Oberengadin : Schwünge mit Stil

Das mondäne St. Moritz liegt im Oberengadin. Aber abseits der reichen Glitzerwelt hat die Region nahezu unberührte Landschaften zu bieten.

Gerhard Fitzthum
Rosegtal
Kein Liftmast weit und breit. Im Rosegtal hat der Winter seinen stillen Zauber bewahrt. -Foto: laif

Eigentlich sind wir zum Skifahren heraufgekommen. Auf die Terrasse der Bergstation hinaustretend, haben wir aber erst mal Wichtigeres zu tun: schauen und staunen! Vis à vis glänzt der mächtige Piz Bernina im Gegenlicht, umstanden von kaum weniger spektakulären Gipfeln wie Piz Tschierva, Piz Morteratsch und Piz Roseg. Komplettiert wird die weltferne Szenerie vom stillen Val Roseg, das sich im Schatten des einzigen Viertausenders der Ostalpen zum Zackenkamm der Sellagruppe hinaufzieht. Kein Liftmast weit und breit, nirgendwo zischende Schneekanonen und dröhnende Schneebars – unverfälschte Natur so weit das Auge reicht.

Die Aussichtsplattform auf dem Restaurantdach gibt noch mehr her: Das Panorama beträgt hier satte 360 Grad und vereint die gesamte alpine Gipfelprominenz: Wildspitze, Ortler, Monte Rosa, Berner Alpen, Tödi, Piz Kesch und viele mehr. Kein Wunder, dass sich die anwesenden Japaner zu einem Familienfoto drapieren. Als Top-Aussichtsberg des Engadins ist der Corvatsch fester Programmpunkt für Schweizreisende aus Fernost. Dass die Temperaturen hier im Winter zweistellig unter null liegen, hat man ihnen aber wohl nicht gesagt. Schlotternd treten die Kinder von einem Bein aufs andere.

Eine halbe Stunde später bekommen wir zu spüren, wie winzig er sein kann – der Schritt von der kontemplativen Gipfelschau zum Adrenalinschub. Eine mühsam präparierte Schneespur führt durch ein abenteuerlich steiles Geröllfeld auf den Gletscher hinunter. Der Corvatsch ist nunmal kein Hügel, sondern ein anspruchsvoller Skiberg, den sich Anfänger besser aus der Ferne ansehen. Zunächst kommen jedoch Passagen reinsten Genusses. Ohne auf Zeichen der Zivilisation zu treffen, gleiten wir auf breiter Piste tiefer und tiefer in den traumverlorenen Hochgebirgskessel hinein. Dem Rat eines Stammgastes folgend, haben wir den „Standard-Run“ gewählt – und bereuen es nicht. Der Gletscher endet in einem beispiellos langen und steilen Pulverschneehang. Wie viel Glück doch in ein paar hundert Metern Schneefläche stecken kann!

Natürlich fahren wir gleich noch mal hoch. Verschwitzt, aber zufrieden sitzen wir eine Stunde später auf der Sonnenterrasse der Fuorcla-Hütte, der abgelegensten und bescheidensten Einkehrmöglichkeit im Corvatsch-Gebiet. Drüben, auf der Bernina-Seite, stehen Gämsen am Hang.

An der Fuorcla wurde schon vor hundert Jahren Ski gefahren. Weitaus weniger komfortabel allerdings. Über siebenhundert Höhenmeter musste man mit Fellen aufsteigen, bevor man in weiten Schwüngen ins Tal fahren konnte. Ab 1923 wurde hier jeden Sommer ein Gletscher-Skirennen ausgetragen, genauer: eine Kombinationen aus Abfahrtslauf und Slalom, wobei es bei Letzterem nicht um die Zeit, sondern um die Schönheit der Schwünge ging. Den Stilnoten 1 bis 10 entsprachen wiederum Zeitaufschläge, die zu der Abfahrtszeit addiert wurden. Die meisten Teilnehmer trugen ihre Skier selber zum Startpunkt auf rund dreitausend Meter Höhe. Wer es sich leisten konnte, fuhr hingegen von Pontresina mit dem Leiterwagen bis zum Gasthaus Roseg am hinteren Ende des gleichnamigen Tals, wo es einen Maultierservice gab.

Die herrlich langen und anspruchsvollen Pisten sind nach wie vor das Hauptkapital des Silvaplaner Hausbergs. Selbst die von hässlichen Schneelanzen flankierte Talabfahrt misst fast fünf Kilometer. Die Königsabfahrt führt nach St. Moritz-Bad. Mehr als sechs Kilometer lang, beginnt sie an der Bergstation des Giand’ Alva-Sessels, von wo aus man auf weiten Hängen zum 1894 gebauten Bergrestaurant Hahnensee hinabschwingt. Wer will und die Lawinensituation berücksichtigt, kann aber zunächst ein Stück in den Westhang des Piz Rosatsch einfahren oder gar noch etwas aufsteigen. Belohnt werden diese Mühen durch herrliche Tiefschneehänge. Vom zugefrorenen Hahnensee gleitet man schließlich hinunter zu den Hotelburgen von St. Moritz-Bad. Im Straßencafé die Nachmittagssonne genießend, blinzeln wir zu jenem Berg hinauf, der uns mit seiner Ursprünglichkeit verzaubert hat.

Nicht viel anders ist es am nächsten Tag an der Diavolezza, dem klassischen Skiberg von Pontresina. Während das Variantenskifahren am Corvatsch nicht so gerne gesehen wird, ist es hier ausdrücklich erlaubt. Aus der Seilbahnkabine sieht man kleine bunte Punkte, die sich durch wilde Couloirs abwärts bewegen. Die Zahl der Lawinentoten sei dennoch rückläufig, erzählt uns Paul Brunner wenig später auf der Bergstation. Er leitet das „Alpine Safety Center“, die alpenweit erste Info- und Trainingsstelle zu Lawinengefahren, die im rustikalen Gipfelhotel untergebracht ist. „Die jungen Leute sind längst nicht mehr die verantwortungslosen Chaoten, für die man sie hält,“ sagt er mit bedeutungsvollem Lächeln. Kaum einer fahre ohne Helm und Lawinenpiepser.

Wir ziehen es vor, auf den kontrollierten Pisten zu bleiben. Auf ein banales Pistenvergnügen aber haben auch wir heute keine Lust: Wir folgen den Markierungsstangen in den wilden Felsenkessel des Piz Palü, um mit der zwar gesicherten, aber unpräparierten Morteratsch-Route die längste Gletscherabfahrt der Schweiz zu machen. Auch hier muss man seine Bretter im Griff haben, vor allem dort, wo der sich rapide zurückziehende Pers-Gletscher heute endet. Mannshohe Buckel machen das Durchfahren der Eisbrüche zu einer echten Herausforderung. Umso gemächlicher wird es, wo die Piste in den Gletscherlehrpfad einmündet, der von Morteratsch heraufkommt. Morteratsch ist allerdings kein Dorf. Es ist ein paradiesisch gelegenes Traditionshotel an einem kleinen Bahnhof, der mitten in der Natur steht. Weil an diesem Ende der Welt die Sonne schon früh hinter steil aufragenden Dreitausendern verschwindet, nehmen wir die Rätische Bahn zurück nach St. Moritz. Warum den Tag nicht im sonnenverwöhnten Corviglia-Gebiet ausklingen lassen?

Der Kontrast könnte allerdings kaum größer sein: Eben noch in einer kaum erschlossenen Bergnatur unterwegs, machen wir nun mit einem richtigen Komfortskigebiet Bekanntschaft. Die autobahnähnlichen Pisten sind miteinander verbunden, bestens gepflegt und von moderatem Gefälle. Alles ist auf Bequemlichkeit abgestellt: Der am Corvatsch noch dominierende Bügellift ist ausgestorben – man sitzt in Sechsersesseln mit Wärmehauben, von denen einer sogar Business-Class- Polster in Kunstleder hat.

Spinnennetze von Liftkabeln überziehen die schneebedeckten Almwiesen, auf denen sich an Spitzentagen mehr als zehntausend Wintersportler tummeln. Das Wort „Sportler“ passt freilich nicht für alle. Im „Top of snow“–Gebiet geht es auch um Sehen und Gesehenwerden. Für viele ist das Skifahren hier eine kurzweilige Kombination aus Breitensport, Bräunungsprogramm und Modenschau. Das Gebiet ist so weitläufig, dass wir es gar nicht schaffen, überall mal gefahren zu sein. Erschöpft sitzen wir bald darauf an der nicht gerade zierlichen Bergstation der Signalbahn – und sehnen uns nach den wilden und einsamen Skibergen zurück, die wir zuvor genossen haben.

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