White Island : Die Dämonen des Schwefels

White Island, vor Neuseeland gelegen, lockt Forschernaturen. Hier können sie in den Krater eines aktiven Vulkans hinabsteigen – gut geschützt natürlich.

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Ganz ruhig, bitte! Keiner der Touristen sollte den Vulkan jetzt vollends wecken. White Island, die unruhig schlafende Insel vor Neuseeland, wachte zuletzt 2007 auf.
Ganz ruhig, bitte! Keiner der Touristen sollte den Vulkan jetzt vollends wecken. White Island, die unruhig schlafende Insel vor...Foto: Tim Clayton/imago/GranAngular

Urplötzlich scheint das Gewicht einer tonnenschweren Dampfwalze auf den Brustkorb zu drücken. Der Besucher auf White Island vor der Pazifikküste Neuseelands schnappt nach Luft. Ein schreckliches Pfeifen begleitet jeden der zunehmend hektischeren Atemzüge, der Mann mit dem gelben Schutzhelm scheint dem Erstickungstod nahe. Vermutlich ist sein Gesicht kreidebleich, aber inmitten der wabernden Dampfschwaden verblassen alle Farben zu einer Art Einheitsgrau. Aus einer Hosentasche holt er ein kleines Spraydöschen, inhaliert, so gut es eben geht.

Bis das Asthmamittel wirkt, vergehen schrecklich lange Sekunden, vor dem geistigen Auge taucht plötzlich die Unterlassungserklärung wieder auf, die jeder Teilnehmer vor dem Ausflug nach White Island unterschreiben musste: Auf eigenes Risiko steigt man demnach in den Krater eines aktiven Vulkans.

Die infernalisch nach faulen Eiern stinkenden Schwefeldämpfe, die aus gelb umkrusteten Erdlöchern aufsteigen, sind eines dieser Risiken, weil sie nicht nur bei Menschen mit bereits vorhandenen Lungenproblemen lebensbedrohliche Erstickungsanfälle auslösen können. Richtig, mit einer Schutzmaske kann man sich vor diesem Gestank schützen. Also schnell die Maske aufs Gesicht drücken. Langsam wirkt auch das Asthmamittel, das Atmen fällt ein wenig leichter.

Nur gut, dass man nicht die erschrockenen Mienen der übrigen Ausflügler sieht, weil die Masken die Gesichtszüge verdecken. Irgendwie ähneln die Menschen den Soldaten in einem dieser historischen Filme, die im Ersten Weltkrieg mit ihren Gasmasken durch einen Giftgasangriff stolpern. Nur die Waffen sind durch Kameras ersetzt. Und die finden ausreichend spannende Motive.

Nur ein falscher Schritt und die Füße würden gekocht

Dampfschwaden steigen aus knallgelbem Boden vor blassgelben und rostroten Kraterwänden in einen strahlend blauen Himmel. Als ein Windstoß eine besonders ausladende Dampfwolke etwas zur Seite wirbelt, taucht unter ihr ein lindgrüner See mit anscheinend beinahe kochendem Wasser auf, natürlich sind die Ufer wieder knallgelb.

Tatsächlich ist das Wasser nur 60 Grad Celsius heiß, dafür aber so sauer wie Salzsäure. Etliche Meter weiter scheint ein Mini-Vulkan mit blassgelben Flanken aus dem Kraterboden zu wachsen. Milchigweiße Bäche strömen zwischen leuchtendgelben Ufern talwärts. Aus einem Schlammloch steigen blubbernd Dampfblasen auf und zerplatzen unter dem eigenen Gewicht.

Wenn doch nur die Atemmaske das Hantieren mit der Kamera nicht so behindern würde. Unter weißen Ablagerungen brodelt ein paar Schritte weiter kochendes Wasser unter einem kleinen Hügel, ein falscher Schritt und die Füße würden mitsamt den Stiefeln gekocht. Nur gut, dass der Vulkanführer seine kleine Gruppe mit Argusaugen beobachtet und aufpasst, dass niemand vom „Weg“ abkommt.

Tief durchatmen am Vulkan – nur mit Maske, bitte.
Tief durchatmen am Vulkan – nur mit Maske, bitte.Foto: imago/imagebroker/puchinger

200 000 Jahre ist dieser Vulkan alt, der mit seinen zwei Kilometern Durchmesser an der höchsten Stelle 321 Meter über den Meeresspiegel aufragt. Seither wechseln sich heftige Ausbrüche mit ruhigen Phasen ab. Die Gruppe ist übrigens in einer der ruhigen Phasen unterwegs. In solchen Zeiten wurde zwischen 1885 und 1933 auf dem 48 Kilometer vor der Küste gelegenen Vulkan Schwefel abgebaut. Allerdings wurde die Mine nicht aufgrund der Gefahren aus dem Erdinneren geschlossen, sondern ging schlicht bankrott. Seither haben Wind und Wetter, vor allem aber die giftigen Schwefeldämpfe ganze Arbeit geleistet und von der gesamten Anlage nur noch Betonruinen, massive Holzbalken und gewaltige, völlig verrostete Zahnräder übrig gelassen.

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