Australien : Northern Territory lohnt sich bei jedem Wetter

Australiens Northern Territory ist auch in der Regenzeit ein lohnendes Reiseziel. Denn kalt wird es nicht.

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Erfrischende Wasserfälle und natürliche Badebecken bietet der Kakadu-Nationalpark, wie hier bei Gunlum Falls, die seit "Crocodile Dundee" ein Begriff sind .
Erfrischende Wasserfälle und natürliche Badebecken bietet der Kakadu-Nationalpark, wie hier bei Gunlum Falls, die seit "Crocodile...Foto: Clemens Emmler/Laif

Es regnet – nein: Es schüttet, es pladdert, es kübelt, es gießt. Sturzbäche schießen zwischen den Ständen auf dem Parap-Markt von Darwin hindurch. Zur Mahlzeit mit Singapur Noodles und kambodschanischen Reisbällchen, trommeln Wasserkaskaden auf Blechdächer und peitschen Palmen – ja, alle Wetter! Wer immer aus Darwins Vielvölkergemeinschaft eben noch einen Mango-Lassie geschlürft hat, ist unter den nächsten Unterstand geflüchtet. Wer es aber nicht mehr ins Trockene geschafft hat, stochert patschnass in seinem Thai Chicken: Ist ja immer noch 32 Grad heiß. Kommt ja doch gleich wieder die Sonne hervor. Auch in der Regenzeit ist das australische Northern Territory ein großartiges Reiseziel.

Von Januar bis April dauert die nasse Jahreszeit in Australiens nördlichem mittleren Drittel, das viermal so groß ist wie Deutschland. Es regnet mit großer Zuverlässigkeit. Auch gern mehrmals täglich – was nicht ausschließt, dass vier Tage lang kein Tropfen fällt und eine unermüdliche Sonne Einheimischen und Besuchern gleichermaßen einheizt.

Während dieser Zeit Australiens „Top End“ zu besuchen, bringt Vor- und Nachteile mit sich. Tiere drängen sich nicht, wie während der Trockenzeit, beobachtungsfreundlich an Wasserlöchern zusammen, sondern finden Rückzugsgebiete. Eukalyptuswälder erstrahlen jedoch in frischem Hellgrün, Wassermassen verwandeln staubtrockene Ebenen in glucksende Zaubersümpfe. Und der Reisende teilt sich Restaurants, Boote und Sehenswürdigkeiten nur mit wenigen Touristen. Wer Wetter in all seinen Facetten nicht scheut und es am liebsten extrem auf seiner Haut spürt, ist jetzt und hier am richtigen Platz.

Dem Wetter ist es auch geschuldet, dass Darwin, das Zentrum des Nordens, unter den ohnehin nicht alten Städten Australiens so etwas wie ein Kleinkind ist. In der Weihnachtsnacht 1974 orgelte der Zyklon „Tracy“ mit bis zu 260 Stundenkilometern über die Stadt. Viel blieb nicht übrig, was an ein geordnetes Gemeinwesen erinnerte: Von 14 000 Häusern blieben nur 400 stehen, 71 Menschen starben, zehntausende mussten evakuiert werden. Im Museum zeigt heute ein Film vom Tag danach: Berge zerknüllten Wellblechs und Bäume, in die Metallfetzen schlugen wie Schrapnelle. In einer schalldichten Kammer hämmert, heult und röhrt der Hexensturm auch heute noch – von denen, die den Sturm damals erleben mussten, wagt sich fast niemand in das akustische Inferno. Danach wurde Darwin stabiler und zumindest anfangs nur noch ein- bis dreistöckig wiederaufgebaut. Heute, da das Wissen erweitert und die Materialien verbessert sind, wagen sich manche Blocks schon wieder höher hinaus. Am Hafen entstehen gar neue, luftige Blocks aus Glas und grauem Stahl, die Muschel eines Kongresszentrums erhebt sich hinter einer künstlichen Lagune, junge Palmen zieren Grünflächen – das Viertel will erst noch ein gestandener Stadtteil werden.

Wetter spielt für die Bewohner des Northern Territory immer schon eine bedeutende Rolle. Die Aborigines kennen bis zu sieben Jahreszeiten, sagt Reiseführer Sab Lord. „Und alle entsprechen sie den Nahrungsmitteln, die dann zur Verfügung stehen: Beeren, Fische, Schildkröten, Wallabys.“ Sab Lord ist 50, eine gedrungene Ausgabe von Richard Burton, strotzend vor Selbstbewusstsein und Testosteron. Er hat drei Schlangenbisse, eine Ehe und Tausende von Remplern anderer Rugby-Profis überstanden, ehe er sich als Touristguide selbstständig machte. Aufgewachsen auf einer weltfernen Rinderfarm im Kakadu-Gebiet, gemeinsam mit Kindern der Aborigines-Arbeiter.

Die Ebenen um das Bamurru Plains Camp sind weithin überschwemmt. Mit lautem Geknatter sucht sich das pfeilschnelle propellergetriebene Sumpfboot seinen Weg zwischen dem wogenden Gras. Wasserbüffel prusten im Schlamm, ein Jabiru, der schwarzköpfige Storch mit klugen Bernsteinaugen, stakst vorsichtig durch den Matsch, Blatthühnchen laufen leichtfüßig über Wasserpflanzen, fast wie weiland der Heiland. Hinein in lichte Wälder aus Papierrindenbäumen gleitet das Boot, zwischen rosa Lotosblüten und tellergroße Seerosenblätter. „Im August ist hier alles trocken“, heißt ab jetzt der Standardsatz.

Acht der 13 Straßen im 20 000 Quadratkilometer großen Kakadu-Nationalpark sind in diesen Tagen gesperrt. Doch auch nur jetzt in der Regenzeit, wenn wenige Touristen unterwegs sind, führt Sab seine Gäste zu den Nourlangie-Felsmalereien, der Bilderschule der Ureinwohner: Die ockerfarbenen Wallabys, die hüpfenden Frauen und der insektenähnliche „Lightning Man“ sind Zeichnungen, anhand derer die Alten die Jungen seit 20 000 Jahren die Regeln der Jagd, die Geheimnisse der alten Mythen und den Spaß am Tanzen lehren. „Meine eingeborenen Freunde bringen ihre Kinder zu solchen Malereien und zeigen ihnen die Schritte, damit sie sich bei den Zeremonien nicht blamieren“, sagt Sab.

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