Österreich : Auf ein Glas Wein mit Haydn

Nirgendwo wird der 200. Todestag des Komponisten so stilvoll gewürdigt wie im österreichischen Burgenland.

Frederik Hanssen
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Alles platt hier im „Land der Berge“. Da mögen die Österreicher in ihrer Hymne noch so beseelt singen, das Burgenland ist vor allem eines: flach. Von ein paar eher sanften Hügeln im mittleren und südlichen Teil einmal abgesehen. Dieses liebenswürdige Anhängsel der Alpenrepublik, das an die Slowakei, Ungarn und – ganz im Süden – an Slowenien grenzt, ist halt etwas Besonderes. In vielerlei Hinsicht. In Kombination mit dem Fehlen jeglicher nennenswerter natürlicher Erhebungen zeichnet sich das östlichste österreichische Bundesland vor allem aus durch 300 Sonnentage, den Anbau vorzüglicher Weine in erklecklicher Menge und ein gepflegtes Kulturleben rund um den Neusiedler See. Ein Mix, der für kulturbeflissene Gourmets und/oder Radtouristen wie geschaffen erscheint.

Wer von Wien her kommt, reist zunächst durch mit Windrädern gespickte Landschaft, die unbefangene Besucher zunächst an Mecklenburg erinnert. In den verschlafenen Dörfern ducken sich einstöckige Bauernhäuser. Schnell ist der Neusiedler See erreicht, jenes wundersame Naturphänomen, das es gemeinsam mit seiner Umgebung wegen der einzigartigen Fauna und Flora auf die Unesco-Liste der Weltkulturerbe geschafft hat. Damit wird dem gerade mal 1,50 Meter tiefen pannonischen Steppensee und Teilen seines grenzüberschreitenden Gebiets gemeinsam mit Ungarn ein besonderer Status zuteil.

So niedrig wie die wirklich kaum wahrnehmbaren Kuppen des Leithagebirges, das sich das Burgenland mit Niederösterreich teilt, war jahrhundertelang auch der Lebensstandard der Menschen südöstlich von Wien. Sie ernährten sich mehr schlecht als recht von Weinanbau und Landwirtschaft. Zusätzlich gebeutelt wurden sie im 17. Jahrhundert, als die gen Wien ziehenden türkischen Truppen die Gegend verwüsteten. Später siedelten sich Kroaten an, Slowenen und Ungarn kamen aus dem Grenzgebiet, und nach dem Toleranzpatent von Kaiser Joseph II. suchten ab 1781 schließlich auch viele Protestanten aus Salzburg oder Tirol Zuflucht vor den Schikanen der Gegenreformation. In dieser zusammengewürfelten Vielvölker- und Glaubensgemeinschaft entstanden übrigens weder eine eigene Tracht noch ein regionaltypischer Architekturstil. Und während in Restösterreich dann bereits in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts der Tourismus für ein gewisses Maß an Wohlstand sorgte, dämmerte das Burgenland als Armenhaus des Landes weiter vor sich hin.

Erst die Europäische Union brachte mit Fördermitteln etwas Wohlstand – und als Nebeneffekt leider auch manche Bausünde. Die darf man getrost übersehen, entschädigt doch vor allem der fischreiche See mit seinem 178 Quadratkilometer umfassenden Schilfgürtel und entsprechender vielfältiger Fauna mehr als reichlich. Dazu kommt ein kontinentales Klima, das für die wärmsten Sommer in ganz Österreich sorgt. Was Wunder, dass bei plattem Land und überdurchschnittlich vielen Sonnentagen bis heute 2000 Kilometer Radwege und 1000 Kilometer Reitwege entstanden sind. Dazu herrschen am See beste Bedingungen für Windsurfer, die sich über eine milde, aber stetige Brise über dem 320 Quadratkilometer großen Gewässer freuen dürfen.

Und dann ist da natürlich der Wein: Schon die Römer, die diese Provinz Pannonien nannten, beschäftigten sich mit den Trauben, später brachten Zisterziensermönche Rebsorten aus dem Burgund mit. Heute ist das Burgenland das zweitgrößte Weinanbaugebiet Österreichs – und dank des Glykol-Skandals Mitte der achtziger Jahre längst vom Quantitäts- auf einen schnurgeraden Qualitätskurs umgeschwenkt. Die Spitzenweine der kleinen Winzer, die vor allem im Mittelburgenland auf traditionelle Sorten wie den Blaufränkischen setzten und – ohne großes Aufheben davon zu machen – nach allen Regeln des ökologischen Landbaus arbeiten, sorgen bei den Besuchern für wahrhaft berauschende Erlebnisse. Schier unglaublich, welche Geschmacksvielfalt und Charakterfülle sich hier aus den Rebstöcken zaubern lässt, wenn man sich darum bemüht, „den Boden in die Flasche zu bringen“, wie es Starwinzer Josef „Peppi“ Umathum aus Frauenkirchen formuliert.

Beste Bedingungen also für einen entspannten Urlaub – wenn da nicht die Stechmücken wären. Den „Gelsen“, wie die Biester hier genannt werden, bekommt das Klima im Sommer rund um den See genauso wie dem Wein. Nicht nur auf den Restaurantterrassen, auch bei den beiden sommerlichen Freiluft- Musikereignissen, den Operettenfestspielen in Mörbisch sowie den Opernfestspielen im Römersteinbruch von St. Margarethen, haben die summenden Quälgeister beste Angriffsmöglichkeiten. Da fügt es sich gut, dass reichlich Kultur auch in geschlossenen Räumen angeboten wird. Vor allem in Eisenstadt, dem 13 000-Seelen-Örtchen, das sich in Ermangelung größerer Agglomerationen „Landeshauptstadt“ nennen darf.

Mittelpunkt des Gemeinwesens war seit jeher das eindrucksvolle Schloss der Adelsfamilie Esterházy. Hier wirkte von 1761 bis 1790 Joseph Haydn als Hofkapellmeister – und hier wird er aus Anlass seines 200. Todestages so ausgiebig gefeiert wie nirgendwo sonst auf der Welt. Mag das Ganze auch ein wenig eine Mogelpackung sein – denn im Gefolge von Fürst Nikolaus I. verbrachte der Komponist die meiste Zeit in der neu erbauten Residenz am Seeufer, die heute in Ungarn liegt –, so beeindrucken doch zwei authentische Orte ganz ungemein: Da ist zum einen der Hauptsaal des Schlosses, ein barockes Juwel mit fein gepinselten Blumengirlanden an den Wänden, einer beeindruckenden Gemäldegalerie an der Decke – und einer perfekten Akustik. Hier geben sich in diesem Jahr die besten Haydn-Interpreten der Welt die Klinke in die Hand. Absolut sehenswert ist auch die Bergkirche ein paar hundert Meter den Hügel hinauf, ein intimer Kuppelbau mit berauschend schöner Trompe-l’œil- Malerei, in dem unter anderem alle zwölf Messen aus der Feder des Meisters erklingen werden.

In gleich vier Ausstellungen versucht man zudem, das „Phänomen Haydn“ zu beschrieben. Angesichts der Tatsache, dass sich aus dem Leben des arbeitsamen Tonsetzers nur wenige Dokumente und Devotionalien erhalten haben und dass es kaum pikante Anekdoten zu erzählen gibt, ist den Eisenstädtern Beachtliches gelungen. Im Schloss lässt sich der höfische Glanz der Esterházys nachvollziehen, im nahe gelegenen Haydn-Wohnhaus die bürgerliche Lebenswelt der Zeit. Das Diözesanmuseum widmet sich dem frommen Christenmenschen Haydn, das Landesmuseum schließlich erforscht die Einflüsse, die der kulturelle Schmelztiegel Burgenland in seinen Werken hinterlassen hat. Nach diesem ausführlichen Ausflug ins 18. Jahrhundert sollte man den Tag so ausklingen lassen, wie es Joseph Haydn selber am liebsten tat: mit einem guten Glas Wein.

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