Ostsee Angeltörns : Die Helden der Haken

Angeltörns auf der Ostsee sind beliebt. Vor allem Männer fasziniert die Fischerei. Und manchmal fangen sie sogar etwas

Franz Lerchenmüller
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Groß genug? Ist etwa ein Dorsch nicht mindestens 38 Zentimeter lang, darf der Fisch weiterleben. Er muss zurück ins Meer geworfen...Foto: Caro

Ein frischer Nordost pfeift von der See, Regen peitscht schräg aus dem Halbdunkel und hüllt Heiligenhafen in einen grauen Schleier. Schietwetter ist das, und deshalb ein Morgen für raue Kerle, die passende Kulisse für Salzwasserhelden und große Taten. Schon um halb sechs huschen ein paar nassglänzende Gestalten an Bord der „Karoline“, der „Ostpreussen I“ und der „Einigkeit“ und binden ihre Angeln an der Reling fest. Erfahrene Angler, die ihre Claims abstecken: Wer zuerst kommt, sichert sich die begehrten Plätze an Bug und Heck – die mit größerer Bewegungsfreiheit

So richtig beginnt der Betrieb erst eine Stunde später. In der Kajüte der „Monika“ sitzen 13 Angler an den Tischen. „Moin.“ „Moin.“ Männer am Meer machen um diese Zeit noch nicht viele Worte. Ein Brötchen mit Käse, eins mit Bierwurst, dazu einen Kaffee – „Drei fünzig“, sagt Nobby hinter der Theke, ein besonnener Mitfünfziger mit vertrauenswürdig seemännisch tätowierten Armen. Pünktlich um halb acht legt der Kutter ab. Käpt’n Jens Lietzow meldet sich im Lautsprecher. Eineinhalb Stunden wird die Anfahrt dauern, zu Fanggründen westlich der Insel Fehmarn soll es heute gehen.

Genug Zeit also, sich die versammelten Petrijünger anzusehen. Die Grauköpfe mit dem ersten Bier kommen aus Bayern und wirken professionell. Drei Polen mit Stoppelköpfen reden wenig und basteln an ihrer Ausrüstung. Die beiden aus dem Ruhrpott outen sich fröhlich als Anfänger. Drei Jungspunde stammen von der Küste. Und jeder von ihnen würde – klammheimlich – die Hundert- Euro-Wette annehmen, dass er am Ende nicht ohne Fisch von Bord geht, sollten auch alle anderen in die Röhre gucken.

Um neun Uhr ist das Zielgebiet erreicht. Käptn Jens rät zu „80-Gramm-Pilker und einem Beifänger“ und beugt noch mal allzu kühnen Fischzugfantasien vor. „Es ist sehr, sehr mühsam geworden.“

Dann hupt er, und die erste Runde beginnt. Ringsum schwirren die Leinen in die graue, aber ruhige See. Im Grunde ist Pilken eine einfache Sache: Ein Metallfischchen mit Haken wird ins Wasser geworfen, sinkt zu Boden und wird per Schnur immer wieder ruckweise angehoben und zum Boot zurückgeholt. Dieses Trugbild eines verwundeten Fisches soll den Jagdinstinkt des Dorsches wecken. Zusätzlich werden ein paar Zentimeter darüber bunte Gummiwürmer oder Tintenfischchen an die Leine montiert, ebenfalls mit Haken versehen, die der lebende Dorsch in seiner Gier dem künstlichen vor der Nase wegschnappen soll.

An Steuerbord herrscht erst einmal leichte Konfusion. Die professionell wirkenden Bayern, stellt sich heraus, sind das erste Mal auf See. Und sie zahlen Lehrgeld – in Form von Schnur, die sich auf der Rolle verheddert und abgeschnitten werden muss. Ihre Pilker bleiben am Grund hängen und die Bordnachbarn werden sauer, weil die Weißwurstangler ihre Leinen ständig über die anderer Angler werfen. Das führt zu Schnursalat, der mühselig und zeitraubend entwirrt werden muss.

Nach einer Viertelstunde erneutes Hupen: Angeln einholen. Hier wird das nichts, Kapitän Jens sucht einen anderen Platz. Kaum sind dort die Angeln ausgeworfen, ertönt der ersehnte Ruf: Fisch! Bei einem der Jungspunde biegt sich die Angel, er kurbelt schwer, die Schnur wandert unruhig durchs Wasser und nach zwei Minuten zeigt sich ein weißer Bauch neben dem Boot. Nobby kommt mit dem Gaff. Mit dem gebogenen Haken spießt er den Fisch auf und holt ihn an Bord. Ein schneller Schlag auf den Kopf, ein Schnitt durch die Kehle – drei Kilo bringt der braungrüne Dorsch auf die Waage. Länger als 38 Zentimter ist er allemal – das Mindestmaß, ansonsten müsste man ihn zurückwerfen.

Es gibt also Fisch da unten – nun erfasst das Angelfieber endgültig alle. Auswerfen, einholen, sanftes Zucken, heftiges Reißen – dazwischen wandern verstohlene Blicke in die Kiste mit dem einzigen Fang. In diesem Moment würde jeder – klammheimlich – die Zweihundert-Euro-Wette annehmen, dass er am Ende mit einem noch viel schwereren Kaliber von Bord gehen wird. Man experimentiert: Silberne Pilker werden gegen goldglitzernde getauscht, grüne Würmer gegen blaue Krabben, auch Gummifische kommen zum Einsatz.

Jens wechselt jede Viertelstunde den Einsatzort. „Ihr müsst zum Grund“, mahnt Nobby. „Und räumt die Tannenbäume ab!“ Gemeint sind die mit bunten Beifängern überladenen Montagen der Berliner. Und tatsächlich biegt sich während der nächsten Stunde immer wieder mal eine der Ruten. Als der Kapitän um elf die Mittagspause verkündet, liegen sieben Dorsche an Bord.

In der Kajüte gibt es Bohnensuppe mit Würstchen. Die Helden sind aufgedreht oder kleinlaut, das Adrenalin löst die Zungen. Nobby, der vor drei Jahren eine gute Stellung als Schiffsausrüster aufgegeben hat für den Job an Bord, hört zu. Er kann das, die „Monika“ führt auch Seebestattungen durch und er hält die Trauerreden.

Wie geht es weiter mit der Ostsee und der Angelei und dem Fisch, der immer seltener beißt? „Wenn alle Kutter die Bestimmungen einhielten, würde sich der Dorschbestand erholen, da bin ich sicher.“ Es ist die Klage aller Fischer an der Küste, und sie ist berechtigt. Eben wurde angeblich wieder ein polnischer Trawler aufgebracht, mit acht Tonnen Fisch zu viel an Bord. Aber auch die Dänen ..., Nobby schüttelt den Kopf. Die Angelkutter fallen neben der Berufsfischerei kaum ins Gewicht. Immer wieder gibt einer auf, weil sich bei steigenden Kosten das Geschäft nicht mehr lohnt. „Wir achten auf Einhaltung der Mindestgrößen. Und wir fahren auch nicht in die Gebiete der großen Laichdorsche, weil wir die Rekordsucht vieler Angler nicht mitmachen. Dafür sind wir von den sieben Angelkuttern in Heiligenhafen der fröhlichste, bei uns haben auch Anfänger ihren Spaß.“

Dies gilt nicht unbedingt für die Bayern an diesem Tag. „Ihr sollt nicht die Ostsee umrühren, Männer, ihr müsst sensibel rangehen“, mahnt Nobby. Aber die sind es nach einer weiteren Stunde erfolglosen Pilkerbadens leid. Wenn sich die Angel schon mal biegt, kommt ein Stück Kraut hoch oder ein kleiner Seestern – da widmen sie sich lieber dem Bier vom Fass.

Wieder setzt Regen ein und jagt waagerechte Duschen in die Gesichter. Am Horizont verschwinden die Windräder von Fehmarn, die Umrisse der „Klaus Peter“ lösen sich auf im Dunst. Heldenwetter ist jetzt: Die, die weiterkurbeln und ab und zu ins Schlingern geraten, werfen sich anerkennende Blicke zu. Und sie fangen – es ist keiner von diesen ganz schlechten Tagen, an denen 30 Mann ohne einen einzigen Fisch nach Hause gehen. 15 Dorsche, alle zwischen drei und vier Kilo, sind es am Ende. Als „Schneider“, wie erfolglose Angler im Fachjargon abgestraft werden, stolpern nur die Bayern von Bord.

Um zwei Uhr ist dann Schluss. Nobby klappt die Stahltische herunter, neun Angler nehmen ihre Fische aus und filetieren sie gleich fachgerecht an Bord. Ein letztes Bier, ein Nickerchen, die rauen Kerle verwandeln sich zurück in brave LKW-Fahrer, Sozialarbeiter, Klempner und Polizisten. Sie sind müde, aber – mit bayrischen Ausnahmen – zufrieden mit sich und der See. Super Tag, das. Ein Tag für Salzwasserhelden eben.

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