raum, trotz der Fracht und aller Vorräte, die so ein 490-Betten-Schiff nun mal braucht. Nur wenig Platz nimmt die Kammer in Anspruch, die für den Transport von Verstorbenen benötigt wird. „Nein, an Bord sterben keine Passagiere. Aber wenn etwa ein Nordnorweger in einem der großen Krankenhäuser im Süden gestorben ist, dann tritt er oft mit uns seine letzte Reise in die Heimat an“, erklärt Anita. „Ist das denn nicht romantisch?“ Nun, für den Betroffenen gewiss weniger. Genauso wie die Unterbringung in der Arrestzelle unter Deck, die sträflich offen steht. „Müssen wir haben, falls mal ein Gefangenentransport ansteht oder an Bord etwas vorfällt.“

Am frühen Nachmittag läuft die „Kong Harald“ im Hafen von Stokmarknes ein, legt hier quasi bei den Hurtigruten-Wurzeln an. Jetzt rüsten sich alle Passagiere für den Landgang. „Beep“, ein Crewmitglied scannt die elektronischen Bordausweise, damit der Computer auch Alarm schlägt, wenn kurz vor dem Ablegen jemand fehlt, der eigentlich an Bord sein sollte. Obwohl: Lange warten wird der Kapitän nicht.

In Stokmarknes lockt ein Museum. Ein besonderes. Lange Zeit hatte Hurtigruten hier sein Hauptquartier, nun ist in einem modernen Bau fein säuberlich die bewegte Geschichte der Linienschifffahrt entlang der Küste dargestellt. Der Seeweg mit allen den Inseln und Sunden galt lange Zeit als risikoreich und unschiffbar. Verlässliche Seekarten fehlten, Leuchttürme waren rar. Erst Kapitän Richard With gelang es schließlich 1893, mit seinem Dampfschiff „Vesterålen“ einen regelmäßigen Schiffsliniendienst zu den abseits gelegenen Siedlungen des Königsreichs einzurichten. Er nannte den Weg Hurtigruten, „schnelle Route“.

Jetzt fiebert Vielfahrer Knut den Lofoten entgegen. „Dort finde ich immer wieder Ecken, die betörend schön sind, im Sommer und im Winter. Da fühle ich mich jedes Mal wie ein kleiner Entdecker.“ Er will in Svolvær ein paar Tage von Bord und dann mit einem anderen Schiff weiterfahren. Ein Quartier hat er bereits in einer Rorbuhuetten reserviert. „Diese modernisierten alten Fischerhütten findet man überall an der norwegischen Küste. Sie sind einfach, aber ordentlich und naturgemäß meist am Wasser gelegen. Was will man mehr?“ Wir beschließen, seinem Beispiel zu folgen.

Ein Quartier unweit des Hafens ist schnell gefunden. Knut hatte recht: Die ockerfarbene Hütte ist geheizt und verfügt über alles, was der Urlauber so braucht. Schnell ist der Seemansgang abgelegt und nach einer erholsamen Nacht – zieht es uns wieder aufs Wasser. Was ist schließlich ein Besuch auf den Lofoten ohne Angeltour? Auf dem kleinen Kutter „Fjellvind“ soll es aufs Meer hinausgehen.

Das fängt ja gut an. Kapitän Ole hat bereits Schweißperlen auf der Stirn, obwohl es ein frischer Morgen ist. Das Echolot ist defekt. Auf den „fish finder“ mag er jedoch nicht verzichten, der Kabeljau hat sich in den vergangenen Jahren etwas rar gemacht. Ein Mädel aus dem Elektroladen rückt mit einem Lötkolben an, die Skepsis unter den Möchtegern-Anglern wächst. Trinken wir erst mal ’nen Kaffee. Doch schneller, als manchem dann lieb ist, geht es los. Die See sieht nämlich arg kabbelig aus, und die „Fjellvind“ ist eine Nussschale. Statt aufs Fischefangen verlegen sich dann auch einige rasch aufs Fischefüttern …

„Gibt’s hier überhaupt noch Fische?“ Ole schwört Stein und Bein darauf, starrt allerdings schon etwas entnervt auf seinen „fish finder“, während die Fischer in anderen Booten stolz ihren Fang hoch halten. Nach drei Stunden und unermüdlichem Hantieren mit Leinen und Pilkern geben wir auf. Lofoten ohne Fisch, gibt’s doch gar nicht.

Gibt’s auch nicht. Bei der Erkundungsfahrt über die Inseln hängen dann die Beweise. Auf großen Gerüsten (und mancher Teppichstange hinterm Haus) dörrt allenthalben der Kabeljau zu Stockfisch, dem wichtigsten Exportartikel der Lofoten. Italien ist Hauptabnehmer für den brettharten Trockenfisch. Die „wertlosen“ Fischköpfe werden nach Westafrika verschifft, wo eine Suppe aus den Köpfen als wichtiges Grundnahrungsmittel dient.

In dem kuscheligen Örtchen Henningsvær treffen wir wieder auf Knut. „Na, wie war’s?“, fragt er. Ach ja, es gäbe noch viel zu sehen auf den Lofoten. Aber das nächste Schiff wartet leider nicht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar