Ostseeinsel Rügen : Spiel mit dem Sturm

Die deutschen Romantiker priesen Lohme. Der Ort auf Rügen ist ursprünglich geblieben – und trotzt Wind und Wetter.

Dolores Kummer
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Die Findlinge vor Rügens Küste bei Lohme sind während der jüngsten Eiszeit mit Gletscherströmen aus Bornholm gekommen. -Foto: laif

Windstärke zwölf auf Rügen. Gischt, vollständig weiße See, Windgeschwindigkeiten bis zu 32,6 Meter pro Sekunde – mit entsprechenden Verwüstungen. Doch das war gestern. „Wenn man jetzt in einen Wald geht, sollte man festes Schuhwerk tragen“, rät Matthias Ogilvie, Direktor des Panoramahotels. Von Lohme aus wollen wir sieben Kilometer westlich durch den Küstenwald wandern. Das Dorf liegt auf einem Hochplateau, ist erstes erwähntes Seebad der Insel und gilt als das nordwestliche Tor zum Nationalpark Jasmund. Vor zwei Jahren geriet der Ort durch massive Küstenabbrüche in die Schlagzeilen. Ein Dorf, von dem mancher meint, es verschwände bald ganz von der Landkarte. „Lohme lohnt!“, verspricht Matthias Ogilvie unbeirrt. Bei Wildkräutersalat, zartem Lammfilet aus seiner Küche, Grauem Burgunder und Ziegenkäsebällchen vom Biohofgut Bisdamitz sind wir geneigt, ihm zuzustimmen.

Nach Bisdamitz soll auch unsere erste Tour führen. Der Wind bläst noch kräftig, überall liegen Äste und sogar dicke Baumstämme quer über dem schmalen Pfad. Ogilvie ist mit uns unterwegs und kommt ins Plaudern. Der Rheinländer besuchte kurz nach der Wende zum ersten Mal Rügen und, natürlich, den Königsstuhl, den er nur von Gemälden des Caspar David Friedrich kannte. Dann entdeckte er in unmittelbarer Nachbarschaft des Felsens das Dorf mit dem alten Badehaus. Der Historiker Ogilvie fand alles faszinierend – und wurde gewissermaßen über Nacht zum Hotelier.

Schon Theodor Fontane stand einst auf der Seeterrasse und verglich Lohme gar mit Sorrent, vermutlich vor allem wegen der Sonnenuntergänge. Doch bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert hatten die Romantiker Lohme entdeckt. „Hier war überhaupt die Wiege der deutschen Romantik“, hat Ogilvie recherchiert. Und er versäumt nicht darauf hinzuweisen, wie unheimlich und furchterregend der Wald doch ausschaue. Im Gänsemarsch folgen wir ihm. Mal geht es die schmalen, mit Holz befestigten Treppenstufen steil hinauf, dann wieder hinunter, durch kleine Bachläufe und über glitschigen Kreideboden. Über 25 Quellen ergießen sich vom nahe gelegenen Piekberg ins Meer. Er ist mit 161 Metern die höchste Erhebung der Insel, und bei klarer Sicht kann man bis nach Schweden sehen.

Der Uferweg ist unerwartet abwechslungsreich, riesige Baumstämme, fest umschlungen von armdicken Efeuranken, hat es beim Sturm der vergangenen Tage entwurzelt. Wir klettern, steigen, kriechen darüber hinweg. Auf den Höhen öffnet sich der Wald zu Aussichtspunkten mit herrlichen Blicken auf Kap Arkona, den nördlichsten Punkt der Insel. Dieses Motiv hat Caspar David Friedrich oft gemalt. Hier irgendwo hat er gesessen, fasziniert von der See, die hier stürmischer ist als andernorts. Ähnlich empfand es auch der Maler Karl Hagemeister, dessen „Lohmer Sturmbilder“ im Bröhan-Museum Berlin zu sehen sind.

Im 19. Jahrhundert kamen so viele Badegäste nach Lohme, dass eine Schnellzugverbindung vom Stettiner Bahnhof bis nach Sargard eingerichtet wurde. Aus dem Fischerdörfchen mit seinen Strohdächern wurde bald eine Ansammlung mondäner Villen. Es gab Tennis- und Croquetplätze und einen Landungssteg für Dampfer. Erholungsbedürftige wussten immer Seeluft und Waldesruhe zu schätzen. Um 1890 kam das „Draußenbaden“ in Mode, und Lohme verfiel in einen Dornröschenschlaf. Es hatte keinen nennenswerten Sandstrand.

Riesige Steine, durch Urgewalten angespült, säumen das Ufer, darunter gigantische Findlinge wie der „Schwanstein“ am Hafen. „Die meisten Steinriesen stammen von Bornholm und wurden in der Eiszeit von gewaltigen Gletscherströmen herübergetragen“, hatte tags zuvor Peter Müller erzählt. Er nennt sich „Steinmüller“ und führt einen kleinen Laden an der Hafentreppe von Lohme. Er bearbeitet Steine, Seeglas, Flinte und weiß einiges über Donnerkeile, Seeigel und Hühnergötter zu sagen. Außerdem hat er ein umfangreiches Antiquariat mit Büchern, Stichen und Postkarten von der Insel.

Auch wir suchen nun die Hühnergötter am Strand, Feuersteine in denen sich häufig Einschlüsse aus Kristall, Kreide oder Fossilien befanden und die vom Meer herausgespült wurden. Sie sollen Glück bringen. Jeder findet einen. Allerdings will jemand nun auch noch einen Seeigel dazu und blickt etwas enttäuscht, als wir weiter wandern. „Ist seltener“, sagt Ogilvie und schiebt sich mithilfe seines eleganten Stockschirmes den Berg hinauf. Jetzt wird es steil. Sechzig, siebzig Meter geht es aufwärts. Oben öffnet sich der Gespensterwald und gibt den Blick frei auf das Hofgut Bisdamitz. Für all die Mühen belohnen wir uns mit schmackhaftem Käse von Kuh, Schaf und Ziege.

In diesem Jahr gab’s für Lohme endlich einen „Orden“. Das Dorf darf sich nun „Staatlich anerkannter Erholungsort“ nennen. „Zehn Jahre haben wir hart dafür gekämpft“, sagt Bürgermeister Jörg Burwitz. Ja, aber Lohme verschwindet doch bald, fällt gänzlich ins Meer. Burwitz verzieht entnervt das Gesicht: „Mensch, ihr mit euren Abbrüchen. Jetzt wird erst mal ein zweites Gutachten gemacht, dann sehn wir weiter. Vielleicht bringt’s sogar Vorteile. Ist ’ne Menge Sand da runtergekommen, könnte vielleicht sogar ein schöner Strand werden.“

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