Reise : Nur Erste Klasse

Klein und fein ist die „Serenité“. Mehr als zwölf Passagiere passen nicht auf das Schiff. Die dürfen schwelgen – und bisweilen sogar die Route bestimmen

Uwe Bahn
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Ankern im Hafen von Waren. Viele andere Flussschiffe sind zu groß für den beschaulichen Liegeplatz an der Müritz. Foto: promo

„Bitte nicht nach Offenbach“, fleht Frau Possmann den Kapitän an. Georg Ebert schaut in die Runde: „Wer möchte gerne nach Offenbach?“ Alle Hände bleiben unten. Offenbach ist gestrichen. Obwohl es im Routing steht. Und so fährt die „Serenité“ weiter mainabwärts. An der beleuchteten Skyline von Frankfurt vorbei, ehe das Schiff in Höchst direkt vor der alten Stadtmauer das Nachtquartier bezieht. Die Basis-Demokratie hat es so gewollt; der Bord-Beschluss fiel einstimmig aus. Mit zwölf zu null. Ja, zwölf. Mehr Passagiere passen nicht auf das Flussschiff. Hinzukommen fünf Crew-Mitglieder. Neben Kapitän Georg sind das: Rita, Lebensgefährtin und Hotelmanagerin, Ingo, der Koch, und zwei Bord-Stewardessen. Damit ist die „Serenité“ das kleinste deutsche Kreuzfahrtschiff.

Ein kleines Schiff – aber ein großer Traum. Für die Gäste und für Kapitän Georg Ebert. In Erlenbach am Main direkt neben einer Schiffswerft aufgewachsen, fährt er jetzt sein Lebenswerk durch halb Europa. Nach achtzehn Jahren „Rhein rauf und runter“ bei der Köln-Düsseldorfer (KD), quittierte er 1996 seinen Dienst und übernahm als erster Kapitän die „River Cloud“. Stilvolles Reisen in einem edlen Ambiente aus Teak und Mahagoni – das inspirierte ihn. Und natürlich Rita, die er auf der „River Cloud“ kennenlernte. Nach 17 Jahren auch auf hoher See wollte sie ebenfalls etwas Neues anfangen. Ein kleines Hotel in Südfrankreich sollte es sein. Beide fragten sich: Warum bauen wir uns nicht ein kleines schwimmendes Hotel? Eines, das nach Frankreich fahren kann. Und überall dahin, wo es schön ist. Die Idee war geboren.

Ein amerikanischer Gast der „River Cloud“ half ihnen zinslos auf die Beine, die Kötter-Werft in Haren an der Ems begann mit dem Bau der Vision. Im Januar 2001 schipperte Georg Ebert über Ems, Rhein und Main mit einem „Klumpen Stahl“ – dem Rohbau der „Serenité“. Bei Schneesturm und minus fünf Grad. Rita fuhr auf dem Landweg mit dem Auto parallel. Eskorte bis Erlenbach. Dort rückten nach der Ankunft sofort Schreiner, Tischler und Maler an. Nach weiteren vier Monaten war der Innenausbau fertig, der Traum Realität: 38,5 Meter lang und 5,05 Meter breit, ein Kabinen-, ein Haupt- und ein Sonnendeck. Die Idealmaße für Frankreichs Kanäle und Schleusen. „Beim Innenausbau habe ich schon ein wenig bei der ,River Cloud‘ abgekupfert“, gibt Georg zu. Das heißt: Edle Hölzer in den sechs Kabinen, die allesamt die Namen von Flüssen tragen – Marne, Mosel, Seine, Saône, Rhein und Rhône. Hinter der offenen Brücke schließt gleich die Lounge mit der kleinen Bar an, danach das Restaurant mit Zugang zum Achterdeck.

2,4 Millionen damalige D-Mark hat der Traum vom Schiff gekostet. Und dieser Traum fährt nun soben auf der Strecke Aschaffenburg– Amsterdam. Georg kennt hier jede Tonne. Und alle kennen ihn. Ob in Boppard oder Köln: Kaum hat die Serenité festgemacht, steht schon der erste Freund vor der Gangway. Vor allem Kollegen aus seiner KD-Zeit, die ihm gerne bei einem Liegeplatz helfen.

So kann die „Serenité“ überall anlegen. Und das tut sie. Nur nicht auf der Donau, denn da sind alle. Aber welches Flussschiff kann schon vor Waren an der Müritz den Anker werfen? Oder auf dem Neckar bis Stuttgart fahren? Oder durch das Altmühltal. Gefahren wird am Tag, geruht in der Nacht. Ganz im Einklang mit dem Biorhythmus des Kapitäns. Landausflüge werden schnell organisiert. Mit zwei Taxen geht es von Rüdesheim zum Kloster Eberbach, inklusive Weinprobe. Dass die Rheingau-Tropfen im Kloster zu wenig Klasse haben, daraus macht Rita kein Hehl. „Ich liebe Südfrankreich“, schwärmt sie. Nicht nur wegen des Weines. Der Name „Serenité“ kommt nicht von ungefähr: „Ausgeglichenheit, Ruhe, Heiterkeit“ übersetzt das Französisch-Lexikon. Jeden Morgen radelt Rita zum Brötchenholen. In Frankreich gibt’s natürlich frisches Baguette. „Wenn wir einen Ort nicht kennen, dann fahre ich einfach Richtung Kirchturm, da gibt es meist auch einen Bäcker.“

Ritas Job an Bord ist vielseitig, sie ist „Mädchen für alles“. Offizielle Berufsbezeichnung: „Matrosen-Motorenwart“. Sie hilft beim Anlegen, reicht Georg Sauerstoffflasche und Neopren-Anzug, wenn er zur Schiffsschraube hinuntertauchen muss. Sie begleitet die Landgänge, ist Hotelmanagerin und Reisebüro. Hinter Georgs Steuerstand ist ihr Reich: ein kleiner Schreibtisch. Hier laufen die Buchungen auf, von hier verschickt sie die Prospekte. Wer einmal auf der „Serenité“ war, der lässt sich gleich auf die Warteliste fürs nächste Jahr setzen. So wie Frau Possmann in der Kabine „Rhône“. Sie ist Stammgast. Und hat Rita etwas zu beichten: Die „Rhône“ hat Hochwasser. Gatte Possmann hat das Bullauge im Bad offen gelassen, nun ist der Rhein hineingeschwappt. Dabei hatte Georg bei der Begrüßung extra – freundlich – darauf hingewiesen, bei der Fahrt auf dem Rhein die Bullaugen zu schließen. Der Rhein, das ist die Biscaya der Flussschifffahrt.

Während die Bordstewardessen die Rhône feudeln, sucht sich Koch Ingo auf einem Düsseldorfer Markt das Dinner für den heutigen Tag zusammen. Da wird um frischen Spargel gefeilscht, das Rinderfilet gemustert, Kartoffeln geordert. Schließlich gibt es jeden Abend ein mehrgängiges Menü zu kreieren. Das muss Ingo auf den wenigen Quadratmetern der Bordküche zubereiten. Ein Kräuterbeet hat er selbst angelegt: Im Blumenkasten auf dem Achterdeck. Und heute Abend muss Ingo umdisponieren. Das Ehepaar aus der Mosel-Kabine hätte gern noch einmal das köstliche Dessert vom Vorabend. Die anderen Passagiere sehen das genauso. So beugt sich nach dem Kapitän auch der Koch dem Zwölf-zu-null-Votum. Auch das macht dieses Schiff so besonders. Bei nur zwölf Gästen hat jeder Einzelne ein besonderes Gewicht.

Unvorstellbar, dass 2500 Gäste den Küchenchef der „Queen Mary 2“ umstimmen und es Lamm statt Labskaus gibt. In einer Zeit, in der große Reedereien ernsthaft darüber nachdenken, ob eine Skihalle an Bord Sinn macht, ist die „Serenité“ die beste Antwort. Mehr als das. Sie ist für zwölf Passagiere, aber vor allem für Rita und Georg eines: der Traum von einem Schiff.

Auskunft: Die verschiedenen Arrangements mit dem Schiff müssen sehr zeitig gebucht werden. Wer etwa im Mai oder Juni kommenden Jahres von Berlin bis Waren fahren möchte, zahlt für den siebentägigen Törn 1950 Euro (Frühbucher) beziehungsweise 2150 Euro (regulär) pro Person. Näheres bei Serenité River Cruising, Erlenbach; Telefon: 01 72 / 652 43 78, Internet: www.serenite-rivercruising.de

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