Neuseeland : 650 Kilometer mit Pfiff

Neuseeland lässt sich gut per Bahn entdecken. Zwölf Stunden braucht der "Overlander" von Wellington bis Auckland – und offeriert schönste Panoramen.

Markus Howets
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Diesellok voraus. Wenn sie sich am Fuß der Berge entlangkämpft und eine Brücke nach der anderen nimmt, schwelgen die Passagiere in...Foto: Mauritius

Pünktlich um 7 Uhr 25 setzt sich die Lokomotive ruckelnd in Bewegung. Wie jeden Morgen startet der „Overlander“ von Wellington nach Auckland, gut 650 Kilometer in zwölf Stunden – „through the Heart of the Country“, durch das Herz des Landes, so der Slogan des ausliegenden Werbeprospekts. Genauer gesagt durch den Großteil der Nordinsel Neuseelands. Eine Bahnfahrt wie jede andere? Weit gefehlt, denn hier wird Zugfahren zelebriert – man fühlt sich in eine andere Zeit versetzt. Man will nicht nur von Ort zu Ort, die Reise selbst ist das Ziel. Detailliert beschreibt der Zugbegleiter Steve den Reiseverlauf, macht dazu ein paar Witze und kümmert sich um die Gäste. „Es ist wie vor einer großen Premiere im Theater“, kommentiert eine junge Britin. Stimmt. Die Fenster sind riesig, die Sitze gut gepolstert und die Beinfreiheit ist größer als in jedem Konzertsaal.

Als Ouvertüre steht heute ein perfekter Sonnenaufgang auf dem Programm. Hinter den Bergen im Osten lugt der große Feuerball allmählich über die Bergkette und hüllt schließlich die Seenlandschaft um Wellington in rötlich warmes Licht. Glücklich rekeln sich die Fahrgäste und schlürfen genüsslich ihren Kaffee. Abrupt wird die romantische Stimmung unterbrochen – der Overlander taucht für 4,5 Kilometer in einen Tunnel. Den fünftlängsten des Landes, wie Zugbegleiter Steve erklärt. Dann aufatmen, endlich präsentiert die sanfte Hügellandschaft dem Auge wieder feinste optische Leckerbissen. Entlang der Tasman-See mit Blick auf die Kapiti Inseln, ein Naturreservat, bahnt sich die Diesellok ihren Weg Richtung Norden. Das frühe Sonnenlicht verwandelt die Landschaft in eine zauberhafte Märchenwelt. Kurz vor Paraparaumu, wo die Strände besonders schön sind, kündigt die Lok pfeifend ihre Ankunft an. Einige wenige Touristen besteigen den Zug. Langsam setzt er seinen Weg auf der historischen Zuglinie fort, entlang dem Tararua Forest Park – sanfte Hügel, Regenwald, Farndickichte und Wiesen mit weidenden Schafen wechseln einander ab. „Man möchte sie glatt zählen“, sagt die Engländerin. „Nicht nötig“, kommt prompt die Antwort eines Mitreisenden. Das sei längst geschehen. 450 Millionen Schafe sollen es sein, weiß er.

„Soeben überqueren wir den Manawatu River“, tönt es aus dem Lautsprecher. „Der Fluss ist unter den Flüssen Neuseelands einzigartig“, heißt es. Er entspringe auf der Ostseite der die Insel teilenden Gebirgszüge und münde auf der Westseite. Bei der Manawatu Gorge habe er das Gebirge durchbrochen. Eilig huschen einige Passagiere durch zwei weitere Abteilwagen, ihr Ziel ist die Aussichtsplattform – der beste Platz für Fotografen. Gar nicht so einfach, bis dahin vorzudringen, denn für das Überqueren der Waggonverbindungen braucht man gutes Stehvermögen, und auf der Plattform selbst ist nur für sechs Personen Platz. Spätestens hier macht sich das Wild-West-Gefühl breit – das Rattern der Räder ist ohrenbetäubend, und in der Kurve sieht man von der Brüstung, wie sich die Lok am Fuß der Berge entlangkämpft. In Palmerston North, nach etwa 100 Kilometern, hat die Lok ihren Dienst getan und wird gegen eine andere ausgetauscht. Eine gute Gelegenheit, sich auf dem einsamen Bahnhof die Füße zu vertreten.

Kleine Gruppen von Passagieren stehen beisammen, tauschen Reiseerfahrungen aus. Eine Schweizerin aus Zürich berichtet vom Glacier Express zwischen Davos und Zermatt, Sally aus Philadelphia erzählt begeistert von ihrer Nepal-Tour und Susan aus Südafrika empfiehlt den Desert Express in Namibia. „Aber hier ist es etwas ganz Besonderes“, findet eine deutsche Touristin mit bayerischem Zungenschlag. „Irgendwie europäisch und doch so anders“, bringt sie ihre Eindrücke auf den Punkt.

Die Lokomotive pfeift, Schaffner Steve wirft einen letzten Blick auf die Gleise, und schon ist der Overlander mit neuer Lok wieder umgeben von Wiesen, Schluchten und Bergen. Nach Hunterville überquert der Zug den Rangitikei River gleich vier Mal in sieben Minuten. Immer wieder sind es die Brücken, die sich wie gemalt in die Silhouette einer unberührten Landschaft einfügen. Kurz hinter Okakune ist die Plattform heiß begehrt. Jetzt passiert die Diesellok eine enorme Schlucht über eine gut 300 Meter lange Brücke. Emsig werden die Kameras in Position gebracht.

Wenige Minuten später ist die Hälfte der gesamten Strecke geschafft. An der Nationalparkstation heißt es „Time for lunch“, Mittagessen. Mit Blick auf den Tongariro National Park und seine knapp 3000 Meter hohen Gipfel wird diese Rast bei Sandwich und Pommes frites zum Fest. „Da genießt man den Anblick der verschneiten Gipfel, und fünf Minuten später sind sie in dicke Wolken gehüllt“, beschreibt eine Passagierin aus Auckland ihre Erfahrungen mit den Wetterkapriolen dieser Region. Heute ist der Panoramablick tadellos.

In Taumarunui erreicht der Zug das Tor zu Neuseelands größtem Skigebiet am Mount Ruapehu – zugleich Ausgangspunkt für zwei Bahnstrecken mit der Dampflok. Nach Süden hin zum Vulkan Plateau am Mount Ruapehu, nach Westen über 86 Kilometer durch 24 Tunnel und weite Täler bis nach Stratford und New Plymouth. Gerade mal 6500 Einwohner zählt das Städtchen und sieht aus wie die meisten seiner Größe – eine Straße, ein paar einfache Holzbauten, ein Hotel, eine Bank, Pub und Store. Was will man mehr?

Der Waggon Nr. 7 des Overlander gleicht inzwischen einem gemütlichen Wohnzimmer. Querbeet verteilt parlieren und kichern die Fahrgäste aus aller Welt, das Bistro versorgt sie großzügig mit warmen Speisen und Getränken, die neue Zugbegleiterin Sarah informiert über wichtige Details der Reise. Etwa über Tekuiti, das alte Goldgräberstädtchen und heutige Zentrum für Schafscherer. Und sie teilt mit, dass die Lok ab Hamilton entlang dem mit 425 Kilometer längsten Fluss Neuseelands, dem Waikato River, Kurs nimmt.

Hinter Hamilton erstreckt sich flaches Weideland, soweit das Auge reicht. Bei Papakura, dem letzten Stopp, verabschiedet sich die Sonne. Kurze Zeit später blinkt die Spitze des Skytower, Aucklands Wahrzeichen und mit 328 Metern das höchste Gebäude der südlichen Hemisphäre.

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