Australien : Sydney - Stadt für alle Gelegeneheiten

In Sydney kann man all das tun, was man in jeder anderen Metropole auch machen kann: shoppen und Museen anschauen. Nebenher hat die Stadt aber auch 40 Strände.

Hella Kaiser
Sydney
Eindrucksvoll. Wie in jeder anderen Metropole kann man in Sydney shoppen oder die Kultur genießen - oder man geht an einen der 40...Foto: getty

24 Flugstunden sind kein Pappenstiel. Das Zeitgefühl ist auf den Kopf gestellt. Jetzt, am Vormittag, gehen sie in der Heimat gerade zu Bett. Schon möglich, dass der Jetlag Halluzinationen auslöst. Denn kann es sein, dass dort oben auf dem eisernen Bogen der Harbour Bridge Menschen herumspazieren? Stadtführer Les grinst und sagt: „Sie tun es jeden Tag, sogar nachts.“ 80 Euro mindestens koste so ein Bridge Climb und sei gar nicht so dramatisch, wie es aus der Ferne wirke. „Alle gehen hintereinander und sind mit Seilen gesichert“, erklärt Les. Dabei hätten die Teilnehmer nicht einmal einen schmalen Grat unter den Füßen, sondern einen ziemlich breiten Weg. Erst neulich habe eine 89-Jährige den Bridge Climb absolviert. „It was very easy“, habe sie anschießend erfreut gesagt.

Man kann aber auch ganz normal über die gut einen Kilometer lange Bogenbrücke spazieren. Und dabei Port Jackson bewundern, den größten Naturhafen der Welt mit rund 240 Kilometern Uferlinie. Gerade fährt die „Silversea“ hinein, eigentlich ein mächtiges Kreuzfahrtschiff. In der riesigen Bucht aber scheint es sich zu verlieren. Sogar das Opernhaus, das millionenfach fotografierte Kunstwerk des dänischen Architekten Jørn Utzon, wirkt von der Brücke aus eher wie eine gefaltete Spielzeugschachtel. Von Weitem ist der 1973 eröffnete schwanenweiße Kulturtempel überaus beeindruckend. Geht man näher heran, entdeckt man viel Patina. Schmutzig-graue Flecken haben sich auf der spektakulären Dachkonstruktion breitgemacht, schadhafte Stellen sind unübersehbar. Da steht wohl bald eine Renovierung an.

„Die Brücke, 1932 eingeweiht, war erst 1988 abbezahlt, für das Opernhaus werden wir also noch eine Weile blechen müssen“, sagt Les lächelnd. Das scheint die Sydneysider, wie sie sich selbst nennen, nicht besonders zu beunruhigen. Ihre Metropole boomt immer mehr. Die schicken, teuren Restaurants im Hafenviertel „The Rocks“ sind gut besucht, die Ausgehmeile brummt. Schwer vorstellbar, dass die Gegend hier vor gut 220 Jahren noch weitgehend unbewohnt war.

Ende Januar 1788, achtzehn Jahre nach der Entdeckung durch Captain James Cook, kamen die ersten Schiffe. An Bord waren neben Seeleuten und Soldaten 800 Sträflinge aus Großbritannien. Jämmerlich war das Dasein, das sie hier fristen mussten. Der selbstherrlich regierende Gouverneur William Bligh, Ex-Kapitän der Bounty, war alles andere als ein Menschenfreund. Gouverneur Lachlan Macquarie wurde schließlich damit beauftragt, „die Moral zu verbessern“. Er begann ab 1810 damit, Sydney zu formen. Straßen, Brücken und öffentliche Gebäude wurden errichtet, freie Siedler kamen, die Häftlingstransporte wurden gestoppt. Gemütliche Pubs wie „The Hero of Waterloo“ und „Lord Nelson“ entstanden. Beide existieren immer noch, die Tresen sind unverändert.

The Rocks mit seinen gediegenen viktorianischen Häusern steht unter Denkmalschutz – und hat sich nahe der ausgedienten Werften schick gemausert. Auch das innovative Sydney Theatre ist in dieser Gegend zu finden. Auf seinen Brettern wurde einst Nicole Kidmans Talent entdeckt. In den feinen Restaurants wird asiatisch, türkisch, französisch oder italienisch gekocht. Wie in den Herkunftsländern schmeckt es dennoch nie, denn die Rezepturen werden multikulturell gemixt und trendy als Modern Australian, kurz Mod Oz, angepriesen.

An der quirligen Hafenmeile rund um die Circular Quay, wo alle naselang Fähren ablegen, trifft sich die Welt. Hier können die Menschen flanieren, was im Geschäftszentrum der Stadt nicht so recht gelingen will. Sydney ist eine Metropole für Autos, für Fußgänger hat sie kein Herz. Ständig wird man von roten Ampeln gestoppt, die nur dann grün werden, wenn man einen Knopf gedrückt hat. Der Farbwechsel dauert gefühlte Ewigkeiten. Bei der Überquerung der Straßen muss man sich sputen, weil die Grünphase offenbar nur für Jogger programmiert ist. Sieht man deshalb kaum alte Menschen in Sydneys Zentrum? Die Jugend und – tagsüber – eilige Geschäftsleute dominieren das Bild.

Der erschöpfte Tourist flieht in einen der zahlreichen Parks. Im weitläufigen Royal Garden zum Beispiel wirkt Sydney nicht mehr hastig, sondern überaus relaxed. Mrs. Macquarie genoss hier den Ausblick aufs Wasser und noch immer ist „Stuhl“, den ihr Mann aus einem Fels formen ließ, ein herrlicher Ausguck. Im Park müssen die Spaziergänger nicht auf den Wegen bleiben. „Bitte, laufen Sie auf dem Gras herum“, ermuntert sogar ein Schild. Weiter heißt es: „Wir laden Sie ein, die Bäume zu umarmen, zu picknicken und mit den Vögeln zu sprechen.“ Kann eine Stadt Bürger und Besucher freundlicher behandeln?

Ein Stück weiter weist ein Schilderbaum zu den Metropolen dieser Welt. Auch nach Berlin wird die Richtung angezeigt. 16 117 Kilometer weit weg. Rom liegt auch nicht näher, und deshalb bestellen wir im Café weder Milchkaffee noch Cappuccino, sondern einen Flat White – wie ein waschechter Sydneysider. Das ist ein Espresso mit Milch, und die Mischung schmeckt prima. „Ja, der Kaffee ist gut“, bestätigt der in Sizilien geborene George. Vor bald fünfzig Jahren kam er hier an. Damals, sagt er lachend, sei der Kaffee ungenießbar gewesen. Aber dann hätten die pfiffigen Italiener den Australiern Espressomaschinen geschenkt – und hinterher sündhaft teuren Kaffee verkauft. „Das ist Business“ sagt George begeistert. Und hat noch eine Menge anderer Preise im Kopf. Cate Blanchett beispielsweise habe für ihre Villa in Hunter’s Hill vor fünf Jahren rund zehn Millionen Dollar bezahlt, aber heute sei das Anwesen wohl dreimal so viel wert. Russell Crowe soll für sein Penthouse an der Finger Wharf in der Wooloomooloo Bay 14 Millionen Dollar hingelegt haben. „Er ist nicht zu Hause“, sagt George mit Blick auf die schicke Adresse am Pier. Woher er das weiß? „Naja, seine Jacht parkt nicht vor der Tür.“

Natürlich kann man in Sydney all das tun, was man in jeder anderen Metropole auch machen kann: shoppen und Museen anschauen. Im QVB, der schön restaurierten alten Markthalle im Queen Victoria Building, sind gleich 200 Läden untergebracht. Und im Museum für australische Kunst sieht man nicht nur Modern Art, sondern wird Zeuge der Geschichte. Denn die Künstler aus Europa malten ihre neue Heimat zunächst mit „altem“ Blick. Auf vielen Werken des 19. Jahrhunderts wirkt die australische Wildnis wie eine englische Kulturlandschaft. In Darling Harbour, einem jüngst schick gemachten Hafen gleich neben dem Geschäftsviertel, liegt die Endeavour, ein Nachbau von James Cooks legendärem Segelschiff. „Natürlich ist es seetüchtig“, sagt ein Wächter stolz. Und schickt die Besucher ins große Maritime Museum, wo man mehr über Cooks Fahrten erfahren kann.

Überhaupt kann man sich in Sydney mit seinen rund 30 Museen mit Wissen vollstopfen. Nur: Die Metropole hat rundherum auch knapp 40 Strände. Die Frage am Circular Quay ist einzig: Zu welchem fahre ich heute? Manly ist gewählt. Kaum hat das gelb-grüne, liebenswürdig altmodische Schiff am Kai Nummer drei abgelegt, sieht man erst mal wenig. Denn alle Passagiere ballen sich an der Reling, um wieder und wieder das Opernhaus, die Harbour Bridge und die Hochhaus-Silhouette von Downtown Sydney zu fotografieren. Langsam entfernt sich die Moderne, und eine halbe Stunde später steigt man in einer altmodischen, ruhigen Welt wieder aus. Manly wirkt wie ein aus der Zeit gefallener Badeort. Da ist der Corso, die Fußgängerzone, gesäumt von niedrigen Häusern aus den 20er Jahren. Rosa gestrichen ist das New Brighton Hotel und lindgrün sind die Ocean Beach Tea Rooms von 1898. Am Ende des Corsos breitet sich der sogenannte Surf Beach aus.

Es ist 11 Uhr vormittags. Das ist nicht die passende Zeit für den Strand. Im Sydney Morning Herald steht jeden Tag, gleich nach den aktuellen Informationen für Angler, „heute könnten Sie Glück mit dem Jewfish haben“ – die Intensität der Sonneneinstrahlung! Als „moderat“ wird sie an diesem Tag eingestuft, doch zwischen zehn und vierzehn Uhr sollte man sie dennoch meiden. Wer sich jetzt trotzdem sonnt, dürfte ausnahmslos unbelehrbarer Europäer sein. Australier liegen auf ihren Surfbrettern und haben eng anliegende Schutzanzüge an. Badende sieht man kaum. „Achtung, Achtung“, dröhnt eine Stimme aus einem verborgenen Lautsprecher, „ab Mittag wird die Strömung stärker.“ Am Strand fährt ein Mann auf einem Moped, ein Schild mit derselben Warnung in der Hand. Oben kreist ein Hubschrauber. „Die schauen, ob ein Hai in der Nähe ist“, sagt die Manlyerin Charlotte Barry. Soll noch einer sagen, man hätte nicht gut auf ihn aufgepasst.

An der Seafront sind die Lokale ziemlich teuer. Einheimische zeigen, dass man Manly auch günstig genießen kann. Unter den Pinien haben sie auf Tischen ihren Proviant ausgepackt. Vorzugsweise werden Fish and Chips aus der Tüte verzehrt. Weil immerfort Menschen vorbeijoggen, will man nicht faul sitzen bleiben. Eine Küstenwanderung lockt. An allen Stränden gibt es diese fabelhaften „Coastal Walks“, meist mit spektakulärem Meerblick. In Manly führt der Weg durch geschützte Natur, die Teil des Nationalparks geworden ist. Immer schmaler wird der Pfad und führt bald durch buschiges, von hohen Sträuchern gesäumtes Gelände. Durchaus sandalenfähig, aber ist das in Ordnung? Drohen nicht in Australien giftige Tiere? Gerade noch kann man sich unter einem Spinnennetz wegducken, in dem ein achtfüßiges Riesentier hockt. Unten raschelt es. Eine Schlange etwa? Hätte man bloß Stiefel angezogen. Kurz bevor man hasenfüßig umkehren will, nahen fröhliche Jugendliche in Badelatschen.

Unten, in der Cabbage Tree Bay, baden sogar Kinder. Dort ist nicht einmal ein Haifischnetz gespannt. Ein Schild verkündet jene 25 Tierarten, die sich hier tummeln. Der blau gefleckte Schmetterlingsfisch etwa, aber eben auch der Port Jackson Shark. 1,65 Meter lang, „normally harmless“, heißt es. Normalerweise harmlos? Und wenn er aus der Art geschlagen ist oder einen schlechten Tag hat? Stolz ist man offenbar, dass auch der Grey Nurse Shark, manchmal über drei Meter lang, hier schon gesichtet wurde. Er gehört zur Gruppe der bedrohten Tierarten, aber weiß er auch, wie er sich zu benehmen hat? „Wir haben öfter Shark Alarm in Manly“, sagt Charlotte Barry. „Naja, dann verlassen die Leute langsam das Wasser, der Hubschrauber verjagt ihn, und danach gehen alle wieder rein.“ Easy going eben, oder wie sie hier gern sagen, „laid back“ – ganz unaufgeregt eben.

Man kann den Raubfischen auch überlegen begegnen. Zum Beispiel, indem man sich, abends zurück am Circular Quay, im schicken Café Sydney, eine Haifischsuppe bestellt. Oben, im fein restaurierten Zollgebäude, befindet sich das Café und bietet einen herrlichen Ausblick auf die bunt angestrahlte Brücke.

Was bleibt für den letzten Tag? Doch noch den Bridge Climb wagen? Oder lieber einen anderen Strand ausprobieren? „Versuchen Sie doch die Watson’s Bay“, empfiehlt die freundliche Dame vom Tourismusbüro. Zwanzig Minuten braucht die Fähre – und dann liegt man in einer feinsandigen, ruhigen Bucht und blickt sehr entspannt auf Sydneys Hochhäuser. In den Bäumen hinterm Strand zwitschern knallgrüne Vögel. Hier möchte man manch ein Wochenende verbringen. Einziges Problem: Berlin ist 16 117 Kilometer weit weg.

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